Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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369 von der Wand zu holen, nimmt es unter den Arm und marschiert damit ab. Karoline folgte Hitzigs Rat und versuchte das Porträt des alten Friedländers für den Steindruck zu zeichnen. Es ward vielfältig verlangt und brachte guten Gewinn, dennoch fühlte Karoline keine Neigung, sich ferner auf diesem Felde zu versuchen, und es blieb beim alten Friedländer. Der Debit seines Bildes blieb übrigens durch Jahre hindurch und brachte unversehens manchen Taler in die Kasse, denn der alte Mann hatte unglaublich viel Neffen und Nichten, die besonders nach seinem Tode kamen und sein Bild holten. Ein wenig leichtsinnig ging Karoline mit diesen Bildnissen um, die noch im Vorrat da waren, und noch nach Jahren kam bei mancher Papierverklebung und Kistenverpackung ein alter Friedländer zum Vorschein." Man muß beim Lesen dieser niedlichen Geschichte nicht etwa von Antisemitismus reden. Eine solche Gesinnung liegt unserer Erzählerin völlig fern. Karoline Bardua ist, soweit es unsere Berichte erkennen lassen, mit Juden überhaupt so gut wie nicht zusammengekomnren; in Berlin lernte sie nur einzelne getaufte Juden, den schon genannten Hitzig und Rahel, kennen (vergl. über sie die kurze Notiz 267 und die längere Ausführung Seite 273 fg.) und so meinten sie und ihre Schwester die Worte „den alten Juden" gewiß nicht in verletzendem Sinne. Auch seine Tat soll hier gewiß nicht als Diebstahl bezeichnet werde»»; vielmehr ist es ein Sammlergeschichtchen und keineswegs eins der schlimmsten, denn bei der anständigen Gesinnung Friedländers darf inan annehmen, daß der Wert „des schönen goldenen Siegelringes" den des Kunstwerks erreichte, wenn nicht übertraf. Was uns aber gewiß mehr i»»teressiert als die Anekdote, das sind die Angaben über das Bild selbst. Zu den vielen gerechten Forderungen, die wir an unsere jüdischen Literarhistoriker stellen müßten, gehört auch die einer Ikonographie. In dieser Beziehung sind wir in Deutschland überhaupt noch zurück. Während inan in Frankreich z. B. de»» großen wissenschaftlichen Ausgaben der Klassiker Corneille, Racine, Moliöre, Voltaire u. a. außer der Bibliographie und dem Wörterbuch eine Ikonographie als selbstverständliche Beigabe folgen läßt, tvird eine solche Forderung bei unseren Klassikern in den seltensten Fällen erfüllt. N»»r die Eoethe-Bildniskunde ist bei uns eine selbständige Wiffenschaft geworden; für unsere anderen großen Schriftsteller dagegen ist es bei sehr schüchternen Versuchen geblieben. Noch viel schlimmer steht die Sache bei deutschen Schriftstellern jüdischen Glaubens. Meines Wissens ist noch nieinals der Versuch einer Zusammenstellung der einschlägigen Bilder gemacht worden. Jir Biographien einzelner hochverdienter Männer, z. B. den» Werke Kahserlings über Mendelsvhns, sind Illustrationen nach Stichen oder Oelgemälden mitgeteilt; aber auch hier wird nirgends der Versuch geinacht, irgend »velche Vollständigkeit zu erzielen oder auch nur der, die Quellen für die mitgeteilten Illustrationen anz»»geben. Die einzige Biographie David Friedländers, die ich kenne, der II. Band von Jininanuel Ritter: „Geschichte der jüdischen Reformation", entbehrt des Bilderschm»»ckes durchaus. Das Bild David Friedländers, das zu dieser Ausführung Veranlassung gab, befindet sich im Sitzungssaal der Repräsentanten in Berlin. Es trägt die U»»terschrift: D. F. in» 71. Jahr, 1821 und „Caroline Bardua kee. Mai 1821". Außer diesem existiert aber noch ein anderes vorr Julius Hübner, dessen Original gewiß bei den Nachkommen des verdienten Mannes vorhanden ist. Von diesem besitze ich d»»rch die Güte I »neineS längst verstorbeneir Gönners, des hervorragenden Münzkenners Julius Friedländer, eine sehr hübsche Photographie. Wo aber sind die Steindrucke hingeraten, von denen in der ober» abgedruckten Anekdote die Rede ist? Vielleicht können ältere Leser dieser Zeitung darüber Aufklärung geben. I. h. Detmold. Von Dr. A. Hahn. III. 4 d) habe schon früher verschiedene Urteile über Detmold als r Abgeordneten zum Frankfurter Parla»nent angeführt, u»»d gewiß wird es unsere Leser interessieren, noch einige über die politische und parlainentarische Wirksainkeit des jedenfalls »nerkwürdigen und originellen Mannes kennen zu lernen. Rudolf Haym, der bekannte hervorragende Literarhistoriker, dainals „Abgeordneter der beiden Mansfelder Kreise", sagt in seinem Werke „Die deutsche Nationalversaimnlung"'): „Es sitzen wunderliche Leute iin Verfassungsausschuß. Der wunderlichste ist Lassa»»lx. Er hat das Verdienst, die Albernheiten der Linken »nit manchein guten Witz abzufertigen und dafür das Recht, auch seinerseits »nit Humor albern zu sein. Er hat die Eitelkeit der Paradoxie und er renomrniert »nit der Courage, sie vorzubringen. Seine historischen Entscheidungen sind typisch wie die des Verfassers der Hebräerbriefe und gipfeln in der fixen Idee, daß die deutsche Nation zur Zeit ihrer angeblichen Erhebung sich bereits in ihrern Greisenalter befunden habe. Diesem abergläubischen Manne hilft ein völlig ungläubiger in der hmnoristischen Zurechtweisung der Linken, nur daß Detmolds Witz viel stechender und unbarurherziger ist. Uebrigens ein eigenes Schicksal, daß Detrnold an einer Verfassung schaffen helfen soll, an die er nicht glaubt und an der er eigentlich nur das Interesse hat, daß nichts aus ihr tverde. Das Negative in allen Dingen hat für seinen scharfen Verstand eine eigene Anziehungskraft, jedes Positive wird er be- »näkeln, jeden Glauben an ein großes Werk »vird er verspotten, selbst jedoch auch »ücht einmal Spottensivertes zusta»»de bringen, es sei denn, uin sich selbst zu verspotten. . . . Ohne Lassaulx Phantasien zu teilen, teilt er doch dessen Unglauben an eine hochgegriffene und ideale Schöpsirng, die ihn» als solche verhaßt sein »nußte, u»»d nicht bloß vom Kaiser will er nichts wissen, der ganze Gedanke der deutschen Einheit ist für ihn eine Chiinäre. Den Drang der Natio»» nach dieser Einheit negiert er, er leugnet, »vas er nicht kennt und er spricht davon nach der Kümmerlichkeit seiner eigenen Anschanungsrveise, nämlich: „Das Geschrei nach Einheit >var nur Opposition gegen das Bestehende." Mit dem Kaiser habe es Zeit, bis wirklich i»n Volke der Trieb nach der Einheit sich offenbare. Vor der Hand sei der Erbkaiser nur auf den» Papier r»nd als Würdebegriff gegen außen gut. Auch Rolands Stute habe alle Schöuheiten »rnd Vorzüge gehabt, unglücklicherweise aber sei sie tot gewesen." Auch Heinrich Laube beschäftigt sich in seine»»» dreibändigen Werk über „Das erste Parlament" s) vielfach mit der Person und der parlamentarischen wie miinsteriellen Wirksamkeit Detinolds. Er sagt von ihm u. ct.: „Detmold machte seine Opposition von rechts aus ohne Rede, er machte Be- »nerk»»ngen, welche nicht nur bemerkt, sondern auch empfunden sein wollten; sie »varen witzig zugespitzt »»nd in Laune getränkt. h Frankfurt a. M. 1849. Band II. Seite 231, ff. 2) Leipzig 1849, Band II, Seite 42 ff.