Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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371 Leben blüht aus den Ruinen." Und das verdanken wir der ' „Vereinigung i sraelitische r Lehrer und Lehrerinnen"! zu Frankfurt a. Main, die durch ihr Mitglied Herrn Lehrer I. B. Levy daselbst die alte MBÜ int vorigen Jahre in neuer Bearbeitung herausgeben ließ.') Herr Levy ist dabei unterstützt worden von den Herren Einstädter, Dr. Höxter und Professor Dr. Schwarz, und so ist ein Gebetbuch geboten, das beim Gottesdienst wie beim Unterricht leicht und angenehm zu gebrauchen ist und lange gehegten Wünschen entspricht. Es sind neue Typen angewendet worden, die von einer vom „Verbände der jüdischeil Lehrervereine im deutschen Reich" eingesetzten Komnlission geschaffen wurden. Sie erleichtern das Lesen durch scharfe Unterscheidung ähnlicher Buchstaben. Das Erfassen des Inhalts wird durch sinngemäße Interpunktion gefördert. Die Anordilung der Gebete und ihre Anwendung ist möglichst übersichtlich gestaltet worden. Diese Allsgabe des alten Rödelheimer Siddur hat die Erwartungen, die bei seinem Erscheinen gehegt wurden, übertroffen. Nach Jahresfrist ist die erste Auflage vergriffen und die zweite soeben herausgekommen. Man kann dem altehrwürdigen Verlage M. Lehrberger & Co. (er ist 17y<; gegründet) dazu von Herzen Glück lvünschen. Obgleich die erste Allslage, über die ich anerkennende, zuiil Teil begeisterte Besprechungen von 50 der bekanntesten Rabbiner und Lehrer gelesen habe, vortrefflich war, ist diese zweite Auflage, die in Anordnung und Ausstattung ebenso vortrefflich ist, doch noch vielfach verbessert und erweitert worden. So silld die Semiros für Freitag Abend, die Seelen-Gedächtnisfeier, sowie eine systematisch geordnete Auswahl von Machsor-Stücken, die für die Durchnahme in der Schule besonders geeignet sind, und eine kurze Leselehre — vielfachen Wünschen entsprechend — dein Buche beigegeben worden. Ich kanil nur sagen: Wer die Lust zuiil Beten wecken, die Lust zum Lernen erhöhen will, der kaufe diesen Siddur Scliaare Telillah (in zweiter Auflage) und gebe ihn der Jugend in die Hand! Bit Ssbbatbrecherm? Von I. Zungwill. kam die Todesstunde der hundertjährigen polnischen Großmutter. Der Arzt meinte, daß sie kaum noch länger als eine Viertelstunde leben könne. Der Anfall war so plötzlich gekommen, daß keine Zeit blieb, ihre Enkel, die sie stets auszuschelten liebte, zu rufen. Das Schlimmste war bereits überstanden, sie lag nun ruhig und schien friedvoll hinüber zu schlummern. Die Wärterinnen, die alle Mühe und alle schlaflosen Nächte, die die zänkische Alte ihnen verursacht, vergessen hatten, beugten sich ängstlich und liebevoll über das Bett, in dem das zusammengeschrumpfte alte Weibchen lag. Sie wußten nicht, daß ]) Siddur schaare tefillah. Gebetbuch für Synagoge, Schule und Haus. Rödelheim, M. Lehrberger & Co. Preis in gutem Schulband 1 Mark, in dauerhaftem Ganzleintvaudband 1,20 Mark. 2) Im Verlage von Siegfried Cronbach, Berlin, erscheint demnächst ein neues Buch von Zangwill: „Tragödien des Ghetto", deutsch von Dr. Hans Heinz Ewers. Der Verlag hat uns die obige Skizze daraus freundlich zur Verfügung gestellt. Die Red. die Sterbende im Geiste noch einmal die große Episode ihres V* Lebens durchlebte. Vor etwa 40 Jahren, sie war damals schon beinahe 70 alt und längst Witwe, lebte sie in einem polnischen Dorfe, das ihr die Welt bedeutete. Da erhielt sie plötzlich einen Aries. Dies geschah an einem regnerischen Sommertage, anr Freitag abend. Er kam von ihrem Jungen — ihrem einzigen Sohne — der 37 Meilen von ihrem Orte entfernt ein ländliches Wirtshaus besaß, längst verheiratet war und Familie hatte. In fieberhafter Erregung öffnete sie den Brief sogleich. Ihr Sohn — ihr Kaddisch — war ihr Augapfel. Die alte Frau las den in hebräischer Sprache geschriebenen Brief von rechts nach links. Dann übermannte sie eine plötzliche Schwäche, sie fiel beinahe um. Wie zufällig, stieß sie in den vier Seiten des Briefes aus eine Stelle, die ihr wie mit Blut geschrieben erschien. „Ich fühle mich in der letzten Zeit nicht recht wohl; das Wetter ist so furchtbar heiß, und die Nächte sind so feucht und neblig. Aber es ist nichts Ernstes, meine Verdauung ist nur gestört, das ist alles." In dem Briese lagen einige für sie bestimmte Rubel — sie fielen unbeachtet auf den Boden. Eine panische Furcht bemächtigte sich ihrer. Das Gerücht, das in jener Zeit schneller reiste wie die langsame Post, hatte schon die Nachricht gebracht, daß in dem von ihrem Sohne bewohnten Bezirk die Cholera ansgebrochen sei. Den ganzen Tag über war sie von einer bangen Ahnung gequält gewesen; dieser Brief bestätigte ihre Befürchtungen. Selbst wenn er noch nicht von der verheerenden Seuche ergriffe^ sein sollte, so war er doch nach seinem eigenen Geständnisse in der Verfassung, in der man am meisten dazu disponiert ist, der unheilvollen Krankheit zum Opfer zu fallen. Er lag vielleicht jetzt schon auf dem Kranken- oder dem Sterbebette — vielleicht war er schon tot. Schon'in jenen Tagen hatte die kleine Großmutter das gewöhnliche Lebensalter überschritten; sie hatte viele Menschen sterben sehen und wußte es, daß der Todesengel seine Opfer willkürlich heischt. Bei einer Epidemie hat er so viel Arbeit, daß er dem einzelnen Falle keine besondere Aufmerksamkeit widmet. Die Sehnsucht nach ihrem Jungen erwachte mit unwiderstehlicher Gewalt. Das Ende des Briefes schien ihr einen verborgenen Sinn zu haben: „Komm doch bald, recht bald, um mich zu besuchen, liebes Mütterchen. Denn ich werde Dich jetzt so bald nicht anfsuchen können." Ja, sie mußte sofort zu ihm — wer weiß, ob sie ihn nicht zum letztenmal sehen würde? Dann aber zögerte sie plötzlich, ihr war ein schrecklicher Gedanke gekouunen. Ter Sabbat hatte gerade vor einem Augenblick begonnen. Fahren, reiten, überhaupt jede Art des Reifens war für die nächsten 24 Stunden auf das strengste verboten. Verzweifelnd suchte sie sich ihre Lage klar zu machen. Die Religion gestattete ihr nur unter einer Bedingung den Sabbat zu brechen, das war, wenn ein Menschenleben dadurch gerettet werden konnte. Zu ihrem Sohne fahren konnte sie nicht, dann hätte sie jemand anders in den Handel ziehen müssen, und ihn verleitet, des Geldes wegen den Sabbat zu brechen. Sie mußte also gehen! Obgleich sie wußte, daß das Gesetz es für sündhaft erklärt, sich am Sabbat weiter als 2000 Schritte von dem Wohnorte zu entfernen — so konnte sie dies doch nicht ändern. Von allen Reisearten war doch das Gehen immer noch am wenigsten sündhaft. — Der Allerheiligste — gesegnet sei sein Name — wußte ja, daß sie damit keine Arbeit zu vollbringen gedachte. Vielleicht würde er in seiner Gnade Barmherzigkeit mit einer alten Frau üben, die bisher noch niemals seinen heiligen Sabbat gebrochen hatte. Nachdem sie rasch ein wenig gegessen, steckte die kleine Großmutter den Brief ihres Sohnes in den Busen, gürtete