Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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381 in unsere Seele. Freilich, in fast allen seinen Gedichten bleibt noch ein Rest von Pathos, voll großer Gebärde, aber das verstärkt nur den Hauch von Größe über seinen Arbeitern und Landstreichern, über den Werkstätten und ihrem Elend. Die Uhr, die die Arbeitsstunde verkündet, und die Klänge des Sckwfar, die Tage der Sephira und die Steine des Friedhofs — sie werden zu Sinnbildern ewiger Werte. Der Arbeiter in der Werkstatt, er schafft, und schafft, und schafft, weiß nicht für wen, weiß nicht wozu, er schafft gleich der Maschine; — ja, denkt denn auch eine Maschine einmal? Oder: ein Kampf auf dem Friedhof! Die Seele des Arbeiters will wieder haben, was ihr der Reiche verdankt, die Blumen von seinem Grabe, das Hemd von seinem Leibe —-. Zwei Auswanderer tu stummer Verzweiflung auf dem Schiffe: Amerika treibt sie nach Rußland zurück! Und dann die ergreifendste dieser Erzählungen (es ist schade, daß sie in der deutschen Ausgabe fehlt): Eine arme Frau verkauft Schabbeslichter in Eastend von London, niemand beachtet sie, und sie verhungert. Da stecken die Vorsteher der Gemeinde ihr im Teinpel ein Lichtchen an, wie es der Brauch ist: Die Reichen, die Frommen, was art see a Guf? Neschoines, das seht ihr, das heben see uf — . Es ist nicht eine Maschine, die die Menschen zugrunde richtet, es ist die Maschine, und doch verblaßt sie nicht, doch verliert sie nicht an lebendiger Anschauung; losgelöst von den Zufälligkeiten des Moments stehen doch die Gestalten auf sicherer Erde: das ist der 'große Stil in dieser Dichtung, der uns vergessen läßt, was ihr so oft noch an Einfachheit, an schlichter Schönheit mangelt. Es bleibt übrig, von der deutschen Uebertragung der Gedichte zu sprechen. Man weiß, ein wie feinsinniger Dolmetsch Berthold Feiwel ist. Uebersetzen heißt dichten; es konunen also auch hier zwei Momente in Betracht, der Künstler und die Sprache. Der Individualität des Künstlers ist es wohl zuzuschreiben, wenn die Uebersetzung um eine Nuance reicher ist als das Original. Der Jargon anderseits ist jugendlicher als das Deutsche, dieses hat festere Stilgesetze; so kommt es, daß manches farbloser wirkt als inr Original, und daß zuweilen die ausgeprägtere Kunstform zu stilisierterer Fassung verleitet. Ersteres erscheint häufig in einzelnen Wörtern; fürletzteres verweise ich auf die schnell berühmt gewordenen Schlußverse des Gedichtes „An der Nähmaschine"; ihre visionäre Gewalt verdanken sie der Uebersetzung. Das Original ist weniger wirkungsvoll, doch echter; statt der Anklage der Uebersetzung ein verhaltenes Schluchzen. Am schönsten ist Feiwels bewunderungswürdige Uebertragung da, wo er, wie in den Gedichten: „Die Landstreicher", „Laubhüttenfest vorbei", die äußere Form des Originals ausgibt, um der inneren Stimmung um so eher gerecht zu werden! empfänglich für den Zauber der Sprache, und doch dem Geiste des Dichters ernst genug hingegeben, um nicht für die Kraft der Empfindung schwächliche Tonwirkungen einzutauschen, hat Feiwel in diesem Buche alle Schmiegsamkeit und allen Adel seiner Sprache in den Dienst seiner Aufgabe gestellt: ein reifes, schönes Werk, gleich weit entfernt von Prosa und von pathetischer Verstiegenheit, ist das Ergebnis. Ein Stück echten jüdischen Lebens haben die Dichtungen Rosenfelds uns vermittelt. Es ist nicht unser Leben, das ist wahr, aber diesem fehlt es überhaupt an künstlerischer Vertretung. Heine und Jacobowsky zeigen nur gewisse Seiten, andere deutsche Lyriker kommen nicht in Betracht. Rosenfeld aber ist ganz Jude, seine Hoffnungen erwachsen aus seinem Judentum wie feine Leiden. Jüdisches Leben! Kennen wir es nicht aus der reichen Jargonliteratur, die in den letzten Jahrzehnten sich entfaltet hat? Gewiß, und man kaitn nicht einmal sagen, daß Rosenfeld eilte tiefere Natur war als alle diese Dichter. Aber was sie uns vermitteln, ist unlösbar verbunden mit dem widerspruchsvollen Charakter des osteuropäischen Judentums. Fehlt uns die Brücke zu diesem — und wir können nicht leugnen, daß sie vielen von uns geschwunden ist — so fehlt uns auch das Verständnis für die Tiefe seines Schrifttums. Nun denn, hier ist ein Dichter, der die Gegensätze dieses Sehers nicht verwischt, sie aber so weit gesteigert hat, daß sie ein Dokuntent menschlichen Fühlens geworden sind! Es ist für den unbefangenen Beobachter eine Freude, zu sehen, wie auch aus der Welt des Ostens eine große Dichtung emporwächst und das in dem Schrifttum das Jargon mehr als gewöhnliche küitstlerische Kräfte tätig sind. Der IuÄenhsmlkt. Von S. M e i s e l s, Charlottenburg. er arme Dänenprinz! In der Tat eine sehr sympathische Person; alle sympathisieren mit ihm und er mit allen. Auch ein kurioser Denker; alle denken mit ihm und er mit allen. Er politisiert gleich Börne, philosophiert gleich Hegel, ist pessimistisch gleich Schopenhauer und schwärmend gleich Nietzsche. Auch sehr akklimatisationsfähig ist er. Ursprünglich ein Düne, machen ihn die Engländer zum Briten, und Freiligrath singt: Deutschland ist Hamlet! — und Leo Raphaels ruft in die Welt hinaus: Hamlet ist das Judentum! . . . Hamlet ist nicht nur das Judentum, er ist der Ghettojude schlechtweg, der Ghettojude „mit ganz aufgerissenem Wams .... bleich wie sein Hemde. . . schlotternd mit den Knien. . . mit einem Blick von Jammer so erfüllt..." Ahasver hat sich tatsächlich als Hamlet entpuppt! Shylock hat sich zum Dänenprinzeu gewandelt. * * * Judenhamlet ist Neurastheniker. Schwermut lagert auf seiner Brust. Ties wurzelnd ist die Wunde, die er in seinem Busen trägt. Seine Nervengereiztheit ist kein Geburtsfehler, kein Atavismus, sondern bittere Lebenserfahrungen, wie sie kein Sterblicher je gemacht, haben ihm die Nerven gereizt, das Blut aufgeregt und Schwermut in sein Herz geträufelt. Er hat die Bitternisse des Lebens gekostet, das hat sein Inneres vergiftet; er ist auf dem Lebenspfade an allen stechenden Dornen und Brennesseln vorbei und hat seinen Körper damit verwundet; er hat all die dichtschwarzen Wolken, die die Welt umfangen halten, geschaut, und das hat seine Blicke umdüstert. Noch mehr als sein Aeußeres zeigt, liegt in seinem Innern verborgett. Er klagt ittt stillen. Der auf seinem Antlitz ausgeprägte Kummer ist ein kleiner Abglanz bloß des im Innern verborgenen Schmerzes. Er ist kein Pessimist aus Grillen. Wohl mancher setzt sich schwarze Brillen aus, die ihm das Licht der Sonnenscheibe verdunkeln. Er dagegen hat mit klaren, offenen Augen die Verrohung und Niedertracht der Welt gesehen, das hat ihm seine Galle angeschwellt. Sein Pessimismus ist empirisch; er hat ihn nicht aus einem zuin trüben Brüten veranlagten Gehirn, sondern aus der Schttle des Lebens geholt. Jenem scheint bloß alles düster, ihm, dem Judenhamlet, ist es. Scheint? . .. Nein! Ist; mir gilt kein „scheint". Nicht bloß mein düstrer Mantel.