Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
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362 Verhehlen wir uns nicht, daß wir vor den zahlreichen Zäunen oder Forts, wie wir sie genannt haben, vor all diesen Vorhöfen nicht zu dem eigentlichen Tempel, nicht in das Allerheiligste der Religion gelangen, und daß wir so vor lauter zeremoniellem Klein- und Betätigungskram nicht zu wirklich religiösem Tun und Denken und Fühlen, kurz nicht zur eigentlich religiösen Erhebung kommen. Gewiß haben die frommen Rabbinen es gut gemeint; ja ganz gewiß waren ihre Anordnungen auch weise zu ihrer, und auch für eine sehr, sehr lange Zeit. Aber alles hat eben seine Zeit. Sorgsame Eltern schnüren die Wiege, in der das Kind schläft, ein, damit es nicht heransfalle. Ist das Kind etwas älter geworden, dann gibt man diese Vorsichtsmaßregel auf. Wir sind jetzt reifer, als wir es vor zweitausend Jahren waren. Uns braucht man heute nicht mehr soziale und hygienische Maßregeln in einen Schleier religiöser Mystik einzuhüllen, damit wir sie nur ja befolgen, und uns mit dem Verlust des Seelenheils zu bedrohen, wenn wir sie einmal nicht befolgen. Wieder müssen wir sagen, das Gegenteil ist Heute das Richtigere. Wenn man an unseren historischen Sinn appelliert, an unser Pietätsgefühl und sagt: Esset an dem und dem Tag des Monats Nissan ungesäuertes Brot zum Andenken an den Auszug eurer Väter aus Aegypten, so wird man das ohne Opfer des Intellekts gern tun. Man wird' sich auch gern aus Pietät die Sederabende gefallen lassen, weil es so nicht nur Hillel, wie es in der Hagadah heißt, sondern weil es so unsere Vater, unsere Großväter, unsere Ur-Ur-Ur-Großväter, eine unendliche Reihe von Generationen zurück, getan haben, und weil der Brauch sehr schön ist. Wenn man uns aber einreden will, daß alle die tausend Kiukerlitzchen zur Beobachtung des Passahfestes unentbehrlich sind, daß, wenn wir nicht alles genau so und nicht anders machen, wie es in den alten Verordnungen vorgeschrieben ist, wir unser Seelenheil, unser Judentum verlieren, dann lehnen wir uns dagegen auf; das glaubt heutzutage kein vernünftiger Jude mehr, und darum ist es besser, daß hier reformiert wird, das heißt, mit dem Ueberflüssigen und schon darum Schädlichen aufgeräumt, oder daß es als nebensächlich, gewissermaßen als religiöser Luxus hingestellt wird. Und was wir hier vom Passahfest gesagt haben, das läßt sich von vielen anderen Einrichtungen mit gleichem Rechte sagen. Und die das sagen und danach handeln, das sind Reformierte, das sind nicht nur trotzdem, sondern nach unserer ehrlichen und festen Ueberzeugung gerade gute Juden. Wenn unsere Orthodoxen sich nur vergegenwärtigen wollten, was sie selbst schon alles aufgegeben haben, das nach Ansicht der Altvordern, die vor nur wenigen Jahrzehnten lebten, unter keinen Umständen aufgegebeil werden durfte, sollte nicht das ganze Judentum in die Brüche gehen. Tragen die deutschen Orthodoxen noch den Kaftan? Bedienen sie sich nicht der deutschen Sprache? Predigen sie nicht sogar deutsch? Lernen, sie nicht griechisch? Alles das, worum sich heute kein Orthodoxer mehr bei uns kümmert, sollte vor noch gar nicht langer Zeit durchaus, beziehungsweise durchaus nicht geschehen. Gewiß geht mit den alten Sitten und Gebräuchen so manches Stück Poesie verloren. Aber die Poesie muß leider sehr oft den praktischen Forderungen des Lebens weichen. Auch das Ghetto hatte seine Poesie; wer aber möchte heute die Poesie des Ghetto wieder haben, die unzertrennlich war und ist von Schmach und Gefahren aller Art? Die alte Judenschule hatte auch ihre Poesie, ihre Feierlichkeit, ihre Andacht. Die neue Synagoge braucht diese nicht zu entbehren und hat obendrein ihre Ordnung und Schönheit und entspricht darum mehr dem modernen Sinn. Der Vorwurf gar, daß die Reformierten eher zum Abfall neigen, muß entschieden zurückgewiesen werden. Sogar viele Mitglieder der Orthodoxie haben ein starkes Kontingent zu der Zahl der Abtrünnigen gestellt. Noch weniger als Alter vor Torheit schützt, schützen veraltete Sitten vor Abfall. Es ist schon oben angedeutet worden, daß gerade die übertrieben strenge Behandlung der Riten zu Zweifeln reizt, zu eigenmächtiger Lockerung, und von da ist, besonders wenn man derlei Zweifler und in Ermanglung einer Neuordnung eigene Wege gehende Juden gleich für Nichtjuden erklärt, der Weg zum Abfall nicht gar so weit mehr. Für die zahlreichen Uebertritte gibt es mehr als genug andere Gründe, die mit dem reformierten Judentum absolut nichts zu tun haben. Der Buchstabe tötet eben weit mehr noch, als man glaubt. Er tötet den Geist der Lehre, und er tötet den Frieden. Eine kluge Frömmigkeit versteht rechtzeitig dem Verlangen nach Reformen nachzugeben, und der Talmud heischt mit seiner bekannten Mahnung auch für unsere Zeit noch Gehör. Aber wo sind die, die wirklich auf seine Stimme hören? Unsere Orthodoxie sollte wirklich aus den Kämpfen gegen Judex und Syllabus, die jetzt in der katholischen Welt geführt werden, in ihrem eigensten Interesse etwas lernen. Die Woche. Berlin, 30. Juli. uf die Beschwerde des „Verbandes der deutschen Juden" über die Zurücksetzung der Juden bei Auswahl der Schöffen und Geschworenen hat nun auch der preußische Justizminister, wie er'dem Verbände nütgeteilt hat, angeordnet, daß der tatsächliche Inhalt der Beschwerde zur Kenntnis der Vorsitzenden der bei den in Betracht kommenden Amtsgerichten zusammentretenden Ausschüsse gebracht wird. Es ist das um so wichtiger, als aus verschiedenen Landesteilen, wie schon oft hervorgehoben, über Zurücksetzung auch auf diesem Gebiete geklagt wird. So ist zum Beispiel in Forst i. d. L. bereits seit etwa 20 Jahren kein Jude Schöffe oder Geschworener geworden, obgleich die Stadt eine Anzahl jüdischer Industrieller und Kaufleute besitzt, die wohl den schärfsten Ansprüchen, die an das Amt eines Geschworenen oder Schöffen gestellt werden, genügen würden. 'S* Durch die Zeitungen ging in dieser Woche eine Verfügung des Regierungspräsidenten von Oppeln, wonach Ausländern israelitischer Konfession der dauernde Aufenthalt im Regierungsbezirk nicht gestattet ist. Dieselbe führt auf einen ministeriellen Erlaß zurück, der generell für die Grenzgebiete gilt und die Behandlung der Slaven und ausländischen Juden festsetzt. Wenn aber gesagt wird: „Der Wortlaut lind der genaue Zeitpunkt sind außerhalb der Regieruugskreise nicht bekannt", so ist das nicht richtig. Der Erlaß ist schon alt und wnrde bereits vor zehn Jahren von dem sel. Rabbiner Dr. Blumenthal-Ratibor in unserem Blatte besprochen. Inzwischen haben dann hinsichtlich der konfessionellen Differenzierung ausländischer Juden Perioden einer milderen Handhabung mit solchen einer strengeren abgewechselt, wie sie in der Verfügung des Oppelner Regierungspräsidenten zutage tritt. Im Jahre 1900 wurden 199 Personen aus dem Regierungsbezirk Oppeln ausgewiesen, von denen 13 Russen, 2 Ungarn, die übrigen Oesterreicher waren. Jin Regierungsbezirk Liegnitz verfuhr man nicht anders. In Breslau wurde die Ausweisung eines jungen Mädchens, einer