Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 382 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch die gewohnte Tracht von ernstem Schwarz, Noch stürmisches Geseufz beklemmten Odems. Noch auch im Auge der ergiebige Strom, Noch die gebeugte Haltung des Gesichts, Samt aller Sitte, Art, Gestalt des Grames Ist das, was wahr mich kundgibt; derlei freilich scheint: Es sind Geberden, die man spielen könnte. Was über allen Schein, trag' ich in mir; All dies ist nur des Kummers Kleid und Zier. Hier liegt ausgesprochen Judenhamlets Leid. Es ist ein Weltschmerz, der in seinem Busen nistet; er bewahrt ihn still und duldsam. Es glüht gleichsam in feiner Seele ein erhabenes Ideal, ein göttlicher Gedanke, diese in des Satans Tatzen hineingeratene Welt zu erlösen. Er sieht, daß der Mensch, aus dem Eden vertrieben, sich hart an seinem Schöpfer rächte, indem er seine Welt zur Hölle umwandelte, und er fühlt sich berufen, dieses Höllenfeuer wegzulöschen. Eine große heilige Mission ist ihm geworden: Die Zeit ist aus den Fugen, und er muß daran denken, Daß er geboren ward, sie einzurenken. * * * Manchmal reißen Hamlets Nerven angesichts herzzerreißender Uebeltaten, die die noch immer nnansgervttete Bestie im Menschen nicht scheut zu üben. Alle Plagen und Mißhandlungen, alle Pein und Schmach, die über ihn hereinstürmen, empören sein Blut nicht nur, weil sie seinen schon genug zerschlagenen Körper noch mehr verwunden, sondern auch deshalb, weil sie ein beredtes Zeugnis von Menschenbrutalitüt abgeben. Allmählich reift in ihm die traurige Ueberzeugung, daß Menschlichkeit, Humanität, Nächstenliebe nur „Worte, Worte und nichts als Worte" sind. Seine Znkunftsträuine verfliegen, seine Hoffnungen schwinden. Mit Herzensschmerzen muß er sich in seinem Innern gestehen, daß das, was war, ist; daß alles Unrecht, das er in vergangenen Zeiten sah, auch heute geschieht. Da entringt sich seiner Brust ein schauervoller Seufzer und er klagt bitter: „Weh' mir, wehe! Daß ich sah, was ich sah und sehe, was ich sehe!" * * * Und er verfällt in Trübsinn. Die Welt ist ihm zum Gefängnis geworden, „zum stattlichen Gefängnis, worin es viele Verschlüge, Löcher und Kerker gibt". Ein gewaltiger Kampf tobt in seinem Innern. Leiden machen trübsinnig und Trübsinn löst Gedanken aus, die in den Abgrund jn reißen imstande sind. Judenhamlets Los ist derartiger Natur. Selbstmordgedanken tauchen zuweilen in seinem Kopfe ans; er sitzt und sinnt, ob es nicht besser wäre, durch einen Sprung ins Wasser allen Leiden ein Ende zu machen. Und er sinnt und sinnt . . . prüft es mit dem Verstände, fragt auch das Herz um seinen Rat, was wohl das Bessere sei: Sein oder Nichtsein? Sein aber Nichtsein? — Das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden, oder Sich waffnend gegen eine See von Plagen Durch Widerstand zu enden. Sterben — schlafen, Nichts weiter — und zu wissen, daß ein Schlaf Das Herzweh und tausend Stöße endet. Die unsers Fleisches Erbteil, — 's ist ein Ziel, Aufs innigste zn wünschen. — —-— — Denn wozu ertragen der Zeiten Spott und Geißel, Des Mächtigen Druck, des Stolzen Mißhandlungen, Verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub, Den Uebermut der Aemter und die Schmach, Die Unwert schweigendem Verdienst erweist? Aber Judenhamlet ist nicht leichtsinnig; er überlegt, ob die Ausführung dieser Tat mit der Vernunft auf glltem Fuße stehe und auch das Zustimmungsvotum des Gefühls erlangen könne. Hamlet ist kein Werther. Der kluge Werther hat ob seinen Schmerzen seinen Kopf verloren. Er fragt nicht, er tut . . . Würde er Geistesgegenwart genug besessen haben, sich die Frage „SeirToder Nichsein" vorzulegen, die Antwort fiele sicherlich auf „Sein". Und eben in dieser Fragestellung liegt die Lösung des weltgeschichtlichen Rätsels von der Lebenszähigkeit des Juden. Jedoch einige markante Unterschiede gibt es zwischen dem Dänenprinzen und dem Judenhamlet. Der nordische Prinz hegt Rachegefühle in seinem Herzen, Judenhamlet — keine. Der Judenhamlet erinnert sich an das Wort Gottes: „Mein ist die Rache und ich vergelte." Er überläßt seine Feinde „dem Himmel und den Dornen". Der nordische Prinz wird von schönen Frauen beweint und von kalten Herzen bemitleidet; an Judenhamlets Schmerz geht die Welt mit wenigen Ausnahmen teilnahmslos vorüber. Der nordische Prinz hat wenigstens einen Freund, Horatio; Horatio des Judenhamlet! Wo bist du? Line Iusendrrinneruiig. Von Al. Z. Birnbaum. war nach dem Diner, der angenehmste Moment des Abends. Wir saßen behaglich zurückgelehnt in unseren Sesseln, und rauchend begannen wir unfern Kaffee zu trinken. Die vornehme künstlerische Ausstattung des Saales, die guten Weine und die außergewöhnliche Liebenswürdigkeit des großen Meisters, dessen Gäste wir gewesen, weckte in uns eine angenehme wohlige Atmosphäre und das, was der Franzose bienstre nennt. Wir waren unser sieben, der Wirt, der berühmte polnische Klaviervirtnose P., seine Frau und Nichte und wir vier Eingeladenen. Bei Tisch war das Gespräch auf die Religion gekomnlen. P. war katholisch und ein Gläubiger. In begeisterten Worten pries er uns die Religion Christi, mit vielen Beispielen ans der Bibel uns zn beweisen versuchend, um wieviel der christliche Glaube dem jüdischen überlegen wäre. Ich hatte etwas vorlaut ausgerufen, ich hätte schon gehört, er sei Antisemit. P. lächelte nur, und sein Sektglas ergreifend, trank, er seinen vier Gästen zu, mir antwortend: „Jedenfalls wäre ich heute in der Minorität." Wir sahen uns an und brachen in Gelächter aus; außer ihm und seiner Familie waren wir anderen alle Juden. Dieser Zwischenfall, der alle lustig stimmte, nahm der Diskussion jede Schärfe, und wir spielten die Heinesche Disputation, ohne ihre Epiteta zu benutzen, aber auch ohne Ergebnis. Jetzt beim Kaffee kam der Künstler wieder auf meinen Ausspruch zurück. „Nein, ich bin nicht Antisemit, als Künstler und als Mensch nicht, der beste Beweis, daß ich fast ausschließlich mit Juden verkehre. Außerdem, selbst wenn meine Gesinnung mich dazu triebe, würde mich eine Jugenderinnerung zurückhalten. Ein Jude, der Barbier meines Heimatdorfes, paräon