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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 370 (sequence 10)
Language
German
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370 Er hatte die Ruhe des Spottes über eine trunken gewordene Politik, und da er eine winzige Gnomengestalt mit hohen Schultern war, so trippelte er umher unter den lärmenden Abgeordneten wie ein moderner Aesop. Der breite, lippenschmale, an den Enden abwärts geneigte Mund war selten ohne ein spöttisches Lächeln über die an gestochenen Eiferer und dies sarkastische Lächeln verlor sich selbst dann nicht von dem weißen Eesichttein, wenn er sich aus dem Taschentuch ein Kopfkissen gemacht hatte, um in dem Winkel seiner Bank die wilden Reden der Linken schlafend über sich ergehen zu lassen. Schafft dieses schmale Häuflein Glieder, welches in jedem Winkelchen vollen Raum hat 1111b welches von Euren übersichtigen Allgen so leicht übersehen wird, schafft es aus der Welt, wenn die „Reinigung" beginnt; dieses Lächeln eines ungeschreckten Charakters vergeht Ihr doch nimmer, es ist doch ein Mensch, dies schniale Gliederhäuslein, dessen Andenken Euch immer unbequem bleibt, weil es Euch nicht gefürchtet und nicht geachtet hat. Wurde er aufgeweckt zum Abstimmen, so sah er mit zwei wunderschönen blauen Augen drein in das Getümmel wie das altkluge Kind einer Marketenderin, welches an Rasseln llnd Schreien gewöhnt ist. ... In gar vielem hatte Detmold Recht, im spöttischen Achselzucken und im spöttischen Anblasen der Perücke, welche sich für eigenes langes Haar ausgeben wollte; im Grunde aber war er selbst armselig, selig in der Armut seiner Vorstelllingskraft." In der letzten Zeit des Frankfurter Parlaments hatte er lloch den Mut, sagten die einen, machte er noch den Witz, sagten die anderell, daß er nach der Entlassung Heinrich von Gagerns in das von dem Reichsverweser Erzherzog Johann von Oesterreich ans Mitgliedern der äußersten Rechten gebildete Ministerium Graevell als deutscher Reichsjustizminister eintrat, dem aber bereits nur ersten Tage seiner Wirksamkeit die deutsche-Nationalversammlung ein Mißtrauensvotum in optima forma erteilte, durch das er sich jedoch nicht im geringsten hatte beirren lassen. Nichts Amüsanteres gab es für das große Publikuul, als das kleine verwachsene Männchen mit dem großen Kopfe, dem man es sofort ansah, daß Satir dort seine Wohnung aufgeschlagen, mit den scharfen, gerade nicht anmutigen Zügen, auf der Ministerbank sitzen 31t sehen und ihn zu beobachten, wie er sarkastisch lächelnd die hageldicht ans ihn fallenden Angriffe der Linken über sich ergehen ließ. Mit Recht wurde damals behauptet, daß durch eine Laune des Schicksals aus einem der größten Satiriker des 19. Jahrhunderts ein deutscher Reichsjustizminister wurde. Detmold erfreute sich der besonderen Gunst des Reichsverwesers schon deshalb, weil der hannoversche Staatsmann und Satiriker ein entschiedener Gegner des preußischen Kaisertums war. Ailf seine Verwendung erhielt er das Kommandeurkreuz des Leopold-Ordens und wurde vorn König Ernst August von Hannover zuni Legationsrat ernannt. Wenn auch das Jahr 1849 die wunderlichsten Blasen trieb ittib eine Ueberraschung der anderen folgte, so war doch trotz Rabbi ben Akiba ein deutsches Reichsjustizministerium Detmold etwas noch nie Dagewesenes. Irr drastischer Weise schildert Rudolf Haym in seinem schon genannten Werk über „Die deutsche Nationalversammlung"') die Verblüffung, die sich sowohl des Frankfurter Parlaments wie des deutschen Volkes bei der Ernennung des Graevellschen Ministerimns am 14. April 1849 bemächtigte: „Der raffinierteste Witz hätte keine vollständigere Karikatur eines Reichsjustizministeriums ersinnen können. Graevell, der übertriebene Pedant, Detmold, der Erfinder des Piepmeyer, Merk, der enragierte Freihaudelsinann, vor Zeiten ein Bewunderer von Robert Blum, das ]) Band 111, Seite 160. mußte entweder eine Farce von Detmolds Erfindung sein, oder der Reichsverweser war übel über diese Männer berichtet." Noch mehr, die abtretenden Minister hatten ihn in einer Konferenz am 13. abends vor der Lächerlichkeit gewarnt, die er durch ein solches Ministerium auf sich und auf die Versammlung zu laden im Begriff stehe, nicht ohne Erfolg, wie sie glaubten. Noch am 14. hielt es Gagern trotz der Botschaft von diesem Tage für wahrscheinlicher, daß die Resignation des Reichsverwesers, als die Verkündigung jenes Ministeriums erfolgen werde. In der hessischen Angelegenheit stimmte er dem dem hessischen Kurfürsten und seinem Minister Hassenpflug günstigen Bundesabschluß bei. Er wurde deshalb nach Hannover beordert, doch der König, der ihn selbst insgeheim mit Weisungen versehen hatte, zeichnete ihn durch Verleihung des Welfenordens aus. Durch dieses Votum wurde Detmold die eigentliche Ursache zum Rücktritt des Märzministeriums. Der deutsche Reichsjustizminister blieb in dieser seiner Stellung bis zum 21. Dezember 1849, dann übergab der Reichsverweser selbst die Gewalt der Bundeszentralkommission. Detmold begab sich nun nach Hannover zurück ttnb wurde bald zum hannoverschen Bevollmächtigten bei der provisorischen Bundeszentralkommission und dann zum Gesandten beim Bundestag ernannt. Er nahm aber schon im Juli 1851 seine Entlassung; dem neuen Kurs, der in Hannover wehte, fühlte er sich eben nicht gewachsen. Köllig Ernst August suchte sich nämlich wieder Preußen zu nähern, was Detmold gegen beit Strich ging. Er hatte sich inzwischen mit einer den besten Kreisen der Frankfurter Gesellschaft entstammenden Dame, der Tochter des Schöffen von Guaita, verheiratet und lebte nun in seiner Vaterstadt in sehr günstigen materiellen Verhältnissen und in regeln Verkehr mit den namhaftesten Vertretern der Diplomatie, der Künste und Wissenschaften, ohne ferner im politischen Leben wieder eine Rolle zu spielen. Von jeher kränklich und schwächlich, starb er, wie schon erwähnt, in der Nacht vorn 16. auf den 17. März 1856, in weiteli Kreisen betrauert. In Hannover hält die nach ihm benannte Detmoldstraße sein Andenken wach. Gedruckt in Rödelheim! Von Professor Dr. Bernhard Kattner in Frankfurt a. M. er kennt nicht den alten Rödelheimer Siddur oder, wie man in Süddeutschland sagt, die Rödelheimer Tefille! Wie oft versuchte ich als Kind die wunderschönen „jüdisch-deutschen" Buchstaben des Wolf bar schimschon sal isch heidenheim, die das Titelblatt zierten und diese Ausgabe als die einzig rechtmäßige kennzeichneten, nachzubilden! Hub wie dieser Namenszug des gelehrten Begründers der berühmten Rödelheimer Verlagsbuchhandlung M. Lehrberger & Co., so schien mir auch das ganze Buch ehrwürdig und eine Kritik völlig ausgeschlossen; alles darin war so, wie es nur sein konnte. Ulid doch mußte man ein „halber Gelehrter" sein, um sich darin zurecht zu finden, die hebräisch gehaltenen Anweisungen zu verstehen und den Text der Gebete richtig zu lesen. Und dazu welche Sparsamkeit in Druck und Papier! Bisweilen waren gerade die wichtigsten und wertvollsten Stücke mit den kleinsten Typen gedruckt, die das Auge zwangen, scharf hinzusehen und ihm Tränen entlockten — aber keine Tränen andächtiger Rührung. Das ist nun anders geworden. Mit Schiller möchte ich sagen: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues

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