Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228776--63720-3297640- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Gesamtorganisation betraf, so mußte eine Erörterung erst durch einen mit 20 Unterschriften versehenen Antrag herbeigesührt werden. Die Ausführungen des Referenten selbst und des Dr. Kopfstein - Beuthen bewirkten so viel, daß eine besondere Kommission sich mit der Ausarbeitung der den Rabbiner betreffenden Partien des neuen Entwurfs befassen sollte. Diese hielt auch eine Sitzung ab; ein Erfolg dürfte aber, allen Anzeichen zufolge, auch von ihr nicht erwartet werden. In der Erörterung bemerkte Dr. Jakob, die Darlegungen des Dr. Samuel gereichten ihm zur Genugtuung gegenüber der üblen Behandlung, die er in Berlin erfahren habe. Sachlich führt Dr. Frank aus, daß die Rabbiner aus tieferliegenden Ursachen von dem neuen Gesetzentwurf wenig zu hoffen haben, weil der historische Gegensatz zwischen geistlicher und weltlicher Macht sich nirgends so zuungunsten der ersteren entwickelt habe, wie im Judentum, und sogar eine Selbsthilfe an dem Mangel eines von den religiösen Bedürfnissen geforderten rabbiuischeu Standes scheitern müsse. Dr. Rosenthal weist ergänzend darauf hin, daß auch die besondere Frage der Sabbatheiligung, die Dr. Horovitz-Frankfurt auf der Berliner Tagung angeregt, nur durch gesetzliche Regelung erledigt werden könne, wie gerade die Verhandlungen in Köln ergeben hätten. Dr. Samuel hält an der Möglichkeit besserer Bedingungen für den Rabbinerstand fest und erklärt sich bereit, im Verein mit Dr. David entsprechende Vorschläge schriftlich ausznarbeiten. Die Versammlung nimmt den Vorschlag an und beauftragt den Vorstand, dieserhalb sowie im Hinblick auf einen bestimmten Fall mit dem Zentralausschusse in eingehenden Schriftwechsel zu treten. Bei der vorgerückten Zeit müssen leider zwei noch angekündigte Vorträge ausfallen: Von Dr. Jakob über „Mose am Dornbusch" und von Dr. Neumark über ,,Dialektforschung im Gebiete der Targumim". In den freien Besprechungen fragt Dr. Frank an, ob auch zur zweiten Tagung des „Verbandes der deutschen Juden" in Frankfurt am 13. Oktober eine Einladung an die rheinische Rabbiner-Konferenz gelangt sei, wie das erstemal vor zwei Jahren. Da es nicht der Fall ist, so soll auch dieserhalb der Vorsitzende, Professor Maybaum, angefragt werden. Nach den üblichen Dankesworten wird die Versammlung um sechs Uhr geschlossen. Würzhltvg, 26. Juli. Als Gesellsch a ft „Philantropia" ist mit dem Sitze in Würzburg eine Gesellschaft ni. b. H., nach Vertrag vom 22. Mai und Nachtrag hierzu vom 31. Mai 1907, errichtet worden. Geschäftsführer sind: 1. Philipp Wolff, Weingroßhändler in Würzbnrg, 2. Noson Gourarie, Kaufmann in Wiesbaden. Gegenstand des Unternehmens ist die Errichtung oder Erwerb von Häusern lind sonstigem Grundbesitz sowohl in Europa als in den übrigen Weltteilen zum Zwecke der unentgeltlichen oder entgeltlichen Ueberlassung an dritte, insbesondere an notleidende Juden. Ferner wird durch das Unternehmen die Unterstützung solcher Personen durch Geld, insbesondere derjenigen,welche sich demStudium jüdischerReligionslehre widmen und die jüdische Religionslehre unter den Glaubensgenossen fördern und verbreiten, bezweckt. Zur Erreichung dieses Zweckes ist die Gesellschaft befugt, gleichartige und ähnliche Unternehmungen zu gründen, zu erwerben oder sich an solchen Unternehmungen zu beteiligen. Das Stammkapital beträgt fünfnndsechzigtcrusend (65 000) Mark. Tie beiden Geschäftsführer sind nur gemeinschaftlich zur Vertretung und Zeichnung berechtigt. Die Bekanntmachungen der Gesellschaft erfolgen nur durch den „Deutschen Reichsanzeiger'. . Stuttgart, 26. Juli. Der israelitische Religionsunterricht an den höheren Schulen Württembergs entbehrt bisher fast jeder amtlichen Fürsorge und wurde ganz als Privatangelegenheit behandelt; die Schnlvorstünde gaben ein Zimmer mit Licht und Heizung her, nahmen aber keine Notiz von dem Unterricht, und wer nicht wollte, blieb fern. Nun ist, wie wir hören, vom Ministerium angeordnet, daß für die im volksschnlpflichtigen Alter stehenden Schüler ein obligatorlscher Religionsunterricht eingerichtet wird, wie für die Schüler der christlichen Konfessionen, während an den oberen Klassen die Sache nach wie vor fakultativ bleibt. Die Religionszeugnisse werden in die Hefte der Schüler eingetragen, aber bei Berechnung des Platzes nicht gewertet, ganz wie bei den christlichen Religionszeugnissen. Es ist das ein Erfolg, den mau bei den hiesigen Verhältnissen immerhin nicht gering bewerten darf. Gesterretch-Mngarn. □ Wien, 29. Juli. Der Obmann des jüdischen Klubs im Abgeordneteuhause, Dr. Straucher, hatte eine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Baron Beck, der den Wunsch ausdrückte, mit diesem Klub, trotz seiner numerischen Schwäche, in Fühlung zu treten und sich über dessen Tendenzen zu orientieren. Dr. Straucher erklärke. daß der Klub uneingeschränkte Rechtsgleichheit und Anerkennung der staatsbürgerlichen Gleichwertigkeit der Juden fordere. Der vom Klub angestrebten vollkommenen Gleichberechtigung und Anerkennung staatsbürgerlicher Gleichwertigkeit der Inden entspreche es, daß Präteriernngen und Zurücksetzungen jüdischer Petenten für Staatsstellungen nicht mehr erfolgen. Der Klub werde gegen jede Verunglimpfung der Inden energisch auftreten und müsse die ehrliche Durchführung der bestehenden Gesetze fordern. Die anderen Nationen haben die Juden politisch abgestoßen, so daß diese sich endlich auf ihr eigenes Volkstum Zurückziehen. Würden in Galizien freie Wahlen stattfinden, dann würde sich auch die Regierung überzeugen, daß die Juden des Ostens nur jüdisch-nationale Abgeordnete ins Parlament zu entsenden willens sind.. Die Juden bleiben Juden trotz aller katholischer und nationaler Vermummung, und wenn sie sich der Sprache des Volkes, in dessen Mitte sie leben, bedienen, kann daraus auf ihre Nationalität nicht gefolgert werden. Der Ministerpräsident betonte, daß er die Gleichberechtigung der Inden anerkenne und durchführen wolle. Er sei konservativ und gut christlich und könne deshalb schon kein Judenfeind sein. Er wünsche auch sernerhin mit dem jüdischen Klub zu verkehren und über dessen Wünsche und Beschwerden orientiert zu sein. — Der Oberst Alexander Ritter v. E iß wurde zum Generalmajor ernannt. — Einen sehr merkw ürdigenBeschluß hat vor kurzem der „Ver ei n der Beamten der St adt Wien" gefaßt. Sie wollten nämlich vom Stadtrat verlangen, der Uebergehung der jüdischen Magistratsbeamten ein Ende zu machen. Man kann sich denken, wie empört die Antisemiten über diesen Beschluß sind, der wohl als ein charakteristisches Zeichen der Zeit gelten kann. Andererseits darf man sich vorstellen, wie es den wenigen jüdischen Beamten der Kommune, die seit der liberalen Aera noch im Dienste sind, ergeht, wenn sich ihrer die Kollegen annehmen wollten, die ja als Günstlinge des herrschenden Regimes zu betrachten sind. Natürlich hat der Beschluß in der christlich-sozialen Partei sehr erbittert und der Verein mußte den Antragsteller ausschließen. — In der vorigen Woche hielt der bekannte tschechische Professor Dr. Masary k im Parlamente seine Jungfernrede. Man weiß, daß sich der Bekämpfer des Klerikalismus ein energisches Wort nicht auszusprechen fürchtet. Als ihm der Tiroler Christlichsoziale Niedrist mit dem Zwischenrufe „Die Juden hinausjagen!" unterbrach, antwortete er energisch und schlagfertig: „Ihr Wort beweist, daß Christentum und Nächstenliebe nicht immer dasselbe sind." Professor Masaryk, der Protestant ist, fand vielen Beifalt, ein Beweis, daß man nur den Mut haben muß, den Schimpfern entgegeuzutreten. — Der"Zionist Dr. Gabel Hot im Abgeorduetenhause den Antrag auf Zulassung der hebräischen Sprache in arntlichen Aktenstücken eingebracht. Das ist doch nur eine leere Demonstration! Wieviel Mitglieder des zionistischen Klubs würden wohl ein solches hebräisches Aktenstück lesen könnend — Dem Wunsche der jüdischen Mitglieder des Polenklubs Dr. Gold, Gall, Tr. Löwenstein und Dr. Kolischer entsprechend, begab sich der Obmann des Klubs v. Abrahamowiez zum Kriegsminister Schönaich und ersuchte ihn, die jüdischen Soldaten in Galizien von den Manövern und Hebungen in: September, die heuer mit den hohen jüdischen Feiertagen zusammenfallen, zu befreien. Der Kriegsnünister hat die tunlichste Berücksichtigung dieser Bitte zugesagt. — Die Baron Hirsch-Stiftung für Galizien und die Bukowina hat im Schuljahre 1905/06, wie wir dem Verwaltungs-Bericht entnehmen, 48 Volksschulen <22 höhere, 26 niedere) unterhalten, in denen 7675 Kinder von 196 Lehrern unterrichtet wurden. Hierfür sind von den 544143 Kr. betragenden Jahres-Ein nah men ans dem Stiftungs- Kapital <18491000 Kr.) insgesamt 451828 Kr. aufgeweudet worden; außerdem für Verteilung von 31 275 Büchern, 62 927 Heften usw. 9159 Kr., sür Verabreichung von 131184 Mittagbroten und für Bekleidung armer Schüler (aus der Baronin Hirsch-Jubiläums-Stistung) 71714 Kr., für die 17 Abendkurse, welche von 769 Schülern besucht und von 48 Lehrern geleitet wurden, 3251 Kr., für die Sub-