Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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372 ihre Lenden und machte sich auf, um 37 Meilen zu Fuße zu wandern. Sie nahm keinen Stock mit, denn nach den Gesetzen des Talnruds wäre es wieder eine Sünde gewesen, am Sabbat etwas zu tragen. Ebensowenig durfte sie einen Regenschirm mitnehmen, obwohl es in der Regenzeit war. Meile für Meile schritt sie tapfer voran, dem geliebten, bleichen Gesichte entgegen, das ihr am Ende ihrer Reise winkte, und das wie ein Stern vor ihr herzuziehen schien. „Ich komme, mein Lamm," flüsterte sie. „Dein Mütterchen ist auf dem Wege." Es war eine feuchte Nacht. Ein ungesunder, weißfarbener Dunst stieg auf, und der Himmel schien die Erde wie mit einem Leichentuche zu umhüllen. Die au dein Wege stehenden Bäume verschwanden in dem dichten Nebel. Um Mitternacht wurde der Dunst so dicht, daß kein Stern mehr sichtbar war. Furchtlos wanderte sie die ganze Nacht durch den Wald: ihres Weges war die kleine Großmutter ganz sicher. Sie begegnete weder Mensch noch Tier, obwohl in diesem Walde Wölfe und Bären hausen und es auch giftige Schlangen gibt. Es sprangen aber nur ein paar unschuldige Eichhörnchen über den Weg. Als der Morgen kam, war sie sehr müde und beinahe lahm. Aber sie wanderte weiter. Die Hälfte ihrer Reise lag noch vor ihr. Sie hatte nichts zu essen mitgenommen; das wäre ja auch eine unerlaubte Bürde gewesen. Ebensowenig durfte sie an dem heiligen Tage etwas kaufen. Während des Gehens sagte sie ihre Sabbatgebete und bat Gott inständig, ihr ihre Sünde zu vergeben. Ihr frommes Gebet stärkte sie und machte sie ihre Müdigkeit teilweise vergessen. Als sie daun durch ein Dorf kam, wurde ihr die Kunde von den» Auftreten der Cholera im Bezirke ihres Sohnes bestätigt; für zehn Minuten beflügelte diese Kunde ihre Füße, daun aber überwältigte sie die körperliche Schwäche. Sie mußte sich an eine Hecke lehnen, um nicht ilmzusinken. Es war beinahe Mittag. Ein vorübergehender Bettler gab ihr ein Stück Brot. Glücklicherweise war keine Butter darauf, so konnte sie es essen, ohne ihre Seele mit der Sünde zu bestecken, etwas Verbotenes über die Lippen gebracht zu haben. Sie nahm die Reise wieder auf, aber ihre müden, wunden Füße wollten sie kaum mehr tragen; nur sehr langsam kam sie weiter. Sie hätte gern die Füße im Bach gebadet, aber auch das war ihr verboten. Sie zog ihren Brief aus dem Busen, las ihn wieder und wieder und suchte ihre schwindende Kraft dadurch neu zu beleben. „Mut, Mut, mein Lamm, Dein Mütterchen ist ans dem Wege." Dann fing es plötzlich an stark zu regnen, die schweren Tropfen, die ihr in das Gesicht schlugen, erfrischten sie in den ersten Augenblicken; bald aber war sie bis auf die Haut durchnäßt. Ihre triefenden Kleider schienen ihr unerträglich schwer zu sein, und der aufgeweichte Weg, der feuchte Schmutz, der sich au ihren Füßen festhing, waren ebenso sehr Hindernisse, die ihr Vorankommen hemmten. Aber trotz Regen und Wind verfolgte sie tapfer ihren Weg. Daun aber bemächtigte sich ihrer plötzlich eine neue Angst: Würde ihre Kraft ansreichen, das Ziel zu erreichen? Jeden Augenblick wurde ihr Schritt langsamer, sie kam wie eine Schnecke voran. Je langsamer sie ging, um so mehr sehnte sie sich nach ihrem Sohne, und um so deutlicher sah sie in bangem Vorgefühle das, was ihrer am Ende ihrer Reise harrte. Würde sie noch zur rechten Zeit kommen, seine letzten Worte zu hören? Vielleicht — schrecklicher Gedanke — war es schon zu spät, sie würde ihn nicht mehr lebend finden! Vielleicht wollte Gott sie dafür strafen, daß sie es gewagt habe, den Sabbat zu schänden! „Mut, Mut, mein Lamm," klagte sie leise, „stirb noch nicht. Dein Mütterchen kommt." Der Regen hörte auf. Leuchtend brach die Sonne hinter den Wolken hervor. Ihre warmen Strahlen trockneten ihre Hände und Gesicht und bedeckten sie dann bald genug mit Schweißtropfen. Jeder Schritt war eine Qual, aber die tapferen Füße gingen unaufhaltsam vorwärts. Ermüdet, geschwollen und wund eilte sie dennoch weiter. Ihr war, als riefe in weiter, ach immer weiter werdender Ferne die sterbende Stimme ihres Sohnes nach ihr. Sich tapfer vorwärts schleppend, beantwortete sie den Ruf: „Ich komme, mein Lamm, ich komme. Mut, Mut! Dein Mütterchen ist auf dem Wege. Mut! Ich werde Dein Antlitz Wiedersehen, ich werde Dich noch lebend finden!" Ein mit seinem Wagen vorüberziehender Fuhrmann bemerkte ihre Hinfälligkeit und bot ihr einen Sitz in seinem Gefährt an, aber sie schüttelte hartnäckig den Kopf. Der endlose Nachmittag neigte sich dem Abend zu — sie wankte den Waldweg entlang, manchmal stolperte sie, fiel vor Schwäche und verletzte sich die Hände und das Gesicht an den Dornen der am Wege stehenden Brombeerrankeu. Endlich ging die Sonne unter, wieder stieg ans den Pfützen im Walde der Nebel auf. Immer noch lag ein meilenweiter Weg vor ihr, und immer noch lief sie weiter, überanstrengt, fast automatisch, kaum mehr ihrer Sinne mächtig, den nächsten Schritt nur nehmend, weil sie den vorhergehenden gemacht. Bon Zeit zu Zeit murmelten ihre Lippen: „Mut, mein Lamm. Ich komme." Der Sabbat war gerade vorüber, als Großmütterchen endlich, gebrochen, blutend und beinahe ohnmächtig, an dem Wirtshause ihres Sohnes ankam, das am Ende des Waldes gelegen war. Ihr Herz stand beinahe still vor Angst. Am Samstagabend pflegte sich sonst die ganze polnische Bevölkerung in und um das Wirtshaus zu versammeln. Heute jedoch war alles still. Nur der Klang hebräisch gemurmelter Hymnen drang durch die Tür. Ein Mann in einem Kaftan öffnete ihr, er legte den Finger an die Lippen, am ihr zu bedeuten, daß sie leise eintreten möge. Großmütterchen blickte in das Zimmer. Ihre Schwiegertochter und ihre Enkel saßen auf dem Fußboden — dem Platze derer, die einen Toten betrauern. „Gesegnet sei der gerechte Richter," sagte sie und zerriß den Mock ihres Kleides von oben bis nuten. „Wann starb er?" „Gestern. Wir mußten ihn schnell begraben, ehe der Sabbat anbrach." Die kleine Großmutter erhob ihre zitternde Stimme und stimmte mit ein in die Hymne: „Ich will Dir ein neues Loblied singen, o Gott, auf eiuer Harfe mit zehn Saiten will ich Dein Loblied singen." —-— — — — — — — — — Die Pflegerinnen konnten nicht begreifen, woher die mumienhafte, sterbende kleine Frau plötzlich die Kraft nahm, eine sitzende Stellung einzunehmen. Die kleine Großmutter zog mit ihrer runzligen Hand einen zerdrückten Brief, der eben so gelb und unansehnlich wie sie selbst war, ans ihrem verschrumpften Busen. Der Brief war mit seltsamen Hieroglyphen bedeckt, die längst verblichen waren. Sie hielt ihn dicht vor die fast gebrochenen Augen — es war, als verkläre sich Plötzlich das von tausend Runzeln durchfurchte, welke Gesicht. Ihre Lippen bewegten sich leise: „Ich komme, mein Lamm," flüsterte sie, „Mut, Dein Mütterchen ist auf dem Wege! Ich werde Dein Antlitz Wiedersehen. Ich werde Dich lebend finden!" ->**- Sprechsaal. Warnun g. Samuel Rosenfeld aus Lodz und Rebekka Schnur aus Kalisch reisen mit gefälschten ärztlichen Attesten und brandschatzen Private und Armenkassen. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.