Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Was mir Passiert ist, dürfte doch nur zu geeignet sein, die Polen in ihren Bestrebungen nur zielbewußter zu machen?' i'f. Posen, im Juli. Die Herren Hans und Dr. Ludwig Kantorowiecz haben am 16. November 1906, dem 70. Geburtstage ihres verstorbenen Vaters, der Stadtgemeinde Posen ein Kapital von 20000 Mark zu einer Kommerzienrat und Stadtrat Adolf und Cerline geb. Kayser Kantorowiecz-Stiftnng übergeben. Die Zinsen der Stiftung sollen am 7. Oktober und 16. November jeden Jahres an je zwei in Not befindliche Gewerbetreibende in der Stadt Posen — in erster Reihe Kaufleute — ohne Unterschied der Religion und des Geschlechts, von denen aber je einer jüdischer Religion sein muß und welche mindestens drei Jahre in Posen wohnen, möglichst zur Hälfte verteilt werden. Die Verwaltung führt ein Kuratorium. Die allerhöchste Genehmigung zur Annahme der Stiftung ist erteilt. r. Bromberg, im Juli. Ueber deu kürzlich verstorbenen Regierungspräsidenten von Tie bemann wird von hier folgendes gemeldet: Der frühere Regierungspräsident von Vromberg und Mitglied des Reichstags von 1898—1906, der in Berlin am letzten Sonnabend verstorben ist, hat sich durch seinen großen Gerechtigkeitssinn eili Anrecht auf einen Nachruf auch an dieser Stelle erworben. Tiedernann ist bekanntlich mit dem Herrn von Hansemann und dem Landesökonomierat Kennemann Begründer des Osünarkenvereins (daher Hkt-Verein genannt) gewesen. Der Verein ist später in den Ruf gekommen, nicht bloß gegen die Polen vorzugehen, sondern auch den Juden gegenüber sich unfreundlich zu stellen. Da ist es das Verdienst von. Tiedernanns gewesen, noch in der Zeit, als er in Bromberg Präsident war, mit aller Schärfe gegen das Eindringen des Antisemitismus Front zu machen. Von ihm stammt das geflügelte Wort: der Antisemitismus ist der Todfeind des Deutschtums in den Ostmarken. Er war sich offenbar darüber klar und hat sich diese Klarheit in seiner langen Verwaltungspraxis erworben, daß der Jude in der Ostmark im Kampfe gegen das Polentum in den Städten vielfach das Zünglein an der Wage bildet und, wenn er nicht selbst von den Deutschen angegriffen wird, treu zum Deutschtum hält, daß man also das Deutschtum begräbt, wenn man gegen die Inden vorgeht, auch daß überall da, wo man die Existenz der Juden untergräbt und sie zur Auswanderung nach Berlin oder anderswohin zwingt, der Pole sich sofort festsetzt, wo der Jude sein Geschäft verläßt. Daher Herr von Tiedemann mit eiserner Konsequenz sich öffentlich mit der ganzen Autorität seiner Persönlichkeit dem Antisemitismus entgegenstemmte. Das Andenken dieses Ehrenmannes wollen wir daher Hochhalten und wünschen, daß er in der Ostmark recht viele Gesinnungsgenossen findet, vornehmlich in den einflußreichen Stellen der Verwaltung. Köln, im Juli. Am 13. d. M.fand die Generalversammlung des R he inisch en Ra b bi nerverbandes im Sitzungszimmerder Gemeinde statt. Es hatten sich eingefunden die Rabbiner DDr. Baron-Birkenseld, David-Bochum, Frank-Köln, Grabowski-Barmen, Jakob-Dortmund, Kalischer-Bonn, Levi-Krefeld, Neumark-Duisbnrg, Rosenthal-Köln, Samuel-Essen, Taworgi-Kreuznach und als Gäste die Herren DDr. Hanover und Kober-Köln. Entschuldigt fehlten Auerbach- Elberseld, Hochseld-Düsseldors, Jaulus-Aachen. Aus dem vom Vorsitzenden Dr. Grabowski erstatteten Jahresbericht ergibt sich, daß der Vorstand seine Obliegenheiten, die Vertretung auf der Tagung der rheinischen Synagogengemeinden und auf dem allgemeinen Rabbinertage in Berlin, erfüllt und im übrigen an Ehrentagen mehrerer seiner Mitglieder sich beteiligt hat. So beging Dr. Auerbach sein 40jahriges Amtsjubiläum und emeritierter Oberrabbiner Dr. Horowitz seinen 7<). Geburtstag; auch zur Ordensauszeichnung von Dr. -Frank wurde ein Glückwunsch übermittelt. Sodann verliest Dr. Grabowsky ein Schreiben von Dr. Hochseld, in welchem dieser seine Uebersiedlnng nach Berlin mitteilt und dem Verbände für alle erwiesene Kollegialität und gespendete Anregungen dankt. Der Vorsitzende bemerkt, daß dem scheidenden Amtsbruder die Glück- und Segenswünsche des Verbandes in seinen neuen Wirkungskreis folgen. In Ausführung des vorjährigen Beschlusses hat eine rege Agitation in der Schächtangelegenheit statt gefunden, leider ohne den gewünschten Erfolg. Nach Ansicht der Konferenz ist ein wirksamer Schutz gegen die Angriffe der Tierschutzvereine nur noch von einer klaren gesetzlichen Bestimmung zu erwarten, nachdem das preußische Verwaltungsgericht versagt hat. Für Oesterreich hat der oberste Gerichtshof entschieden, daß jedes Schächtverbot der grundsätzlichen Anerkennung des jüdischen Kultns (Gesetz v. I. 1864) widerspreche, das rituelle Schlachten selbst zudem nach Ansicht der vorzüglichsten Autoritäten keineswegs inhuman sei. Bei der Neubildung des Vorstandes geht der Vorsitz auf Dr. David-Bochum, die Stellvertretung auf Dr. Grabowski über; zmn Schriftführer wird Dr. Samuel gewählt. Sodaun hält Dr. Rosenthal-Köln ein Referat über: .praktische Erfolge im apologetischen Unterricht". Redner hat sich bemüht, die gegenwärtig eifrig betriebene wissenschaftliche Apologetik für zwei Vortragszyklen junger Leute nutzbar zu machen, die er im letzten Winter eingerichtet hat. Dabei zeigte sich, daß das bekannte Güdemannsche Werk sich nicht dafür eignete, zugrunde gelegt zu werden, besonders weil es den Begriff Apologetik teils zu weit, teils zu enge fasse. Zu weit, insofern darin die Behauptungen christlicher Theologen einen ungebührlich breiten Raum einnehmen, zu eng, insofern wichtige Kapitel, z. B. religionsphilosophische Fragen, gänzlich ausgeschlossen sind. Referent mußte daher eigene Wege wandeln, nnd sah besonders den Kursus, an dem auch Primaner der höheren Lehranstalten teilnahinen, in einem eklatanten Beispiel aus dem Schulleben von bestem Erfolg begleitet. Es zeigte sich, wie dankbarreife Schüler die Gelegenheit im geschichtlichen und deutschen Unterrichte ergreifen, ihr Judentum zu verteidigen, wenn ihnen die Hilfsmittel erschlossen sind, nnd daß verständige Lehrer dies mutige Verhalten auch billigen. Die Konferenz folgte den Darlegungen mit gespanntem Interesse und zog sie sogleich nach der Mittagspause in eingehende Erörterung. Allseitig wurde betont, daß apologetischer Unterricht eine Forderung des Tages sei. Im besonderen weist Dr. David darauf hin, daß auch die geschichtlichen Vorgänge, 'die die Entstehung und Ausbreitung des Christentums verursachten und begleiteten, ausführlich und ohne Scheu, auf Grund der neueren Forschungen, dargelegt werden sollten. Dr. Jakob weist auf verschiedene Mängel des Güdemaunschen Bnches hin und vermißt nicht nur die religionsphilosophischen Probleme, sondern auch Erörterungen in anthropologischer und sozial-ethischer Beziehung; also Kapitel wie die Juden als Ackerbauer, Arbeiter, Soldaten; das Schächten; die Blutanklage nsw. Dr. Levi-Krefeld warnt davor, alles und jedes, auch offenbare Mißbräuche und Auswüchse im Bannkreise des Judentums, verteidigen zu wollen; Kritik und Wahrhaftigkeit müßten obenan stehen. Dr. Kalischer bezweifelt, ob der apologetische Unterricht gesondert erteilt werden solle, da Rechtfertigung des Judentums ja alle religiösen Lehrgegenstände beherrsche. Das Hauptgewicht müsse jedenfalls aus die Priorität und Superiorität der jüdischen Ethik gelegt werden, soweit sie geschichtlich und philosophisch sich erweisen lasse. Um ein praktisches Ergebnis der Verhandlungen herbeizuführen, beschließt die Konferenz auf Antrag von Dr. Levi: „Der Rheinische Rabbiner-Verband erkennt die Notwendigkeit eines für den Religionsunterricht in den oberen Klassen geeigneten Handbuchs der Apologetik des Judentums an und beauftragt die Kollegen Jakob-Dortmund und Rosenthal-Köln, ans der nächsten Generalversammlung des Verbands den Entwurf eines solchen Handbuchs vorzulegen." Zum zweiten Punkt der Tagesordnung referierte Dr. Samuel über den Allgemeinen Deutschen Rabbinertag vom 2. bis 3. Januar nnd äußert sich vornehmlich über zwei Momente, den allgemeinen Eindruck nnd Ertrag der Versammlung und die von unserer Konferenz mitveranlaßte Verhandlung über die sogenannte Gesamtorganisation der jüdischen Gemeinden in Preußen. Die allgemeinen Eindrücke, die Dr. Samuel von der Berliner Tagung mitgebracht hat, sind die denkbar ungünstigsten. Ausgefallen sei ihm der fast völlige Ausschluß der Oeffentlichkeit bei den Verhandlungen, das Fehlen jeder kollegialen Veranstaltung und jedes erhebenden Momentes während der zweitägigen Beratungen. Ein praktischer Erfolg sei allerdings die Sicherstellung der Reliktenkasse der Rabbiner Deutschlands, die mit staatlicher Genehmigung am 1. Januar d. I. ins Leben getreten ist. Dagegen ließen die Debatten über den Vortrag von Dr. Jakob: „Der Anteil der Wissenschaft des Judentums an der Emanzipation der Juden" jedes Maß und jede Würde vermissen, und wirkten doppelt peinlich und beschämend, weil die Verbandsleitnng nichts tat, um den Redner gegen ungerechte Angriffe zu schützen. Was die Stellungnahme zu einem Gesetzentwurf