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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-09 · Heft 32 (9.8.1907) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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383- Städtchens, hat mich vor der ersten väterlichen verdienten Züchtigung bewahrt, die wahrscheinlich sehr schmerzend ausgefallen wäre." Wir wußten, er erzählte gern und gut, die Sache interessierte uns außerdem, ' und so baten wir um Erzählung dieser Jugenderinnerung. Er lächelte leise vor sich hin, mit etwas Wehmut, wie mir schien, und begann. „Es war im Jahre 1870. Mein Vater war damals Inspektor der Güter des Fürsten Sanguszko. Wir bewohnten zu dritt ein kleines Hänschen, mein Vater, eine alte Dienstmagd und ich. Noch sehe ich vor mir die gute Stube mit dem Tafelklavier, darüber die Bilder Chopins, ein schlechter Stahldruck, den Komponisten in einen merkwürdigen Schal gewickelt darstellend, Moniuszkos, des Schöpfers der Oper „Halka", und unseres großen Dichters Mickiewicz. An der gegenüberliegenden Wand Porträts der politischen Lieblinge Polens: des Fürsten Josef Peniatowski, wie er aus hochaufsichbäumenden Roß in die Elster springt, des unsterblichen Kosciuszko und Napoleons I. In dieser Stube verfloß meine ganze Jugend bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr. Zur Zeit der von mir geschilderten Ereignisse waren es dreizehn. Meines Vaters einzige Zerstreuung war eine Partie Schach mit Jankel Nossig, dem Feldscher des Dorfes. Welch eine treue Seele, dieser Jankel! Schön war er nicht, o nein, aber aus seinen Augen sprach so viel Güte und schelmische Liebenswürdigkeit, und ein Patriot war er, wie man ihn nicht wütender finden kann. Die beiden Männer saßen nun über ihrem Schachbrett, das sie aber bald verließen, um erregt zu politisieren. Den Stoff zur Diskussion gab die täglich mit großer Ungeduld erwartete Zeitung, die einzige im Umkreis, auf die mein Vater abonniert war. Damals war es verboten, polnische Zeitungen auf dem Lande zu halten, und so mußten wir uns mit eineiu russischen Blättchen begnügen, das natürlich, bar jeder politischen Richtung, einfach die Tagesereignisse anderen Zeitungen nachdruckte. Um diese Zeit wurden die Diskussionen immer schärfer, die Reden immer hitziger. Gab es doch Stoff genug! Der König von Preußen hatte in Ems den französischen Botschafter abgewiesen — der Krieg schien unvermeidlich. Und eines Tages traf das laugerwartete Ereignis auch ein! Frankreich hatte Preußen den Krieg erklärt. Von diesem Moment an unterblieben die endlosen Schachpartien, und ich konnte aus den Figuren ungehindert Ersatzbataillone für meine Bleisoldaten konstruieren. Die beiden saßen in die Zeitung vertieft und besprachen die Chancen des Krieges. Das Ergebnis schien zweifellos zu sein. Auf wessen Seite die Sympathien der beiden Patrioten standen, war klar. Auf der einen Seite Preußen, das nie zu den Polen gut gestanden, auf der andern der Sohn Hortenses und Louis Napoleons — also ein Neffe und Erbe dessen, der lange der Abgott aller Polen gewesen. War da zu zögern? Die ersten Nachrichten kamen: Saarbrücken in den Händen der Franzosen! Des Jubels war kein Ende! Da ereignete es sich, daß ein altes Augenübel meines Vaters sich derart verschlimmerte, daß der Arzt in der nahen Kreisstadt ihm das Lesen für Monate überhaupt untersagte. Ein harter Schlag war diese Episode, doppelt unangenehm, wo jedes Zeitungsblatt Siege der Napoleonschen Adler verkünden konnte. Also mußte ich herhalten. Der russischen Sprache ebenso mächtig wie der polnischen, mußte ich täglich meinem Vater die Kriegsnachrichten Wort für Wort vorlesen. Nachdem er sie mehrmals gehört hatte, wurde die Zeitung säuberlich % beiseite gelegt, damit er später, wenn er wieder lesen durfte, noch einmal sich an ihr berauschen könnte. Zu der Lektüre fand sich auch regelmäßig Jankel ein, und die Freude war groß, wenn eine gute Kunde kam. Da draußen aber gingen die Sachen nicht nach Wunsch. Wörth kam und Weißenburg, und die Preußen drangen siegreich vor. Das verstimmte meinen guten Vater sehr, und stundenlang saß er schweigend und brummig im Sessel. Selbst seine Zigarre schmeckte ihm nicht. Das tat mir sehr leid! Wer siegen sollte, war mir höchst gleichgültig, aber die Laune meines Vaters war mir wertvoll. Da auch ich durch die vielen gehörten Diskussionen überzeugt war, daß die Franzosen siegen müßten, dachte ich mir, daß das nur eine Frage der Zeit wäre, und beschloß, Vaters gute Laune wieder herzustellen. Da er durchaus wollte, daß Napoleon siegen sollte, so wird er eben siegen. Mit Hilfe der Landkarte und einiger aufgeschnappter Fachausdrücke bildete ich mir einen Kriegsplau, der sicher Moltkes Beifall gesundere hätte. Die Franzosen drangen vor! St. Privat, Gravelotte kamen — aber die Franzosen drangen immer vor! Ich lieferte die blutigsten Schlachterr stets zu ihren Gunsten. Heute befehligte Napoleon in Person, morgen war es einer seiner Generäle, der an der Spitze stand, aber der Sieg war immer sicher. Im Laufe dieser Kriegssührung hatte ich in General Bourbaki meinen Helden gesunden. Wie ein Kriegsgott jagte er über die Schlachtfelder, überall eingreifend, überall den entscheidenden Schlag führend. Ich habe mich selbst an meinem Helden berauscht und übertraf in meinen Schilderungen, die ich aus der täglich erscheinenden Zeitung vorlas, alles, was man von den spanischen Konquistatoren oder von den todesmutigen Marschallen des ersten Napoleon 31t hören gewohnt ist. Manchmal überkam mich ein leises Grauen vor meinem Werk, als so gar keine Siegesnachrichten eintreffen wollten — und ich hielt das schon bis Hannover vorgedrungene französische Heer durch die Armee des Kronprinzen auf — und lieferte eine Schlacht, die zuungunsten der Franzosen ausfiel. Mein Bater fragte nur: „Wo ist Bourbaki sein Heer?" Er war nicht da, denn er mußte das vor acht Tagen bei Limburg besiegte Heer des Prinzen Friedrich Karl verfolgen. „Siehst Du," rief mein armer, betrogener Vater verächtlich aus, „die anderen reichen dem Bourbaki nicht das Wasser; warte nur bis er kommt, er wird schon die Preußen zusammen fegen." Und er fegte die Preußen zusammen! Was waren das für Schlachten! Ich las und las, und log und log, und begeisterte mich am eignen Werke! Langsam näherten sich die Franzosen der Hauptstadt von Preußen — und ich fragte mich erschauernd: Was dann? Jankel hörte strahlend und stillschweigend zn, um uns bald darauf zu verlassen und den anfhorchenden Dorfbewohnern voll den neuen Heldentaten des großen Bourbaki zu erzählen. Don dem guten Kerl hatte ich nichts zu fürchten, denn ersetzte zwar Blutegel an wie kein anderer, auch schröpfen tat im ganzen Kreis keiner besser als er, aber mit der russischen Sprache haperte es stark. Was würde aber werden, wenn mein Vater erführe — ich wagte es gar nicht auszudenken. Doch vorwärts auf dem einmal beschrittenen Siegesmarsch! So vergingen zwei, drei Monate. Ich wurde immer ängstlicher, immer nervöser, blickte immer häufiger nach der Ecke, wo ein Rohrstock stand, den mein Vater seit den:

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