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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-09 · Heft 32 (9.8.1907) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 379 (sequence 7)
Language
German
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einiger Aufmerksamkeit liest, wird sicherlich vieles darin finden, was vom Geiste her hebräischen Bibel beseelt und durchhaucht ist." Eine solche schmeichelhafte und doch unparteiische Kritik der Bibel sollte viel dazu beitragen, daß letztere häufiger von den Juden und Nichtjuden in der Ursprache gelesen wird, als es in neuester .Zeit hier und noch in verschiedenen anderen Ländern der Fall ist. Morris ßoIrnMü. Von M. Calvary. in überaus merkwürdiges Schauspiel bietet sich dem Literarhistoriker in dem Schristtuine der osteuropäischen Juden. Zwei Sprachen, nach ihrer Abstammung, ihrem Bau, ihrer seelischen Qualität gänzlich verschieden, ringen nebeneinander danach, eine Literatur zu schaffen: das Hebräische und der jüdisch-deutsche Jargon. (Die Bezeichnung „Jüdisch", die man für letztere jetzt häufig in Anspruch nimmt, hat für uns doch mm einmal einen weiteren Sinn; am richtigsten wäre es, von einer „jiddischen" Literatur zu reden.) Die Eigenheit der Jargonliteratur könnte, ganz abgesehen von dem Inhalt des Lebens, das sie darstellt, von mehreren Gesichtspunkten aus erklärt werden, mag man die seltsame Mischung von Humor und Tragik, von Naivität und Ironie, mag man die Vorliebe für die Skizze, mag man die redselige Anspruchslosigkeit in so vielen ihrer Erzeugnisse als wesentlich betrachten. Theodor Zloeisti hält sich in einem schonen Aufsatz über die nroderne Jargonskizze in erster Linie an die äußere Form der Skizze und glaubt, diese auf Abhängigkeit der Jargonschriftsteller von S. L. Perez zurückführen zrr können. Gewiß haben viele Momente mitgewirkt. Man könnte sich versucht fühlen, an die russische Literatur, die Literatur der psychologischen Skizze, zu denken. Unmittelbar abhängig aber ist die Literatur von der Sprache und ihren Lebensbedingungen selber. Der Jargon ist die Sprache des Lebens. Als solche ist er geeignet, die feinsten Schattierungen der individuellen Stimmung zum Ausdruck zu bringen, auch da, wo von eigentlicher Literatur keine Rede ist; die liebenswürdigen Memoiren der Glücket von Hameln geben in ihrer unmittelbar lebendigen Sprache solch ein Lebensbild, wie es mir gleich frisch und unliterarisch nur noch in den Briefen Liselottes oder der Frau Aja bekannt ist. Daß der Jargon auch nur versucht hat, eine ihrer selbstbewußte Literatur zu schaffen, ist noch kein Jahrhundert her. — Dort gab es homiletisch-populäre Schriften, gab es ein Volkslied, dessen leis-wehmütige Töne der Seele des Volkes selbst zu entströmen schienen. Die Sprache suchte eine literarische Form, sie wurde geschaffen von Abramowitsch (Mendele Moicher—sphorim). Er schuf sie von innen heraus, er steigerte nur die Elemente, die im Volkstum vorhanden waren. Es war eine Tat, aber von ihr bis zur Erschaffung einer Kunstprosa ist noch ein weiter Weg. Bei inodernen Völkern wird dieser Weg immer von fertigen Kunstformen beeinflußt sein — so sind Klaus Groths plattdeutsche Gedichte nicht denkbar ohne hochdeutsche Einwirkung; oft sind sie, trotz der Dialektformen, geradezu hochdeutsch empfunden. Bei den alten Griechen nahm diese Entwicklung zum Stil einen fast paradigmatischen Verlauf. - Die Naturprosa, wie wir sie im Gegensatz zur Knnstprosa nennen können — in Wahrheit ist auch sie schon ein künstliches Produkt — bewahrt noch die Erinnerung an die Sprache des Lebens. Dieser Vorgang, der sie vor Versteinerung schützt, schließt anderseits ihren Mangel künstlerischer Steigerung in sich. Sie zeigt noch Aehnlichkeit mit der Memoiren- und Briefsprache, sie hat naive Freude an sich selbst, sie läßt sich gern gehen und ist breit und redselig. All das gilt von der Sprache Herodots sowohl wie von der modernen Jargonskizze. Beide sind noch auf dem Wege zum Stil. Dieser Mangel wurde natürlich empfunden. Die westeuropäischen Juden schufen darum, wenn auch nicht nur darum — Dichtungen in der Sprache ihrer Kultur, die osteuropäischen begannen sich des Hebräischen zu bedienen. Die Aufklärer vor allem — man mag das in Berdiczewskis Aufsatz im „Jüdischen Almanach" Nachlesen — glaubten des Jargons entraten zli müssen, ihre Worte bedurften der Weihe. Dem Hebräischen eignet diese Weihe nicht allein, weil es die Sprache der Bibel ist, sie entstammt seinem festen, ausgeprägten Stil, der unverkennbar, um zwei Pole der neuhebräischen Entwicklung zu nennen, Mapus Aufsätze wie den modernen Zeitschriftencmssatz durchzieht. Es will nichts besagen, daß ja daS Althebräische eine erzählende Kunstprosa — auf die kommt es hier an — selbst nicht besessen I hat; stilbildeud wirkte eben die Gesamtsprache der Bibel, die, als Einheit gefaßt, die moderne hebräische Prosa erzeugen half. Eine Umbildung dieses festen Stiles zur Lösung künstlerischer Aufgaben unserer Zeit ist schwierig. Der Versuch wird gemacht, ihn zu modernisieren, ihn seiner Höhe vor allem durch Hineinziehen des biblischen Aramäisch zu entkleiden; es scheint, als ob der Versuch gelingen sollte. So ist der Kampf zwischen dem Hebräischen und dem Jargon ein Kampf um den Stil; die Kultur der östlichen Juden steht vor der Frage, wie sie die dichterischen Aufgaben, die ihr gestellt sind, lösen soll: wird sie aus dem Jargon heraus einen großen, künstlerischen Stil schaffen, wird sie das Hebräische flüssiger, herzlicher gestalten können? * Gedanken dieser Art tauchen auf, wenn man an den bedeutendsten Dichter des Jargon, an den eben verstorbenen Morris Rosenfeld denkt?) Vor mir liegen zwei Uebertragungen, ein einfacher, gediegener Oktavband: „Songs from the ghetto. Wilh Prose Translation, Glossary and Introduction, by Leo Wiener“ und die prächtig ausgestattete Ueberfehung in Quart: „Lieder des Ghetto. Autorisierte Uebertragung aus bciu Jüdischen von Berthold Feiwel, mit Zeichnungen von E.M. Lilien." Hier mindestens, in der Lyrik, hat die Bewegung, von der ich sprach, einen Ruhepunkt gefunden; in dieser: Gedichten i h Nosenfeld hat den kühnen Sprung von der Schneiderwerkstatt zum Parnaß gewagt, und der Sprung gelang ihm. Seine „Songs from the Ghetto“ haben feinen Namen als Jargondichter in Amerika wie in Europa bekannt gemacht. Rosenfeld war am 25. Dezember 1862 in dem Städtchen Bockscha in Russisch-Polen geboren. Seine Eltern waren Fischersleute. In seiner Jugend lernte Morris im Cheder Talmud, ein wenig Polnisch und Deutsch. Mit achtzehn Jahren heiratete er und ging nach Holland, wo er die Diamant, schleiferei erlernte und betrieb. Hierauf zog er nach England, wo er drei Jahre lang als Schneidergeselle tätig war. Von dort ging er nach Amerika und setzte dort sein Handwerk fort. Am Tage arbeitete er und nachts schrieb er seine Gedichte. Er veröffentlichte Gedichtsammlungen „Die Glocke", „Die Blumenkette", „Das Liederbuch" und „Die Lieder aus dem Ghetto", die seinen Namen als Jargonlyriker bekannt machten. In den letzten Jahren wandte er sich der Journalistik zu und war Mitarbeiter der größten Jargonzeitungen New Korks. Vor ungefähr einem Jahre erkrankte er schwer, seine linke Seite wurde gelähmt, sein Augenlicht erlosch. Jetzt hat ihn der Tod von seinen Qualen erlöst. Er hinterläßt eine Frau mit zwei Kindern. Rosenfelds „Lieder aus dem Ghetto" wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

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