Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · p. Seite 366

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228776--63711-3297631
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Philosophie, der andere seit mehr als einem Vierteljahrhundert Präsident einer der vornehmsten Handelskammern der Monarchie. Wenn man die besten Namen in Oesterreich nennt, werden auch ihre Namen genannt. Und da sollte man sich noch nicht zu der Vorurteilslosigkeit emporgeschwungen haben, nach dein Bekenntnisse nicht zn fragen, wenn man verdiente Männer ehren will? Und nun betrachte man die Biographie eines Geßmaun, eines Weiskirchner, dieser Führer, der Antisemiten in Oesterreich. Geßmann war ein kleiner Bibliotheksbr »unter, heute ist er, — der Hanptagitator der Antisemitenpartei —, der Präsumtive und prädestinierte Unterrichtsniinister in Oesterreich. Das ist doch eine fast schwindelerregende Karriere, die dieser Mann zurücklegte. Ist eine solche Karriere für einen Juden möglich? Und Weißkirchner, der jetzige Präsident unseres Abgeordnetenhauses! Vom kleineil Gemeindebeamten hat sich dieser Mann, dem man wohl eine gewisse Fähigkeit zur Schmiegsainkeit nicht wird absprechen können, zum Speaker rniseres Abgeordnetenhauses emporgeschwungen. Freilich ist er Luegers Leiblakai, und Lueger befahl und es geschah. Mit! rührender Eintracht verbanden sich Deutsch-Freisinnige (?) i — wer lacht da — und Tschechen und Polen und Klerikale, ' — man beachte wohl das Polysyndeton — und erhoben den! Magistratsdirektor von Wien, den Klerikalen und Generalslabshäuptling Luegers, auf den kurulischen Stuhl des Präsidenten unseres Abgeordnetenhauses. Und neben ihm sitzen brüderlich ein Tscheche und ein Pole. Und was für ein Pole? In der jetzt im Abgeordnetenhause geführten Debatte über die Wahlproteste hat sich herausgestellt, daß dieser polnische Professor auf wahrhaft polnische Weise ins Abgeordnetenhaus gewühlt wurde. Was das heißt „polnische Weise"? Der verstorbene Franzos hat von Halbasien gesprochen, nun kann man sagen: die galizischen Wahlen weisen auf das dunkelste Asien hin. Verhaftung von Wählern, der despotischste Terrorismus der Bezirkshauptleute, ja selbst Blutvergießen brachte diese Herren vom Polenklub in unsere Reichsvertretung; das ist die „polnische Weise", der auch Herr Starzynski, unser zweiter Vizepräsident, seine Wahl zu danken hat. Unsere jüdischen Abgeordneten in Galizien, Nationale und Sozialdemokraten, sie haben in dankenswerter Art Aufschluß d»rrüber gegeben, wie man Abgeordneter in Galizien und demgemäß auch Vizepräsident werden kann. Diese jüdischen Abgeordneten haben sich in der durchgeführten Debatte über galizische Wahlmißbräuche j wacker gehalten, und mag auch der Löwenjäger, Romanschrist- ' steller, Burenkämpfer und tschechische Abgeordnete, kurz der! famose Graf Sternberg ihre Reden als „Mauschelei" bezeichnen, diese „Mauschelei" hat Licht in ein tiefes Dunkel gebracht Endlich hat sich dieses Abgeordnetenhaus mit einer Frage be- » fassen müssen, die zu den brennendsten des Jahrhunderts gehört, mit der „Judensrage". Und es ist von den jüdischen Abgeordneten gut »geredet worden. Ohne Furcht haben sie die Finger auf die schwärenden Wunden gelegt, an denen das Jahrhundert krankt. Das war ein Aufschrei, den freilich die Bielohlaweks, die Geßmanns mit ihren klingenden Ritter- und Hosratstiteln nicht gerne hören. Sie haben Schluß der Debatte gerufen. Aber dieser Schmerzensschrei eines gepeinigten Volkes wird noch lange nachklingen. Die „deutsche" Studentenschaft Prags mag dagegen protestieren, daß der jüdische Abgeordnete Dr. Mahler Privatdozent an der ersten deutschen Universität ist. Dieser Protest gereicht ihr fürwahr nicht zur Ehre, er zeigt nur, wie sehr sie der Bildung bedarf, die allein nur imstande ist, den Menschen frei zu machen. Wir Juden aber tonnen stolz darauf sein, daß wir noch Männer in unserer Mitte besitzen, die, auf den Höhen der Wissenschaft wandelnd, ihr Judentum nicht verleugnen, sondern es standhaft vertreten und für ihre Glaubensgenossen eintreten. Um wie viel höher steht ein solcher Mann als mancher Getaufte, der für die Verleugnung seiner Religion eine Hosratsstelle eintauschte! Mögen auch in unserem Abgeordnetenhause die Klerikalen die Majorität besitzen, das Haus des allgemeinen Wahlrechts ist die Tribüne geworden, auf der wir unsere Klagen und Beschwerden Vorbringen können. Und dies wird mit Mut, Stärke und Kraft geschehen. Dafür sind uns die soeben abgeführten Debatten ein Beweis. Es wird auch Lichi werden im dunklen Galizien. Die neue Zeit, sie schreitet mutig vorwärts, trotz der jubelnden Fansarentöne, welche unsere Antisemiten anstimmen. In das Rad des Fortschritts kann man sich nicht werfen, ohne zermalmt zu werden. I» dieser stillen Zeit wurde im Abgeordnetenhause laut gesprochen. Und die Völker Oesterreichs hören diese lauten Worte und sie werden sie nicht vergessen. „Mauschelei" sagt Grat Sternberg; wir aber sagen, es ist der laute Freiheitsruf, der hier ertönt, und er wird nicht verhallen. Das ist unser Trost. Iw ick -»#<- „Mehr Licht!" Von Dr. S. Bernfeld. riedrich Delitzsch liebt es, seinen populär - Wissenschaftlichei: Vorträgen und Abhandlungen auf dein Gebiete der babylonisch-assyrischen Forschungen eine Wie ein Schlagwon wirkende Bezeichnung und eine polemische Richtung zu geben wodurch seine Ausführungen häufig eine Art publizistische' Form annehmen. Das große Aufsehen, das er vor einige! Jahren mit seinen Vorträgen über „Babel und Bibel" in der ganzen gebildeten Welt hervorgerufen hat, ist zweifellos zuu größten Teil auf eben diese Benennung und auf die ge kennzeichnete Art der Darstellung zurückzuführen. Der wissenschaftliche Teil enthält wenig Neues, und das Neue in ihm if» von keiner großen Bedeutung. Damit will ich aber den Wert solcher Vorträge nicht im mindesten Herabdrücken; es iß im Gegenteil ein großer Vorzug unserer Zeit, daß sich Ge lehrte von Fach heutzutage bemühen, alles Wissenswerte und den menschlichen Geist Interessierende in populärer For» Gemeingut aller gebildeten Menschen werden zu lassen. Ec wird vielfach dem entgegengehalten, daß populäre Wissenschaf! eigentlich niemals Wissenschaft sei, daß inan aus ihr ilur eine vage Vorstellung von dem wirklichen Wesen der Dinge erhalte. Aber in Wahrheit läßt sich dies nicht nur bezüglich archäologischer Forschungen sagen, denn im Grunde genommen kennen die meisten gebildeten Menschen auch nicht die wirklich geschichtlichen Vorgänge des deutsch-französischen Krieges Jedenfalls entsteht kein sittlicher Schaden daraus, daß di»' Kenntnis der kulturgeschichtlichen Anfänge jetzt verbreiteter ist als es vor Jahrzehnten der Fall war. Im Anschluß seiner früheren kleineren Schriften über di» Einwirkung der babylonisch-assyrischen Kultur auf die modern» abendländische hat Friedrich Delitzsch jetzt eine neue unter den Titel „Mehr Licht!" I veröffentlicht. „Der alte Spruch (e: Oriente lux) erweist von neuem seine Wahrheit. Licht geht au von den Trümmerhügeln des Ostens: helleres Licht für di» schon bekannteren Abschnitte des vorderasiatischen Altertums, taufrisches Morgenlicht über der Nacht zweier Jahrtausend» ältester Menschheitsgeschichte." Im Gegensatz zu seinen ersten i) Mehr Licht, die bedeutsamsten Ergebnisse der babylonisch assyrischen Grabungen für Geschichte, Kultur und Religion. Ein Vortrag von Friedrich Delitzsch. Leipzig 1907. I. C. Hinrichs.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.