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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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Vorträgen über dasselbe Thema, in denen er sich zu einer herabsetzenden Kritik des Judentums Hinreißen ließ, wird Delitzsch in diesem Vortrage dem Judentum viel gerechter, indem er dessen Vorzüge und religionsgeschichtliche Verdienste anerkennt. So weist er gleich im Eingänge darauf hin, daß die ältesten griechischen Geschichtsschreiber über die altassyrische Geschichte unhaltbare Fabeln und Märchen verbreitet hätten, „während die Nachrichten des Alten Testamentes über die vorderasiatische Geschichte, etwa von Ahab bis zur Zerstörung Ninives, im allgemeinen bestätigt, zugleich aber vielseitig ergänzt und chronologisch fixiert werden". Allerdings fügt Delitzsch noch hinzu, daß die Darstellung der jüdischen Propheten über den Fall Babylons durch die neuen Forschungen widerlegt wird. Die Eroberung dieser Weltstadt durch die Perser (10. Oktober 539 v. Ehr.) hat sich in unblutiger Weise vollzogen, da die Stadt an die Perser seitens der Baalspriester verraten worden sei. Wir besitzen jetzt eine Art Proklamation, „in welcher Cyrus selbst bald nach seinem Einzug sich als den ob seiner Gerechtigkeit von Marduk anserwählten König bezeichnet, den dieser ohne Schlacht und Kampf in seine Lieblingsstadt geführt habe". Diese Behauptung ist aber nicht über jeden Zweifel erhaben. Was sich in den prophetischen Reden über den Fall Babels findet, trägt so sehr den Stempel der Geschichtlichkeit und der augenzeuglichen Aussage, daß es durch ein Bruchstück einer Inschrift nicht ohne weiteres entwertet werden kann. Nicht nur der Prophet Jeremias (Kapitel 50, 51) spricht davon, wie Delitzsch behauptet, sondern auch du anderer Prophet, dessen Reden denen des Propheten Jesaia einverleibt worden sind. (Jesaia, Kapitel 13, 14.) Da wird der Untergang Babels und das furchtbare Gericht, das über Reich und Stadt ergangen ist, so lebhaft und so deutlich geschildert, daß es für uns kein Zweifel sein kann, in diesen Reden nicht etwa dem Wunsch des Propheten zu begegnen, sondern der Schilderung geschichtlicher Ereignisse. Auch die Kapitel 50 und 51 im Buche Jeremias gehören wohl einem späteren Propheten an, der Augenzeuge jener Vorgänge war. Denn abgesehen davon, daß die Sprache dieser beiden Kapitel gegen die des Propheten Jeremias sehr scharf absticht, ist es auch durchaus unwahrscheinlich, daß der Prophet Jeremias, der zeitlebens zum Frieden mit Babylonien geraten und in dem König Nebukadnezar, wie sich Delitzsch ausdrückt, „einen wahrhaft großen und in seiner Weise aufrichtig frommen Monarchen" gesehen hat, sich später zu so einer feindseligen und heftigen Sprache gegen Babel hätte Hinreißen lassen. Die vorliegende Schrift Delitzschs enthält polemische Ausfälle gegen die mittelalterliche Kirche, welche den unseligen Hexenwahn begünstigt und gefördert hat. Der Forscher weist nach, daß dieser schreckliche Aberglaube, der im Mittelalter so viele blutige Opfer gefordert hat, in der babylonischen religiösen Anschauung seine Quelle hat, aber erst durch die christliche Kirche zu einer Geisel der Menschheit geworden ist. Er rechtfertigt seine nachträgliche Kritik dieses verhängnisvollen Aberglaubens damit, einmal, „weil es historisch von hohem Interesse ist, den lange vergebens gesuchten Ursprung des abendlündischenHexenglaubens endgültig festgestellt zu sehen".. sodann, „weil die Betrachtung des Hexenwahns in handgreislicher Weise eindringlich lehrt, daß auch die Kirchen, die für ihre Glaubenssätze Unfehlbarkeit beanspruchen (darf die protestantische Orthodoxie hiervon allsgenommen werden?), der schwersten Jrrtümer durch die Geschichte sich überführen lasseil müssen und deshalb recht vorsichtig seiil sollten, bevor sie Andersdenkende als Freidenker bezeichnen, obschon diese llicht selten die einzigen Denker repräsentieren. Drittens ist der Hexenglaube noch gar nicht ausgerottet." Auch den Glauben an Dämoue und Teufel führt Delitzsch auf die Einwirkung der babylonischen Vorstellungswelt zurück, wobei er dem jüdischen Volk und beffen religiösen Anschauungell folgendes bemerkenswerte Kompliment macht: „Es bleibt aber ein Ruhm der altisraelitischen Religion, daß sie weder den heidnischen, noch den benachbarten babylonischen Dämonenglauben auch nur du Mindestmaß von Berechtigung einräumt. Die altisraelitische Religion weiß nichts von einem Teufel oder Satan, das heißt Feind oder Widersacher. Erst in der nachexilischen Zeit begegnen wir plötzlich in der Volkssage des Buches Hiob einer niederen Gottheit, die in nahem Verkehr mit Jahveh erscheint und mit dessen Zulassung auf der Erde umherschweift, um dem Menschen, insbesondere dem Frommen, nachzustellen und ihn mit Unglück aller Art, vornehmlich mit Krankheit, zu verfolgen und zu „versuchen". Es ist der babylonische „Teufel", der „feindliche Gott", der in Verbindung mit einer Legion voll Tänlonen dem Menschen mit allerlei Unheil nachstellt — ein uralter babylonischer Glaube, mit welchem das Judentum im babylonischen Exil infiziert worden sein mag, wahrscheinlich aber durch die im achten und siebenten Jahrhundert vor Christus in großen Mengen nach Galiläa und Tamaria verpflanzten Bewohner babylonischer Städte, wie ja die Galiläer zur Zeit Jesu und lange nachher einen dem Babylonischen verwandten Dialekt sprachen. . . . Auf diese Weise erklärt sich überrascherld, warurn gerade in der Vorstellung Jesu von Nazareth llnd seiner galiläischen Schüler der Dämonen- und Teufelglaube solche Bedeutung gewonnen hat. Ter ganze Borstellungskreis von unsaubern Geistern, die wolllögtich gleich sieben an Zahl in den Menschen fahren, ihn mit Blindheit, Krämpfen und sonstigen Krankheiten schlagen und, mit „Gottes Geist" (Mathäi 12, 28) ausgetrieben, die wasserlosen Steppen unstät durchstreifen, um Ruhe zu suchen (Math. 12, 43), der Glaube, daß in dem Staub geborenen ein stununer Dämon wohne (Lukas 11, 14), die Vorstellung von einem dem Menschen „feindlichen" übernatürlichen Wesen •/.*■: üoyjv ober „Teufel" — all das ist als spezifisch babylonischer Aberglaube historisch erwiesen, und es hieße Gott schlecht danken für alle die neuen Erkenntnisse, die der Naturwissenschaft und Medizin unserer Tage zuteil geworden, wollten wir aus blindem Buchstabenglauben auch weiterhin Babylonier bleiben." Es sind dies bedeutungsvolle Sätze, die Delitzsch in die Welt schickt. Aber in seiner geschichtlichen Betrachtung hat er eine große Wahrheit gestreift, ohne sie ganz zu erfassen. Es ist nämlich merkwürdig, daß christliche Theologen es bis jetzt gänzlich verschwiegen und jüdische Forscher nicht mit genügender Klarheit gesagt haben, daß das Christentum bezüglich der Auffassung der Prophetie und des Gottesbegrifies religionsgeschichtlich einen Rückgang bedeutet. Tie gebildeten Juden haben schon Jahrhunderte vorher ausgehört, im Provheten einen Wundertäter zu erblicken und die Wahrheit der prophetischen Worte durch ein Wunder bestätigt zu glauben. Im Gegenteil wurde ein Prophet, der Abfall von Gott und seiner Lehre lehrte, als ein falscher Prophet erkannt und bezeichnet, mochte er angeblich noch so viele Wunder vorgeführt haben. Ebenso war die altiiraelitische religiöse Vorstellung, wie Delitzsch mit Recht betont, vom Dämonen- und Teufelglauben frei. Das waren die religiösen Begrüne der gebildeten Juden viele Jahrhunderte vor der Entstehung des Ehristentums. Mit dein neuen Glauben m die Vorstellnngswelt der unteren, ungebildeten Schichten des jüdischen Volkes und deren heidnischer Umgebung in den Vordergrund getreten. Deshalb die vielen Wundertaten Jesu und der ewige Kamps mit den

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