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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 31. Berlin, 2. August 1907. Der Geineindetzate. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". IkorrelpondenHM und Mschrichtem Deutschland. 8. Berlin, 30. Juli. Das neue und stattliche Gebäude der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in der Artilleriestraße geht seiner Vollendung entgegen und wird wahrscheinlich am 20. Oktober d. I. feierlich eingeweiht werden. Es ist selbstverständlich, daß es nur durch die Munifizenz verschiedener Gönner und Mäcene der Wissenschaft möglich war, dieses sehnlich erstrebte Ziel zu erreichen, aber es muß doch betont werden, daß diese Munifizenz bisher noch nicht in dem Grade sich gezeigt hat, wie man nach der Tatsache hätte erwarten dürfen, daß die meisten und größten jüdischen Gemeinden ihre Rabbiner aus der Lehranstalt sich geholt haben. Es steht zu erwarten, daß man in weiten Kreisen sich anläßlich dieser Feier der Bedeutung erinnern wird, welche die Hochschule der jüdischen Wissenschaft für die gebildete deutsche Judenheit hat und welche Mission sie speziell sür das liberale Element innerhalb des Judentums seit mehr als 30 Jahren mit Eifer und Erfolg vertritt. Erst wenn diese Erkenntnis sich allgemein Bahn gebrochen haben wird, kann die Lehranstalt diejenige äußere und innere Einrichtung haben, welche sie bedarf und welche ihr gebührt. Es "gehört dazu vor allem ein Stab von Dozenten für alle Disziplinen der Wissenschaft des Judentums, eine große Bibliothek, die auch alle neuen Werke und alte Manuskripte erwerben kann, und schließlich eine weitere Reihe von Stipendienstiftungen sür die unbemittelten Hörer. Hoffentlich werden diese pia desideria mit der Zeit durch größere Zuwendungen und Stiftungen zur Erfüllung reifen. s. Berlin, 29. Juli. In der vorigen Woche feierte Professor Max Liebermann in einer norwegischen Sommerfrische seinen 60. Geburtstag. Unter den zahlreichen Glückwunschschreiben, die dem Künstler bei diesem Anlaß zugingen, ist das bemerkenswerteste das des Generaldirektors der Kgl. Museen, des Herrn Geheimrats Wilhelm Bode, in dem es heißt, daß wir in Liebermann den ersten deutschen Maler der Gegenwart zu ehren haben. Mannigfache Betrachtungen ließen fick an dieses Urteil knüpfen. Man wird dabei auch einigermaßen an die biblische Historie von Bileam erinnert. Aber sür uns bleibt es immerhin nach so vielen Zurücksetzungen und Enttäuschungen ein Gefühl berechtigten Stolzes, daß der erste deutsche Maler der Gegenwart ein Jude ist. 8. Berlin, 29. Juli. Aus dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin ergibt sich, daß die Juden, die im Jahre 1900 nur 4,88 Prozent der Berliner Gesamtbevölkerung betrugen, im Jahre 1904 15,1 Prozent der Gesamtzahl aller Steuerpflichtigen mit einem Einkommenstenersatze von 21 Mark und mehr (also mit mehr als 1500 Mark Jahreseinkommen) ausmachten und von dem gesamten Erträge der Einkommensteuer dieser Steuerpflichtigen 30,1 Prozent aufbrachten. In der Höhe des aus den Kops entfallenden Steuerbetrages werden die Juden nur von den Dissidenten, unter denen sich wiederum viele aus dem Judentum ausgetretene Personen befinden, übertroffen. 22 Berlin, 29. Juli. Der Rechenschaftsbericht des Komitees sür Volksküchen (früher Hilfskomitee für die rumänischen Juden) in Palästina sür 1904-, 1905 und 1906 ist ein Zeugnis für die Notwendigkeit und Bedeutung dieses Hilfswerks. Von der gesamten jüdischen Einwohnerschaft Palästinas (zirka 70 000 Seelen) sind etwa 70 Prozent auf Unterstützung angewiesen, die sie je nach ihrer Nationalität (in Betracht kommen hier vornehmlich: Russen, Rumänen, Oesterreicher und Türken) von ihren Glaubensgenossen in der Heimat erhalten. In den letzten Jahren jedoch bewegen sich die Ziffern der Bevölkerung und der einlanfendenUnterstützungsgelder in entgegengesetzter Richtung. Diese sind in stetem Abnehmen, während jene im Znnehmen begriffen sind. Unter solchem Mißverhältnis steigert sich naturgemäß in dem an sich armen, weil noch unkultivierten Palästina das Elend von Jahr zu Jahr. So ist z. B. die Unterstützungsquote für die Angehörigen der russischen Gemeinde bis auf 25 Franken, die sür die rumänischen Juden gar auf 10 Franken pro Kopf und Jahr heruntergegangen. Veranlaßt durch die traurigen Berichte, namentlich ans Sased, hat deshalb der Verein zuerst dort eine Volksküche gegründet. Zur Erhaltung der Volksküche sendet der Verein pro Quartal in der Regel 1000 Franken. — Allmonatlich erhält derselbe von der Verwaltung einen ausführlichen Bericht über die laufenden und einmaligen Ausgaben sowie ein Verzeichnis der Namen der gespeisten Armen. Nach den von seiten der Verwaltung zugegaugenen Jahresberichten über die Tätigkeit der Volksküche wurden jährlich 12—13 000, bis Ende 1906 zirka 50 000 Portionen, und zwar an 40—50 Personen täglich, gratis verabfolgt. Von den gespeisten Armen sind zirka 60 Prozent Greise, 24 Prozent Waisen und 16 Prozent Witwen. Die Ausgaben beliefen sich für die letzten drei Jahre auf zirka 12 700 Mark, denen nur 11 900 Mark Einnahmen gegenüberstehen, so daß nach Hinzurechnung des Kassenbestandes ultimo 1903 von 270 Mark noch ein Defizit von zirka 530 Mark zu decken ist. Die Verwaltung der Volksküche besteht zurzeit aus einem Direktor: Herrn M. Taubenhaus, Vorsteher der dortigen rumänischen Gemeinde, und drei Ehrenaussichtsbeamten. Um sein Ziel zu erreichen, bedarf der Verein naturgemäß großer und reicher Mittel, und diese Aufgabe von eminent sozialer Bedeutung kann nicht gelöst werden, wenn nicht alle Juden, die sich einer glücklicheren Lage erfreuen, sich ihrer unglücklichen Brüder und Schwestern erinnern und ihr Scherflein dazu beitragen, der Not und dem Elend der Schwachen und Hilflosen zu steuern. Der Vorstand besteht aus folgenden Herren und Damen: Siegb. Seckelsohn, Vorsitzender, Justizrat Mendelsohn, stellvertretender Vorsitzender, Ignatz Ginsberg, Schatzmeister, Eugen Sello, stellvertretender Schatzmeister, Rabbiner Dr. Winckler, Schriftführer, Rabbiner Dr. Petuchowski, stellvertretender Schriftführer, Jsm. Hamburger, Rentier, M. Lyon, Rittergutsbesitzer, Leopold Mainz, Rentier, I. Mamlock, Apotheker, Dr. Julius Moses, Redakteur, Fräulein Büna Cohn, Frau Albert Hirsch, Frau Bertha Klausner. Möge dem Verein die Teilnahme sich zuwenden, die er um seiner Zwecke willen wohl verdient! r. Danzig, 30. Juli. Die „Danziger Zeitung" veröffentlicht ein ihr von einem Geschäftsinhaber aus dem Konitzer Kreise zugegangenes Schreiben, in dem gesagt wird: „In meiner Gastwirtschaft finden seit Jahren die Ersatz- und Oberersatzgeschäfte für den hiesigen Aushebungsbezirk statt. Das Oberersatzgeschäst für dieses Jahr im Juli soll in einem anderen Lokal stattfinden, das Eigentum eines Polen ist und von diesem im April an einen deutschkatholiscken Herrn weiterverpachtet wurde. Ich kann mir diesen Vorgang nur so erklären, daß ich für den Herrn Landrat, auf dessen Initiative die Lokalveränderung zurückgeführt werden muß, als Jude wohl noch nicht die ganz echte, patentierte deutsche Gesinnung besitzen muß, so daß erden sogenannten Pächter für noch gesinnungstüchtiger halt und mich so zum Staatsbürger zweiter Klasse stempelt, obwohl ich von hiesigen führenden Deutschen bei Wahlen in Anspruch genommen wurde und meine Stimme häufig für das Deutschtum ausschlaggebend war. Materiell fühle ich mich nicht geschädigt, da ich die geschäftliche Einbuße vertragen kann, jedoch schmerzt es mich, etwa meiner Konfession wegen zurückgesetzt worden zu sein. Andere königliche Behörden, wie das Königl. Amtsgericht zu Könitz und die Königl. Wiesenverwaltung zu Czersk, halten nach wie vor ihre Termine in meinem Lokale ab und fühlen sich ganz wohl dabei! Sollte meine Vermutung zutreffeu, dann wird man mir wohl darin beistimmen, daß durch solche Maßnahmen die nationale Gesinnung in unserer Ostmark nicht gefördert wird. Der zuständigen Stelle kann es doch nicht unbekannt sein, daß der jüdische Teil der Bevölkerung hier einen wesentlichen Faktor für das gesamte Deutschtum ausmacht; denn noch immer haben die jüdischen Bewohner der Ostmark ihrer nationalen Pflicht, die ihnen oft genug schwere pekuniäre Opfer in geschäftlicher Hinsicht auserlegte, genügt.

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