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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-09 · Heft 32 (9.8.1907) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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ist Stil. Man kann nicht sagen, daß Morris Rosenfeld ihn geschaffen hat; die ganze Generation ist mit ihm tätig. Zwei Lyriker müssen hier genannt werden, S. Frug und I. L. Perez. Was unterscheidet Roscnfeld von ihnen. Vor allem eins, er ist nicht geistreich. Oder vielinehr, es gibt Gefühle in seiner Seele, die stark genug sind, um alles Geistreiche, alles Intellektuelle hinwegzufluten. Man kennt Perez' Klage: „Andersch wollt mein Lied geklingen, CH' sollt far Goijim goijisch singen, Nischt far Juden, nischt Jargon — — Unser Jüdisch Hot nur Witzen, Hot nur Spitzen, blanke Blitzen!" Dieser Geist dringt tief hinein in die jüdische Dichtung; die Poesie des wandernden Hochzeitssängers,'die Badchenpoesie, ist eine einzige Mischung von Wehmut mit Spitzfindigkeit. Das Schönste, was Frug und Perez gesungen, die tiefsten Töne, die sie gefunden haben, sind immer noch geistreich. Auch Rosenfeld zahlt dieser Erbkrankheit unseres Stammes seinen Tribut, aber er wächst auch weit über sie hinaus. — Nennen wir Lyrik den Ausdruck der innerlichsten individuellen Stimmung, dann ist Rosenfeld kein Lyriker. Ihm fehlt die weiche, träumende Klage der Seele, die sich noch der letzten Schönheit ihrer Schmerzen freut — der Hunger ist eine schlechte Muse. Ihm fehlen die halben, verklingenden Töne des deutschen Liedes. Seine Freude an der Natur, sein Denken über die ewigen Probleme, seine Jugenderinnerungen und seine Liebesgedichte — all das ist blaß oder konventionell, er spricht davon, und unsere Seele bleibt unberührt. Das gilt von einem großen Teil des Buches; in den übrigen, etwa zwölf bis dreizehn Gedichten, liegt der junge Weltruhm des Dichters begründet. Es ist merkwürdig, auch I. L. Perez wird zum bloßen Nachahmer, wenn er persönliches Leiden klagt. Diese Männer scheinen die Lehre vom Milieu erweisen zu wollen. Kein größeres Lob weiß Berthold Feiwel Perez zu zollen, als daß er am tiefsten in die jüdische Volksseele geblickt hat. Und Rosenfelds Dichtungen hat das eine Gefühl geschaffen, das er mit so vielen seiner Stammesgenossen teilt, der Hunger und die Not. Er ist der Sänger des zwiefachen Elends, der Dichter des jüdischen Proletariats. Proletarierlyrik! Wir kennen sie auch aus der deutschen Literatur. Sie ist, soweit sie künstlerisch etwas bedeutet, von Dichtern geschaffen, die mit dem Proletariat nichts zu tun haben. Es waren Männer von Geist, und wir finden in ihrer Lyrik Gedanken in Fülle verstreut, es waren Männer von Geschmack, und in stolzer Pracht umrauscht uns ihre Sprache. Das gilt von Prutz und Jacoby, wie von Herwegh und Freiligrath; man könnte noch viele Namen nennen. Die tieftraurige Bitterkeit des Dichters lebt in Heines, die Fülle und Glut seiner Seele in Dehmels Arbeiterliedern. All das sind künstlerische Werke, nur daß es eben nicht die Werke der Not und des Elends sind. Einer kannte den Hunger, auch er kein Proletarier, der Sänger des 8ong of the shirt, und nie ist die ewige Melodie „Die Arbeit hetzt uns zu Tode" seit Thomas Hood ergreifender gesungen als von Morris Rosenfeld. Müde Todestraurigkeit liegt über der Dichtung des Jargon. Einen Blick wirf auf Frugs Gedichte, die Töne scheinen von Tränen erstickt; lies das Schönste, was Perez geschrieben, und bleierne Schwermut benimmt dir den Atem. Da kam einer, der wußte nichts von der verfeinerten Kultur dieser Dichter, er kam nicht, um zu dichten. Er ist nicht etwa Naturdichter — davon kann nur sprechen, wem das Leben der östlichen Juden fremd ist, — wahrhaftig, ihr Zustand ist nicht Natur! Aber als er die Chederbildung ausgenommen, da lernte er schneidern, Diamanten schleifen, da arbeitete er in den Schwitzwerkstätten Londons und New Jorks. Zum Träumen ließ es ihm keine Zeit; er kam aus den Tiefen des Lebens, dort lernte er stöhnen und hassen, ward er zum Dichter. An die Arbeit gefesselt, sieht er nicht Weib noch Kind; er kommt müde heim und hat nur einen Gedanken: Wovon werden sie leben, wenn ich nicht mehr bin? Einen Augenblick am Bette seines Kindes, es kennt den Vater kaum; er sinnt — und sinnt — dann schleppt er die zitternden Glieder zur dumpfen Arbeit zurück. Und er trägt die Verachtung der Welt, das Erbe des Juden; als Rettung erstrahlt seinen Träumen ein einziges Bild: ein großes, starkes, jüdisches Reich. Ein heimatloser Jude, ein müde gehetzter Arbeiter, er hat es erfahren: Dichten heißt leiden. Dichten heißt schauen. Was er erlebt, wird Rosenfeld zum Bilde. Ihm hilft seine Sprache, sie ist jugendlich frisch und denkt noch in Formen und Farben. Der Vogel in der Wüste, die Nachtigall auf dem Friedhof — er wird nicht müde, diesen Gegensatz zu singen. Die Not und der Dichter — ein Zwiegespräch! Aber keine blasse Allegorie; die Not, höhnisch und grausam, aufdringlich, roh, wird zum Greifen lebendig unter seinen Händen. Die Vorliebe für Kontraste ist noch ein Erbe aus der älteren Jargonpoesie; nach zwei Richtungen wächst Rosenfeld über sie hinaus. Zuerst reizt ihn nicht mehr der Kontrast an sich, er verzichtet darauf, ihn nach seiner intellektuellen Seite im einzelnen auszuführen. Die Bilder gewinnen ihm ein eigenes dichterisches Leben, das Schauen ist stärker als der Intellekt. Und dann ein zweites: er stellt die Kontraste nicht in Ruhe einander gegenüber, er schildert sie in der Bewegung, im Zwiegespräch. Das ist es, was seine Gedichte so lebendig macht. Meist stellt er Wandlungen dar, aber auch wenn die eigenen Empfindungen ausklingen sollen, läßt er die beiden Seelen in seiner Brust einander bekämpfen. Schon Leo Wiener, der Literarhistoriker des Jargon und Entdecker Rosenfelds, hat das bemerkt. In seinem Buche (History of the Jiddisch Literature at the 19th Century) spricht er von Rosenfelds dramatischem Element. Aber die Bedeutung dieses Elenients weist tief zurück aus die Wurzel seines dichterischen Schaffens. Es ist keine Poesie der träumenden Ruhe, ich sagte es schon, die uns hier entgegentritt. Es ist der Aufschrei einer ungebändigten, leidenschaftlichen Seele, die nicht ihre eigenen Schmerzen mit weichen Händen liebkosen mag. Dieser Sturm lebt fort in seinen Gestalten. Ihm ist die Welt keine Einheit, sie ist ihm ein ewiger Kampf, ein ruheloses Auf und Nieder. Und nun, das Wichtigste: Dichten heißt Symbole schaffen. Was ist ein Symbol? Ein Bild, auf das der Stempel der Ewigkeit gedrückt ist. Wir können nicht leben ohne Symbole. Es ist dieselbe schöpferische Phantasie, die einst die großen religiösen Symbole geschaffen, und die, zu Zeiten reiferer Kultur in ausgeprägten Individuen verdichtet, die künstlerischen Symbole gestaltet. Der jüdische Dichter ist umgeben von Symbolen, aber Rosenfeld reizt weder ihre religionsgeschichtliche Bedeutung, noch liegt ihm an ihrer dogmatischen Hülle; ihm sind sie geboren aus der Seele des Volkes. Zerbrochen liegt die Hoschana am Boden, nun ja, das ist jüdisches Schicksal; so stimmt eS ihn, wenn „Laubhüttenfest vorbei", und nie hat Rosenfeld Schlichteres, nie Größeres geschaffen, als in diesem trostlos eintönigen Sang, wo er die Bräuche seiner Väter und die Tragik der jüdischen Seele zu einem großen Ton zusammenstimmt. Aber Symbol wird ihm alles, was er berührt: die Erzählungen, die er erdichtet, wie das Leben, das ihn umgibt. Es steigert das individuelle Leid zum Menschenschicksal; es ist nicht möglich, diese Bilder zu vergessen, sie bohren sich hinein

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