Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 368 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228776--63713-3297633- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dämonen. Es sind dies religiöse Anschauungen, welche das Judentum in voller Absicht zurückdrängen wollte. Der kulturelle Fortschritt des Judentums erfuhr eine Hemmung, die für Jahrtausende hinaus der Menschheit verhängnisvoll geworden ist. Delitzsch zeigt in seinem letzten Vortrag, daß er dieser Wahrheit sehr nahe gekommen ist, ohne jedoch sie in ihrer vollen Tragweite erfaßt zu haben, weil ihm leider die Kenntnis des nichtbiblischen Judentums und dessen religionsgeschichtlicher Entwicklung fehlt. — Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber noch einer vor kurzem erschienenen Abhandlung erwähnen, die, weil sie abseits vom Büchermarkt das Licht der Welt erblickt hat, fast unbeachtet geblieben ist. In einer als wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht des weimarischen Gymnasiums von 1907 erschienenen Schrift: „Vergleichende Religionsgeschichte und alttestamentarischer Unterricht" von Max Jacobi finden wir reicht nur eine vorzüglich klare, übersichtliche Darstellung der Ergebnisse der neuen babylonisch-assyrischen Forschungen und deren Beziehungen zürn Judentum, sondern auch ein zutreffendes Urteil über die Bedeutung des Judentums im Lichte der neuen Erkenntnis. So, wenn der Verfasser mit besonderer Betonung des pädagogischen Inhalts der Bibel sagt: „Dazu ist unsere ganze moderne Vorstellungswelt urrd Ausdrucksweise so sehr mit alttestamentarifchen Bildern und Ideen durchsetzt, daß schon aus diesem Grunde eine Beseitigung des Alten Testaments dem Ignorieren eines ebenso wichtigen Kulturfaktors gleichkommen würde, wie ihn die Welt der Griechen und Römer für uns bedeutet." „Stellenweise steht das Alte Testament auf einer Höhe der Gottesanschauung und Religiosität, die auch das Neue Testament, die auch Jesus selbst nicht zu überbieten vermochte." „Auf einem Gebiete aber hat Israel eine Blüte gezeitigt, die es unter diesen (orientalischen) Völkern eine Sonderstellung einnehmen läßt, das ist das Gebiet der Religion. Zwar steht es auch hier im Zusammenhang mit der übrigen orientalischen Welt, und die Wurzeln seiner Religion reichen tief hinein in den altorientalischen Boden. Aber nicht das Rohmaterial, nicht der unbehauene Marmorblock nmcht ja den Künstler, sondern die Form, die er dem toten Material zu geben versteht, das Leben, das er ihm einhaucht, der Stempel, den sein Genius ihm aufprägt. Mag Israel auch die verschiedenartigsten Elemente in seiner Religion ausgenommen haben, mögen die mannigfaltigsten fremden Mythen und Sagen von ihm festgehalten worden sein, mögen die ältesten Gestalten seiner Ueberlieferung ihre Parallelen haben in den Figuren aus den Traditionen der umwohnenden Völker, etwas völlig Anderes hat der religiöse Genius Israels aus ihnen geschaffen, er hat das Fremde mit dem klaren, ruhigen Licht seines ethischen Monotheismus durchleuchtet, er hat das Astrale der altsemitischen Religion, er hat den Polytheismus des alten Orients überwunden Religionen wie die Babyloniens oder Aegyptens wären nie imstande gewesen, eine Blüte hervorzubringen, wie sie in Israels Prophetismus sich der Menschheit entfaltet hat . . . " Der Verfasser bespricht eingehend mit vielem Verständnis die verschiedenen Anklänge der israelitischen Religionsbegriffe und Sprachbilder an die babylonischen, meint aber mit Recht, daß man sich hüten müsse, „gleichbedeutenden Ausdrücken in Israel und Babylonien auch immer die gleiche Tiefe des Inhalts unterzuschieben. Gewiß atmen die babylonischen Bußpsalmen eine oft bewundernswerte Tiefe der Empfindung, gewiß hat es bisweilen den Anschein, als seien hier die alten polytheistischen Anschauungen vom Lichte einer reineren Gottesanschauung und Ethik überstrahlt, aber wenn wir Ausdrücken wie „Sünde begehen" und „Sünde vergeben" in den babylonischen Hymnen begegnen, dann dürfen wir nicht vergessen, „daß hier weit weniger an sittliche Verfehlungen, als au Verletzungen der durch Kultus und Ritus gebotenen Sitte gedacht ist . . ." Stellen wie Psalm 73 der Bibel bleiben Perlen, an deren Glanz auch die innigste babylonische Frömmigkeit nicht von fern heranreicht." Die ganze Abhandlung ist objektiv gehalten und wirkt deshalb überzeugend. Man wird wohl bedauern, daß sie durch die Form ihres Erscheinens auf einen kleinen Kreis beschränkt bleibt. Jüdischen Religionslehrern aber empfehle ich die Lektüre dieser inhaltreichen Schrift ihres christlichen Kollegen aufs wärmste. Line David Friedlander-Dnekdotr. Von Professor Dr. Ludwig Geiger. 4 n dem liebenswürdigen, unterhaltenden Buche, das bisher ■«^7 fast ausschließlich für Goethe benutzt, aber in seinen zahlreichen Mitteilungen für das Berliner gesellschaftliche und literarische Leben im zweiten und dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wenig ausgebeutet worden ist: „Aus den: Jugendleben der Karoline Bardua, Breslau 1874", findet sich eine in jüdischen Kreisen gewiß unbekannte Anekdote von David Friedländer. Die Erzählerin der Anekdote ist nicht die Malerin Karoline Bardua, 1781—1864, die eine Nebenrolle in der gleichfolgenden Geschichte zu spielen hat, sondern ihre Schwester, die Sängerin Wilhelinine, die mit der älteren beständig zusammenlebte und ihre Aufzeichnungen bei deren Lebzeiten und unter ihrer Aufsicht niederschrieb. Die genannte Malerin war vor dem Auftreten der großen romantischen Maler Wach und des jüngeren Schadow eine bekannte und beliebte Porträtmalerin; sie hatte ihre Kundschaft in bürgerlichen und Hofkreisen und besaß etwa ein Jahrzehnt hindurch eine große Klientel, die ihr immer neue Männer und Frauen zuführte. Als es dann mit der Kundschaft nicht mehr so recht ging, gab der Kriminalrat und Schriftsteller I. E. Hitzig ihr den Rat, sich in Zeichnungen für den Steindruck zu versuchen. Und nun berichtet die Erzählerin: „Sie hatte einen alten Juden, David Friedländer, gemalt, der wegen seiner Verdienste um die Berliner Synagoge hoch in Ehren gehalten war. Der alte Mann war reich, gebildet und hatte Freude an der Kunst, besonders an schönen Handzeichnungen. Das Bild, das Karoline von ihm malte, war Kniestück in natürlicher Größe und gelang ihr trefflich. Wenn die Erinnerung nicht trügt, war es für einen öffentlichen Saal des jüdischen Gemeindewesens in Berlin bestimmt. In Karolinens Atelier hing ein Porträt des alten Malers Graff in Dresden, eine Kreidezeichnung mit einem Schirm über den Augen, von Graff selber gezeichnet, die Karolinen ein wertvolles Andenken war. Längst schon hatte David Friedländer, der leidenschaftliche Sammler, begehrlich nach dieser Zeichnung geblickt und wiederholt Karolinen angedeutet, sie ihm zu schenken. Diese hatte aber keine Ohren dafür. Noch eine andere Kreidezeichnung von Graff, ihr eigenes Porträt, besaß sie in einer Mappe. Beide Andenken des berühmten Malers hielt sie um so höher, als sie zu den letzten Arbeiten seiner erblindenden Augen gehörten. David Friedländer ermüdete nicht, seinen Wunsch wiederholt auszusprechen, und da er sieht, daß Karoline noch immer nicht darauf eingeht, kommt eines Morgens der schlaue alte Israelit, steckt ihr schweigend einen schönen goldenen Siegelring an den Finger, geht ohne weiteres, das Bild selbst