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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-09 · Heft 32 (9.8.1907) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 32. Berlin, 9. August 1907. Der Geineindevote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". Korrespondenten und Kochrichten. Deutschland. 8. Berlin, 1. August. Der Sanitätsrat Dr. med. Karl Edel, Begründer und Leiter des seit fast 40 Jahren bestehenden Asyls für Gemütskranke in Charlottenburg, feierte gestern feinen siebzigsten Geburtstag. In Köslin geboren, studierte Edel an der hiesigen Universität, bestand 1860 das Staatsexamen und ließ sich als praktischer Arzt zuerst in Stolpe nieder. Nach einigen Jahren kehrte er nach Berlin zurück, bildete sich unter Prof. Griesinger zum Psychiater aus und gründete 1869 in Charlottenburg die noch heute von ihm geleitete Irrenanstalt, die, mit 20 Betten eröffnet, jetzt 400 Betten umfaßt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten behandeln unter anderem den Selbstmord in den Irrenanstalten und die Lokaltherapie und Psychose, die Edel in der „Zeitschrift für Psychiatrie" veröffentlicht hat. Aber neben seiner Berufstätigkeit, die ihn stark in Anspruch nahm, widmete sich Edel den Interessen der Stadt Charlottenburg und der jüdischen Gemeinde. Das Vertrauen seiner Mitbürger beries ihn 1878 in die Stadtverordnetenversammlung, die ihn 1881 in den Magistrat wählte, dem er bis 1899 angehörte. Edel hat sich in dieser Stellung um das Gesundheitswesen von Charlottenburg große Verdienste erworben. Auch um die jüdische Gemeinde in Charlotten, bürg hat sich Sanitätsrat Edel, der außerdem dem „Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin", dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" u. a. als Vorstandsmitglied angehört, große Verdienste erworben. 22Berlin, 5. August. Geh. Sanitätsrat Dr. Heinrich Brock feierte gestern sein goldenes Doktor-Jubiläum. Er ist am 29. August 1832 zu Bromberg geboren, kann also in wenigen Tagen auch seinen 75. Geburtstag feiern. Brock besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studierte dann in Berlin Medizin. Nach Erlangung der ärztlichen Approbation 1858 ließ er sich in Bromberg als Arzt nieder. Obwohl seine Praxis in kurzer Zeit einen großen Umsang annahin, entfaltete er eine reiche öffentliche Tätigkeit. Wiederholt wurde er zum Stadtverordneten gewählt, die genossenschaftlichen Ideen von Schultze-Delitzsch fanden an ihm einen lebhaften Verfechter, er gründete mit Gesinnungsgenossen auf genossenschaftlicher Grundlage die Bromberger Gewerbebank. Frühzeitig brachte er auch dem ärztlichen Vereinswesen Verständnis entgegen; schon in den sechziger Jahren, lange bevor es z. B. in Berlin Standesvereine gab, gründete er den Verein der Aerzte des Regierungsbezirks Bromberg, der unter seiner Leitung eine Hebung der kollegialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der dortigen Aerzte herbeisührte. 1873 verlegte Brock seinen Wohnsitz nach Berlin. Auch hier nahm er alsbald lebhaften Anteil an dem ärztlichen Vereinsleben. Die altberühmte Hufelandsche Gesellschaft erwählte ihn zum Schriftführer; er bekleidet dieses Amt noch heule. Zusammen mit dem verstorbenen Prof. Zülzer gründete er 1878 die Deutsche Balneologische Gesellschaft, deren Generalsekretär er von Anbeginn ist. In den ärztlichen Standesvereinen betonte er schon .Ausgang der achtziger Jahre die Schäden, die dem Aerztestande aus der Handhabung des Krankenversicherungsgesetzes erwuchsen; vor allem erklärte er sich gegen das System der festangestellten Kassenärzte und die Mißstände, die eine Bewerbung um Kassenarztstellen im Gefolge hatten. So wurde er einer der Vorkämpfer der freien Arztwahl, hatte Anteil an deren Einführung in Berlin und war Mitbegründer des Vereins zur Einführung freier Arztwahl, der ihn schon vor vielen Jahren zum Ehrenmitgliede ernannte. Er erfreut sich einer beneidenswerten körperlichen und geistigen Frische, die es ihm ermöglicht, seiner ärztlichen Praxis und seinen Ehrenämtern vollauf gerecht zu werden. s. Berlin, 4. August. Bisher war man nicht in der Lage, sich ein Bild über die Scheidungen von Mischehen und vor allem ihre Verteilung auf die verschiedenen Provinzen zu machen. Seitdem aber im Jahre 1905 die statistischen Erhebungen über die Ehescheidungen eine Erweiterung auch bezüglich der Frage nach der Religion erfahren haben, kann auch diese äußerst wichtige Materie gründlicher verfolgt werden. Zum erstenmal findet sich eine genauere Darstellung über den Umfang der Scheidungen von Mischehen in der Arbeit des Professors Dr. Kühnert in der Zeitschrift des Königlichen Statistischen Landesamts, welche die Ehescheidungsbewegung in Preußen in den Jahren 1895—1905 eingehend darstellt. Es ist zunächst auffallend, wie außerordentlich zahlreich die Scheidungen von Mischehen sind, denn von der Gesamtzahl der im Jahre 1905 gerichtlich gelösten Ehen — 6856 — waren nicht weniger als 1080, d. i. 15,8%, Mischehen, also beinahe % aller geschiedenen Ehen waren Mischehen. In Anbetracht dessen, daß die Mischehen in den Städten verhältnismäßig' mehr als auf dem Lande Vorkommen, entfielen auf die städtischen Ehescheidungen 905 — 170/0 aller städtischen Ehescheidungen aus Mischehen, bei den ländlichen dagegen nur 175 11,4% aller ländlichen Ehescheidungen. Was nun die Mischehen der Juden betrifft, so kamen auf die Scheidung von 140 rein jüdischen Ehen nur 34 Mischehen. In 11 Fällen hatten evangelische Männer jüdische Frauen geheiratet, in 4 Fällen katholische Männer jüdische Frauen, und ebenfalls in 4 Fällen jüdische Männer katholische Frauen und in 13 Fällen jüdische Männer evangelische Frauen. Bei einer Betrachtung nach Provinzen erhält man für die Scheidungen von Mischehen folgendes Bild: Obenan steht die Provinz Hessen-Nassau mit einem Anteil, der auch nicht annähernd von irgend einer anderen Provinz erreicht wird. Nächst Hessen-Nassau kommt Schlesien, dann folgen die Rheinlande und Westfalen. s. Berlin, 4. August. Zum drittenmal beraubt wurde in der Nacht zum Freitag ein Erbbegräbnis auf dem Friedhof der jüdischen Gemeinde in Weißensee. Frevelnde Diebe stahlen von dort zwei bronzene Ziertrauben im Werte von 200 Mark. Es ist dies nun bereits zum drittenmal der Fall, daß die Trauben von dem Begräbnis entwendet wurden. Sie wurden immer wieder gesunden und sind nun zum drittenmal verschwunden. Schändungen jüdischer Friedhöfe sind ja leider bereits üblich. S£2 Berlin, 1. August. In der „Vossischen Zeitung" war in dieser Woche ein Aufsatz über den städtischen Gemeindefriedhof in Friedrichsfelde abgedrnckt, der folgenden Satz enthält: „Die Stadtverwaltung hätte es schon gerne gesehen, wenn sich bei der Ein-! Weihung ihres Friedhofes die Geistlichkeit alter Konfessionen beteiligt hätte. Sie hatte aber kein Glück mit ihrem Entgegenkommen. Der Propst von St. Hedwig, das hiesige Haupt der katholischen Kircbe, motivierte sein Nichterscheinen damit, daß die katholische Kirche ihren Priestern die Beteiligung an einer derartigen Feier untersage; das Na b bi na t hatte zwar seine Beteiligung prinzipiell zugesagt, ließ sich aber nur durch eine Gemeinde-Deputation vertreten." Dieser Schlußsatz bedarf der Berichtigung. Das Rabbinat, das damals aus den Herren Dr. Aub, Dr. Ungerleider und Dr. Frankl bestand, war am Tage der Einweihung des Friedhofs tatsächlich verhindert. Jeder, der die Verhältnisse kennt, weiß, daß eine Gemeinde-Deputation die Vertretung des Rabbinats nie übernehmen konnte, sondern daß die Teilnahme einer solchen nur auf den Beschluß des Vorstandes und der Repräsentanten hin erfolgt ist. 8. Berlin, 4. August. Die „Deutsche Zeitung" klagt mit wahrer Wehmut über ein neues nationales Unglück folgendermaßen: „In holsteinischen Blättern findet sich die Mitteilung, daß der langjährige Herausgeber der im Verlage von Duncker und Humblot erscheinenden „Allgemeinen deutschen Biographie", der seit ihrer Begründung im Jahre 1872 bis zum Ende des 53. Bandes die Redaktion überwacht hat, Geheimrat Dr. Rochus Freiherr von Liliencron, wegen seines hohen Alters (er ist 87 Jahre!) nun davon zurücktrete. Das ist gewiß zu bedauern, doch muß man sich wohl oder übel damit bescheiden. Nicht ohne Befremden wird da-

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