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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-09 · Heft 32 (9.8.1907) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 32 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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animieren werde, und zwar dadurch, daß die großen englischen Bankhäuser unter den neugeschaffenen Verhältnissen eher gelvillt sein werden, auf die beabsichtigte neue russische Anleihe zu subskribieren, als es bisher der Fall gewesen. Ist nun einmal, so meinen sie, die russische Staatskasse zum großen Teile mit englischen Vorschüssen gefüllt, dann würden auch die jetzt spärlich vorhandenen Aussichten auf die Einführung von Reformen in Rußland fast gänzlich abgesperrt sein. Andererseits aber gibt es nicht Wenige, die der Ansicht sind, daß eine solche entente zwischen England und Rußland viel Gutes bezwecken werde, indem die harte russische Autokratie, durch englischen Einfluß veranlaßt, sich möglicherweise mildern werde lassen. Daß letzteres der Fall sein möge, ist natürlich der innige Wunsch aller Juden in England, denen das Wohl ihrer zahlreichen russischen Glaubensgenossen am Herzen liegt. Doch gui vivera verra. — Charles Dickens, der bekannte englische Schriftsteller, spricht in einem seiner Romane von einer älteren Dame, die einmal jedes Jahres in einem Zeitraum von etwa fünfzig Jahren den Obergerichtshof in London besuchte und den zeitweiligen Richter fragte, ob ihr Rechtsfall bereits endgültig entschieden sei. Die Antwort war stets: „Nein, Madame, kommen Sie nächstes Jahr wieder." An diesen amüsanten Fall erinnert lebhaft eine soeben im englischen Parlamente erschienene „Bill", die den Zweck hat, einem Witwer zu gestatten, die Schwester seiner verstorbenen Frau zu heiraten, was ihm nach dem bestehenden Landesgesetz nicht erlaubt ist. Diese Bill wird jährlich schon seit etwa einem halben Jahrhundert ins Parlament zur endgültigen Entscheidung gebracht, welche aber regelmäßig von Jahr zu Jahr vom englischen Oberhaus, oder vielmehr von den daselbst sitzenden Bischöfen, auf späterhin verschoben wird. Das Kuriose bei der Sache aber ist der Umstand, daß diese Herren Bischöfe sich aufs Alte Testament (Leviticus 18, 18) berufen, und daß sie im Sinne desselben handeln, wenn sie die fragliche Bill alljährlich verwerfen. In Wirklichkeit aber darf ja, einem jüdischen Gesetze gemäß, ein jüdischer Witwer die Schwester seiner verstorbenen Gattin heiraten, und dies mit Recht. Denn es ist natürlich und selbstverständlich, daß die etwaigen Kinder eines solchen Witwers ihre ihnen liebgewordene Tante als Mutter oder Stiefmutter jeder anderen ins Haus kommenden Frau vorziehen müssen. Daß manche Juden in England, wie auch manche ihrer nichtjüdischen Mitbürger, unter dem bestehenden Gesetz leiden, braucht hier nicht erst hervorgehoben zu werden. Zu bemerken wäre noch, daß in einigen englischen Kolonien dies Gesetz schon längst außer Kraft getreten ist. — Die Jndenmission in England scheint augenblicklich reich an Geldmangel zu sein, denn sie hat soeben im Norden von London eine Ausstellung eingerichtet und eröffnet, die verschiedene Ansichten von Jerusalem und Palästina den Besuchern zeigt. Daß die ganze Gesellschaft eine reine Farce ist, wissen die Eingeweihten recht gut, aber sie hat so viele reiche Legate von nicht besonders weisen alten Damen zu ihrer Disposition, daß ihre langjährige Existenz gesichert ist. Und doch, wäre es nicht viel praktischer, wenn diese großen Geldsummen zu besseren und nützlicheren Zwecken verwendet würden, als bloß auf die erbärmliche Seelenfängerei einiger nichtswürdiger jüdischer Schnorrer, die sich in jeder Stadt immer aufs neue taufen lassen, und trotzdem nach wie vor ihren früheren Glaubensgenossen zum Empfang von Unterstützungen Besuche abstatten? — Der Chief-Rabbi, Dr. Adler, wurde jüngst von der hiesigen sephardischen Gemeinde während der Abwesenheit des Reverends Dr. Gaster eingeladen, in ihrer Synagoge zu predigen, welche Einladung er auch angenommen hat. Me ist ein höchst seltenes Ereignis in den Annalen der Londoner Sephardim und verdient daher eine besondere Erwähnung Denn es zeigt, wie der viel Altes beseitigende Zeitgeist auri, bei den englischen Juden wirksam ist, und wie er gewiss- Reformen für ihr religiöses und soziales Leben geschaffen Hai. deren Existenz jetzt allgemein als höchst nützlich anerkanuwird. So waren z. B. seit Jahrhunderten die Londonec „Sephardim" von den Londoner „Aschkenasim" i i religiöser und sozialer Beziehung fast vollständig getrennt. I,, noch mehr. Die stolzen Abkömmlinge der spanisch-jüdische > Hidalgos, die in England lebten, sähen oft mit großer Nich - achtung auf ihre „aschkenasischen" Glaubensgenossen Hera! , und einige von ihnen sollen sogar regelmäßig in ihrem Morgei - gebet dem lieben Gott gedankt haben, daß er in seiner Gü c sie verschont hat, den letzteren anzugehören. Aber die Zeitc i haben sich geändert, und die Sephardim in England lebe > jetzt mit ihren andern Glaubensgenossen in Harmonie un'i Eintracht, und diese Metamorphose hat wahrlich die beste > Resultate zutage gefördert. — Die laufende Nummer der bekannten Londoner Monat- - schrift „The Nineteen Century“ enthält einen von Profess, c Eduard König verfaßten Artikel, worin alle bisher erschienene i Schriften angeführt und teilweise näher besprochen werden, d o die Sage vom „ewigen" oder „wandernden" Juden zun, Gegenstände haben. Für jüdische Leser ist besonders der Passus in dem Artikel interessant, welcher von der Qnel c Mitteilung macht, aus der diese Sage ihren Ursprui z genommen hat. Da heißt es nämlich, daß ein englisch , Mönch, Roher von Wendover mit Namen, im Jahre 1228 ei Schrift in London veröffentlicht hat, worin folgendes knricu- Geschichtchen vorkommt. Der Autor, heißt es da, habe v, >, der Ankunft eines Mannes in England gehört, der a> Jerusalem stammte und seit hunderten von Jahren sich „unst t und stüchtig" in der Welt herumtrieb, weil er einst den Gründ , des Christentums beschimpft hatte und von diesem zum ewig,u Herumwandern auf dem ganzen Erdenrund verurteilt wurd,. Dieser Mann, der ursprünglich ein Römer war und im Dien? c des einstigen römischen Statthalters Pilatus stand, habe si h nun aus Rene taufen lasten, bei welcher Gelegenheit er d, ,i Namen Josef annahm. Dieser vermeintliche jüdische Name Josef ist es nn der den Stoff zu der Sage gab. daß nämlich ein Jude eit t von Jesus zur ewigen rastlosen Wanderung infolge ein v erlittenen Beschimpfung verdammt wurde, und daß dieser In r noch immer sein miserables Leben fristet. Diese Sage >t bekanntlich von verschiedenen nichtjüdischen Schriftstellern n verschiedenen Sprachen, in Poesie und Prosa, -weitläufig au - gearbeitet worden. Am bekanntesten ist wohl Eugen Sn > Roman „Le Juif errant", der in neuester Zeit aber wen 1 gelesen wird. — Ein englischer Gelehrter, namens Dr. Jucker, hat jün >t ein Buch hier veröffentlicht, worin nachgewiesen wird, welch,> Einfluß die alten und modernen Literaturen der Welt auf i ic Entwicklung und Ausdehnung der englischen Literatur an,- geübt haben. Besonders interessant für jüdische .Lehrer si,d die Bemerkungen, die der Autor darin macht hinsichtlich l c literarischen Verhältnisse zwischen der Bibel und der alten u ,d modernen Literatur Englands. „Die Hebräer", sagt er, „Hab u mehr als alle Literaturen zusammen unsere Nationalliterat , beeinflußt. Der großartige Stil der Bibel, ihre eigenartig» Bilder und die schöne Form ihrer herrlichen Poesie haben v -h jeher den gefeiertsten englischen Schriftstellern zuut na »- ahmenden Muster gedient. Wer die Werke der letzteren u it

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