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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · p. Seite 365

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
Seite 365 (sequence 5)
Language
German
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So lange das Amt eines Berliner Rabbiners von so untergeordneter Bedeutung bleibt, daß ein Vorsteher, mit einem solchen Manne, ivie es Vorkommen soll, im Tone eines militärischen Vorgesetzten zu sprechen sich erlauben kann — so lange ivird keinem der in anderen Großgemeinden Deutschlands amtierenden Rabbiner gelüsten, zu einer in Berlin eintretenden Vakanz sich zu melden. Hätten wir ein Rabbinat, so hätte jener Stadtschulrat sicher gewußt, auf welchem Wege er Religionslehrer für seine Schulen bekommen kann. Aber auch außerdem gibt es Aufgaben genug für ein Rabbinat. Alle Fragen des Kultus müßten von ihm wie von einem Gerichtshof entschieden werden, anstatt daß man von jedem einzelnen ein Gutachten in solchen Fragen verlangt ind dann der ganzen Oeffentlichkeit zum besten gibt, daß auch eder Rabbiner seinen eigenen Schulchan aruch hat. Endlich wäre das Rabbinat als solches der nächste Vorgesetzte unserer jüngeren Rabbiner und Prediger. Es kann oorkommen, daß ein solcher junger Mann, sei es im Leben, iei es auf der Kanzel, Fehler oder Taktlosigkeiten begeht. Wieviel würdiger ist es dann, wenn er von älteren Amtsgenossen auf den richtigen Weg gebracht, verwarnt oder gestraft wird! Auch der junge Arzt und der junge Rechtsanwalt haben ach, wenn sie sich gegen die Würde des Standes vergehen, vor Standesgenossen zu verantworten. Warum soll den jungen Theologen dieses Recht nicht zustehen, warum 'ollen sie sich von Männern, die eventuell an Bildung unter ihnen stehen, abkanzeln lassen? Daher rufen wir allen Glanbensbrüdern unserer Geineinde zu: Wir brauchen ein Rabbinat! Nun wissen wir freilich, daß die heutige Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin einer solchen Einrichtung widerstrebt. Deshalb muß das „Rabbinat" die Parole für die nächsten Jahre werden. Jeder, der nicht will, daß dem unwiederbringlich verlorenen Sabbat auch die anderen geheiligten Institutionen folgen, wähle nur solche Männer, die das Versprechen abgegeben haben, an der Schöpfung eines Rabbinats Mitwirken zu wollen. Lriek aus lllelterreich. Juli 1907. stille Zeit ist nun gekommen. Tiefe Stille tritt bei uns ein, wenn die Schulen ihre Pforten schließen. Im Interesse der lieben, etwas blutleeren Jugend gehen die Eltern „aufs Land", die Straßen der Städte leeren sich, nachdem der hoffnungsvolle Nachwuchs das Zeugnis erhalten, reif oder nicht reif fürs „Aufsleigen" zu sein. Es ist dies auch die Zeit, in der man anfängt, über die Nutzlosigkeit gewisser Unterrichtsgegenstände in den Zeitungen tiefsinnige Betrachtungen anzustellen, besonders, wenn der junge Herr in diesen, nämlich den Unterrichtsgegenständen, „nicht genügte", also aus allgemeines, nur nicht sein und seiner Eltern Verlangen, den Jahrgang „repetieren" soll. Unter diesen Unterrichtsgegenständen, die man für besonders überflüssig und antiquiert zu bezeichnen pflegt, steht neben dem Griechischen die Religionslehre obenan, und eine freie Schule möchte am liebsten diesen Gegenstand ganz eliminieren. Namentlich das Hebräische ist der Stein des Anstoßes für unsere moderne Menschheit geworden, und es ist für diese keine Frage mehr, daß es nicht gut sei, die jungen Leute mit dieser „toten Sprache" zu plagen. Es sind dies jene Kreise, für die eigentlich das ganze Judentum etwas Totes ist, die es für sehr lächerlich halten, daß dieses überhaupt noch besteht. Und nun wird dem jungen Herrn durch die Religionsnote noch das ganze Zeugnis „verpatzt", weil er — einfach lächerlich — die jüdischen Fest- und Fasttage nicht kennt und das Schemah in der hebräischen Sprache nicht zu repetieren vermag. Traurig, aber wahr ist es, daß es unvernünftige Eltern gibt, welche, anstatt dem Lehrer dankbar zu sein, daß er das tut, was eigentlich ihre Pflicht wäre, ihre Kinder in der Religion der Väter zu erziehen, diesen dafür schmähen. Ueber diese alljährlich wiederkehrenden Ereignisse müssen wir uns hinwegsetzen. Nur daß es hier immer ärger wird, kann uns bekümmern. Wie die Dinge jetzt stehen, wird man in ganz absehbarer Zeit zu einer Aenderung unserer Liturgie fortschreiten müssen, weil der Tag nicht fern ist, an dem unsere Juden an einem Gottesdienste nicht mehr werden teilnehmen können, weil sie ihm als etwas ganz Unbekanntem gegenüberstehen werden. Mit diesen Verhältnissen hängt auch die unheimliche Taufwut zusammen, die jetzt bei uns eingerissen ist. Wir reden diesmal nicht von Wien und anderen Städten. Bedenklich ist,, daß in Budapest 267 Taufen im Jahre 1906 angemeldet wurden, 77 mehr als im Jahre 1905, und wie viele wurden nicht angemeldet? Und dies ist in Budapest, der von vielen als Eldorado des Judentums gepriesenen Metropole Ungarns, geschehen. In Wien sind vom 22. April bis 31. Mai 1907, wenn wir genau zählten, und wir taten es, 90 Personen aus dem Judentum ausgetreten; unter diesen Ausgetretenen befindet sich auch ein Wiener Universitätsprofessor, der freilich für diesen Austritt mit einer Hofratsstelle belohnt wurde. Und wie soll man die Jugend in Charakterfestigkeit und im Festhalten an der Religion erziehen, wenn sie solche Beispiele vor Augen hat? Während es früher unmöglich war, gewisse Stellen bei den Gerichten zu erhalten, wenn man beim Judentum verblieb, beginnen selbst die großen Bankinstitute jetzt das Verlangen zu stellen, die sich um einen Posten Bewerbenden mögen den gewissen Schein vorweisen, sonst könne auf ihr Ansuchen keine Rücksicht genommen werden. So sind die Beamtenkörper vieler Bankinstitute, besonders in Prag, ganz judenrein, das heißt, wenn man von der Rasse absieht, denn getaufte Juden gibt es da genug. — Man spricht jetzt ganz offen von den sogenannten „Hofratstaufen", das heißt von jenen Metamorphosen im Religionsbekenntnisse, die für nötig gehalten werden, wenn die betreffenden Bewerber in die höheren Stellen unserer Gerichtshöfe vorrücken wollen. Wir denken, es wird dies eine dankbare Aufgabe für unsere jüdischen Abgeordneten sein, solche Fälle genau im Auge zu behalten und oben die richtige Erkenntnis zu erwecken, daß es für die Entwicklung des Charakters gar nicht so förderlich ist, wenn man von einem Mann verlangt, er möge seinen Befähigungsnachweis für eine höhere Stelle damit erbringen, daß er sie durch die Tat einer Charakterlosigkeit gewinnt. Ob dies etwas nutzen wird, wir bezweifeln es billig. Aber man könnte es doch zu tun versuchen. Im Herrenhause sitzen außer drei hervorragenden Finanzmännern drei jüdische Hofräte, Zierden der Wissenschaft, und wir sind der Meinung, es schade ihnen gar nicht, daß sie bei ihrem Judentum geblieben sind. Zwei Brüder wohnen hier vertraulich nebeneinander, sie sind beide alt geworden im Judentum; der eine ist eine Koryphäe auf dem Gebiete der hellenischen I

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