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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-09 · Heft 32 (9.8.1907) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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584 tragischen Tag, wo ich in der zweiten Klasse sitzen geblieben bin, nicht wieder benutzt hatte, und beging in meiner Angstimmer mehr taktische Fehler, die alle nicht gut zu machen gewesen wären, wenn nicht Held Bourbaki immer als 6eus ex machina auf dem Platze erschienen wäre. Einmal hatte ich mich so verwickelt, daß ich einen verzweifelten Entschluß faßte, um mich wenigstens von einem Teil meines Feindes zu befreien; ein Armeekorps, 60 000 Mann, Moltke und Bismarck wurden von Bourbaki gefangen. Usf! An dem Tage glaube, ich, hat sich mein guter Vater den ersten Schwips in seinem Leben geholt. Drei Tage später las ich mit gesträubtem Haar die Nachricht von Sedan-ich wußte, die Katastrophe konnte nun nicht ausbleiben. Und die Katastrophe kam. Mein Vater war in die Kreisstadt gefahren, der Arzt hatte ihm wieder zu lesen erlaubt. — Später erfuhr ich, daß sie sich auch über den Krieg unterhalten hatten. Was sagen Sie, Doktor, hatte mein Vater gemeint, zu diesem Krieg? Herrlich warst Und dieser Bourbaki! Wllnderbar, Sieg über Sieg! Was, hatte der Doktor geantwortet, um Gotteswilleu, was reden Sie da? Ein schreckliches Unglück, wie es keiner geahnt, das nennen Sie herrlich? So etwas ist ja noch nicht gesehen worden. — Aber Doktor, wollte mein Vater unterbrechen, Bourbaki hat doch den Moltke gefangen! — Mann, hatte der Doktor gerufen, entweder machen Sie sich über mich lustig, oder Sie sind verrückt geworden — wissen Sie denn nichts von Sedan, nichts von Napoleons Sturz? . . . Mein Vater hatte genug gehört, er hat alles verstanden. Ich sah es an seinem Gesicht, als er, aus der Stadt kommend, mich mit Donnerstimme fragte: „Wo sind die Zeitungen?" Ich lief in die Küche, um zu retten, was zu retten war. Dort lagen sie aufgespeichert, wohlgeordnet. Ich nahm, was ich davon zu fassen bekam und stopfte den Kram vor den Augen unsrer verängstigten Köchin in den Ofen. Als ich wieder in die Stube trat, stand mein Vater, den gesürchteten Stock in der Hand, um mich für die Schlacht bei Limburg, das Gefecht bei Kassel usw. zu belohnen. Neben ihm stand Jankel, der gekommen war, um Neuigkeiten von Napoleon zu hören. Mein Vater hatte ihm inzwischen alles erzählt. Jankel Nossig war traurig, ich sah es, über den Zusammenbruch seiner sranzvsensreundlichen Hoffnungen, aber er legte begütigend seine Hand auf den rohrstockbewaffneten Arm meines Vaters. „Herr Inspektor, dafür wollen Sie den jungen Herrn strafen? Ich würde mir so einen Jungen einrahmen. Was ein kluger Kopf! 'Wie hat er das gelesen! Als ob er dabei gewesen wäre! Nicht einmal hat er sich versprochen! Ich sage Ihnen: einrahmen würde ich ihn mir. So ein Goldjunge! Nein, Herr Inspektor, den dürfen Sie nicht durchhauen, so wahr ich Jankel Nossig bin." Mein Vater ließ sich überreden. Und solche Dienste vergißt man nicht! Ja, es war ein braver, guter, treuer Kerl, der Jankel Nossig. Als sie ein paar Jahre später ihn auf den jüdischen Kirchhof hinaustrugen, da gingen mein Vater und ich dicht hinter dem Sarg, und als mein Vater unter hebräischen Gebeten seiner Angehörigen die Scholle auf seinen Sarg warf, da hat er geweint wie ein Kind; und ich — — na. genug geplaudert, kommt Kinder, wir wollen ein wenig Musik machen." Er stand auf, und wir folgten ihm ins Musikzimmer. WVWWWWWNW' SprechsM. MffWWWWM Verehrliche Redaktion! Ihrer letzten Nummer berichtigen Sie den Irrtum mit dem „bayrischen Leutnant Angerer" und mahnen mit Recht Ihre Korrespondenten zur Vorsicht in ihren Angaben. In der gleichen Nummer berichten Sie aber aus dem Artikel in der Zeitschrift „Im deutschen Reich" „Jüdische Offiziere im Kriege 1870/71" über einen Chef der bayrischen Gendarmerie Steinhardt. Der Herr war nie Chef der Gendarmerie, sondern „Oberbrigadier", was zu jener Zeit nichts anderes in Bayern war, als Sergeant oder Vizewachtmeister. Auch Steinhardt, dessen ich mich noch erinnere.wav nichts anderes; das beweisen auch die ihm verliehenen Ehrenzeichen, die niemals an im Offiziersrang stehende Personen gegeben werden, sondern nnr an Unteroffiziere. Uebrigens gab es in Bayern auch noch einige andere jüdische Gendarmeriebrigadiers, das heißt Gendarmeriewachtmeister, außer Steinhardt. Hochachtungsvoll Fürth Mähern), 30. Juli 1907. Jos. Geistmann. Sehr geehrte Redaktion! 0ie würden im Interesse der wirklich Bedürftigen handeln, wenn Sie durch Veröffentlichung dieser Zeilen die Vorsteher der israelitischen Wohltätigkeitsvereine sowie die Leser Ihres geschätzten Blattes vor einem gefährlichen Schwindler warnen wollten. Am 9. v. M. kam ein gut gekleideter, etwa 32 bis 34 Jahre alter Mann, namens Salo Nothmann aus Ollschin, Oberschlesien, zu mir und bat mich in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des hiesigen israelitischen Wohltätigkeitsdereins um eine Unterstützung, indem er angab, er sei infolge eines Brandes seiner ganzen Habe verlustig gegangen, seine Frau mit zwei Kindern liege mit schweren Brandwunden bedeckt im Krankenhause zu Lublinitz O.-Schl. Als Beweis für die Richtigkeit seiner Angaben legte mir p. Rothmann ein Attest vor, welches vom Religionslehrer und Kantorx S. Deutsch aus Ollschin ausgestellt war und am Schlüsse angefügt die Worte enthielt: Obige Unterschrift und Glaubhaftmachung bescheinige ich hiermit. Lublinitz, O./S., den 4./4. 1907. Rabbiner Dr. Friedmann. Da das ganze Auftreten des Bittstellers sowie die mangelhafte Stilisierung des fraglichen Attestes meinen Verdacht rege gemacht hatten, ließ ich p. Nothmann die vermeintliche Beglaubigung nach Diktat schreiben und konnte ohne große Mühe durch die große Aehnlichkeit der Buchstabenform feststellen, daß das fragliche Attest, einschließlich der Unterschriften, gefälscht war. Ich ermahnte N. eindringlich, mir die Wahrheit zu gestehen, aber er beharrte frech im Leugnen. Ich entließ ihn daher mit einer geringfügigen Anweisung an unsere Kasse und stellte ihm — falls er mir innerhalb drei Tagen seinen jeweiligen Aufenthalt bekannt geben und die Richtigkeit seiner Angaben sich Herausstellen würde — eine größere Unterstützung in Aussicht. Auf meine sofortige briefliche Ansrage bei Herrn Rabbiner Dr. Friedmann in Lublinitz erhielt ich folgenden Bescheid: # Geehrter Herr! Der betreffende Herr ist ein Schwindler. In der vorigen Woche war kein S. N. bei mir, auch habe ich die vermeintliche Bescheinigung nicht gegeben. Eine Frau Nothmann wohnt allerdings in O., sie ist jedoch von ihrem Mann längst geschieden.. Daß dieselbe im hiesigen Krankenhause liegen sollte, habe ich nicht gehört. Ergebenst (gez.) Dr. Friedmann. Ich glaube, verehrliche Redaktion, daß ein weiterer Kommentar sich wohl erübrigt, und ersuche unsere wohltätigen Glaubensgenossen, dem p. Nothmann einen gebührenden Empfang zu bereiten, falls er versuchen sollte, seine Brandschatzungen fortzusetzen. Neustadt, O.-Schl., im Juli 1907. Mit vorzüglicher Hochachtung L. Loewenstein, Lehrer und Kantor. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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