Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie wir bereits kurz gemeldet, hat der englische Premierminister Campbell-Bannermann in Begleitung des Schatzkanzlers Asquith am 30. v. M. eine ihm vorgeführte Abordnung empfangen, als deren Wortführer der bisher als Sir Samuel Montagu bekannte Bankherr Lord Swaythling an die leitenden Staatsmänner die Bitte um Ermäßigung der für Erteilung des britischen Bürgerrechts geforderten Gebühren richtete. Die Abordnung wurde den Ministern von dem Unterstaatssekretär Winston Churchill vorgestellt, der das jetzige Verfahren als äußerst undemokratisch bezeichnete, weil es einem reichen Ausländer, auch wenn er dem britischen Reiche zur Unehre gereiche, ermögliche, das Bürgerrecht zu erwerben, während ein armer Ausländer, auch wenn er alle Eigenschaften eines guten Bürgers habe, durch die Höhe der Gebühren von der Einreichung eines Gesuchs abgehalten werde. Die von Lord Swaythling an den Premier gerichtete Bitte wurde brieflich von Lord Rothschild und dem Oberrabbiner Dr. Adler unterstützt. In seiner Antwort hat Campbell-Bannermanu die ganze Angelegenheit als eine bloße Finanzsrage behandelt, da das Home-Offiee, an das die Gesuche um das englische Bürgerrecht gerichtet werden, nur die Unkosten decken wolle, die ihm die Nachprüfung der in der Eingabe gemachten Behauptungen verursacht. Da es für die Ausländer wichtig ist. zu wissen, wie hoch die Gebühren zu stehen kommen, so sei hier erwähnt, daß der Bürgerrechtsbrief 5 Lstr. kostet, wozu noch 1 Lstr. für die Eintragung und für die amtliche Erklärung kommt. 1 oder 2 Lstr. berechnet der Notar, der im Auftrag des Bewerbers die Eingabe an das Ministerium macht. Vor etwa 30 Jahren, zur Zeit als Benjamin Disraeli an der Spitze der Geschäfte stand, kostete das britische Bürgerrecht nur 1 Lstr. Die Erhöhung von 5 Lstr. wurde von einer späteren Regierung eingesührt, und auch die Liberalen, die seither zweimal am Ruder gewesen sind, haben die Gebühren auf derselben Höhe belassen. Im vorigen Jahre hat das Home-Office im ganzen 3470 Lstr. für Bürgerrechtsgebühren eingenommen. Das Gesetz über das britische Bürgerrecht wurde im Jahre 1870 erlassen und verfügt, daß der Bewerber fünf Jahre im Vereinigten Königreich ansässig gewesen sein oder im Dienst der Krone gestanden haben muß. Auch muß er Belege beibringen, daß er als britischer Bürger im Vereinigten Königreich weiter zu leben oder unter der britischen Krone zu dienen beabsichtigt. Ein naturalisierter britischer Bürger genießt dieselben Rechte wie der geborene britische Bürger, nur darf er nicht, wenn er in seine Heimat znrückkehrt, sein britisches Bürgerrecht geltend machen, wenn er nicht zuvor förmlich auf sein ursprüngliches Heimatrecht Verzicht geleistet hat. Die Erwerbung des Bürgerrechts in einer britischen Siedelung gibt dem Ausländer nur Rechte in dieser Siedelung. Der Ausländer steht jedoch auch ohne das britische Bürgerrecht unter dem Schutz der britischen Gesetze und kann alle bürgerlichen Rechte ausüben, mit einziger Ausnahme des Parlamentarischen Stimmrechts, das nur von britischen naturalisierten oder geborenen Bürgern ausgeübt werden darf. England steht mit seiner Freindengesetzgebung, trotz der Alien-Bill, turmhoch über vielen Staaten des Kontinents. * Die Ereignisse, die sich in Casablanca, an der atlantischen Küste von Marokko, abgespielt haben, sind von schwerwiegender Bedeutung. Soviel bisher bekannt ist, sind dort acht Europäer von fanatischem Gesindel, das aus der Umgebung in die Stadt eingedrungen war, niedergemacht worden. Es sind Franzosen, Italiener und Spanier. Die Regierungen ihrer Länder werden sich der Sache sicher annehmen, Wei aber nimmt sich der armen unglücklichen Juden an, du scharenweise aus der Stadt flüchten mußten, in der die Führe der rebellischen Stämme den heiligen Krieg predigen und an kündigen, daß die Stämme erscheinen würden, um die Jude,, und Christen auszurotten? Mehr als 60 sind bereits er mordet worden. Infolgedessen verließen über 800 Juden au deutschen und französischen Schiffen die aufrührerische Stadi. Nähere Nachrichten über ihr Schicksal fehlen noch. Aber in jeder» Falle wird die Alliance Israelite Universelle, wie so oft schon, au» diesmal alle möglichen Schritte bei den Mächten tun, um da - Los der Inden in Marokko zu verbessern. Kolener öriek. otwendig ist es allerdings nicht, aber für das besser Verständnis tvohl angenehmer, wenn ich auch diese» Brief, sehr geehrter Herr Redakteur, rnit einem Scherz einleiü Ich will aber dabei nicht — nach alter jüdischer Sitte— vergessen, B'schem omrau hinzuzufügen, d. h. der Witz stamm nicht von mir, sondern aus den „Lustigen Blättern". I» neuen österreichischen Reichstag findet ein christlich-soziale Abgeordneter beim Durchblättern des neuen Mitglieder verzeichnisses neben dem Namen eines Abgeordneten di - Parteibezeichnung „gemäßigter Israelit". Auf seine Fragnach dem Programm dieser ganz neuen Partei erwidert ihn ein Fraktionsgenosse: „Ein gemäßigter Israelit ist ein solche», der nur mit einer Hand spricht." Ergo werden wir au»i konservative Israeliten haben, das sind solche, die mit beide i Händen sprechen und endlich auch liberale Israeliten, das sin» solche, die, frei von jeder dramatischen Belebung ihrer Wort, wie gewöhnliche Menschenkinder nur den Mund zum Rede i benutzen. Diese Fraktionsbezeichnung erscheint mir besonder - für die Juden der Ostmark glücklich gewählt, und ich möchte versuchen, das religiöse und soziale Leben unserer Glauben-: genoffen im Osten, sowie ihre Führer, endlich auch die Bericht - erstatter über unsere hiesigen Verhältnisse nach diesen dru Gesichtspunkten zu rubrizieren. Nur soll selbstverständlich nicht die dramatische Rede, noch weniger aber die religiöse Gesinnung das entscheidende Merkmal sein, sondern wesentlicher- Momente, und als solche möchte ich die Stellung zu der eigenen Glaubensgenossen und die Stellung zu Andersgläubigen oder zur deutschen Kultur bezeichnen. Anders als im Westen oder in den großen Handelsun > Industriezentren rechts der Elbe steht die jüdische Bevölkerun; hier zu den Andersgläubigen. Die Posener Klein- und Mittel - stadt, ebenso die Provinzialhauptstädte Posen, Königsberg un - Danzig zeigen, trotz des „Zuges nach dem Westen", imme noch eine relativ starke jüdische Bevölkerung. Wer abe glaubt, daß „die bekannte jüdische Solidarität" das Verhalte i zu den Glaubensgenossen und zu Andersgläubigen uniformier der ist in einem bedauerlichen, großen Irrtum. Ich sa, e „bedauerlich", denn diesem Irrtum sind die schiefen Urtei ' über die Juden in der Ostmark in der befreundeten uns in der feindlichen Presse entsprungen, die wir gerade gegei - wärtig so oft lesen müssen. Betrachten wir zunächst das Verhalten zu den eigene» Glaubensgenossen. Da findet in C. eine Stadtverordn ete»- wahl statt. Die jüdische Bevölkerung hat einen bered - tigten Anspruch auf eines der freigewordenen Mandat Wie verhalten sich unsere Glaubensgenossen in diesem Falle? Diejenigen, die mit beiden Händen sprechen, wollen nur eine»