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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-02 · Heft 31 (2.8.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 31 (2.8.1907)
Date
1907-08-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 31. Allgemeine Berlin, 2. August 1907. eilung des Judentums Sin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abo nneinents-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. rredakteur: Gustav rnarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philixpsoir. Vvrlsgs-LxpöMoll: BerBn. Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße Hb/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lritkrsgkn. Berlin, 30. Juli. ie Phrase, daß die Reform im Judentum abgewirtschaftet habe, kehrt in allen orthodoxen Blättern wie ein Refrain im Liede regelmäßig wieder. Es lohnt sich nicht mehr, darauf zu antworten. Haben doch die Zeitverhältnisse selbst die schlagendste Antwort gegeben. Wohl aber lohnt es sich, iunner wieder die grundlegenden Ideen des modernen Judentums den verschiedenen Richtungen gegenüber offen klarzulegen. In jeder Religion gibt es Orthodoxe und Reformierte, wie es in jedem Staate Konservative und Fortschrittler gibt, gleichviel, ob sie so genannt werden oder nicht. Es ist eine solche Einteilung so natürlich, wie Tag und Nacht natürlich sind. Natürlich und auch zweckdienlich. Orthodoxe und Reformer könnten daher den gegenseitigen Standpunkt ganz ruhig anerkennen, könnten auch sich gegenseitig bekämpfen, brauchten aber durchaus nicht einander zu verachten und als Totfeinde zu behandeln, wie es leider oft geschieht. Natürlich gibt es Orthodoxe und Orthodoxe, wie es Reformierte und Reformierte gibt. Wir haben nichts zu tun mit jenen, die alles über Bord werfen, die wie naseweise Kinder, die etwas munkeln gehört haben, den Storch leugnen. Wir haben natürlich auch nichts zu tun mit denen, die die Grundlagen unserer Religion verleugnen. Aber ebenso natürlich haben wir mit jenen nichts zu schaffen, die fest die Augen schließen, die durchaus nichts sehen wollen und so lange blind sich stellen, bis sie das Sehen in der Tat sich abgewöhnt haben und dann nichts mehr sehen können. Wir haben nichts zu tun mit denen, die alle im Laufe der Jahrhunderte angenommenen Gebräuche, auch wenn sie mittlerweile Mißbräuche geworden sind, den wichtigsten Geboten der mosaischen Gesetzgebung gleichstellen, und selbst mit denen nicht, die unter keinen Umständen auch hier Unterschiede machen können. Man hört wirklich nicht gleich auf Jude zu sein, wenn man sich nicht mehr am Sabbat, wie es unsere Großväter getan haben, das Taschentuch um den Leib wickelt, den Schirm nicht aufmacht, oder gar, wenn man am Sabbat ein Stück Papier zerreißt, ein Licht anzündet oder auslöscht, einen Brief öffnet, und was solcher Kapitalverbrechen mehr sind. Dabei können wir uns ganz gut die Motive vorstellen, die zu gewiffen Geboten und Verboten, zu gewissen Gebräuchen und Verordnungen zur Zeit veranlaßt haben. Und wenn jemand aus Gewohnheit, aus Pietät oder um kein Aergernis zu geben, trotz besserer Erkenntnis, sich diesen Anordnungen fügt, so ist dagegen auch nichts zu sagen. Wohl aber ist auf das entschiedenste zu protestieren dagegen, daß verlangt wird. alles müsse heutzutage noch aufrecht erhalten werden, auch was als morsch und baufällig erkannt worden ist. Vielleicht sogar versündigen sich diejenigen gerade am Judentum und schaden ihm, die mit aller Macht alles bis zum letzten Tüpfelchen aufrecht erhalten wollen, was sich vor der heutigen allgemeinen Erkenntnis durchaus nicht mehr aufrecht erhalten läßt, wie diejenigen sündigen und schaden, die ein baufälliges Haus um jeden Preis in seinem baufälligen Zustande zu erhalten bemüht sind. Die Orthodoxen sind besorgt, daß, wenn man eines und das andere der von den vorsorglichen Rabbinen um die Lehre errichteten Forts, wie wir „Geber" übersetzen wollen, schleift, bald alles verloren sei. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Wie oft werden nicht selbst von den Kriegsverwaltungen Bastionen, Außenforts, Wälle als nicht mehr zweckdienlich und schon darum schädlich aufgegeben? In wie vielen deutschen Städten haben nicht düstere Mauern und Wälle breiten Straßen und freundlichen Promenaden Platz gemacht? Die Festungen sind hier und da darum doch geblieben, und wo das nicht der Fall ist, erfreuen sich doch die Städte des besten Gedeihens, ohne daß darum das Vaterland Schaden gelitten hat. Im Gegenteil. Die Städte konnten sich besser entfalten, und die bestehen gebliebene Festung kann infolge der größeren Konzentration der Kräfte nur um so besser verteidigt werden. Das Beispiel paßt durchaus auf das religiöse Leben. Wo beginnt der Zweifel? Der junge Mensch beginnt nicht mit Zweifeln an den Wurzeln der Religion, gar mit Zweifel an Gott. Es sind gerade die unwesentlichen Gebote und Verbote, die ihn stutzig machen. Er kann die zahlreichen Kleinlichkeiten, auf die er durchaus ehrenhafte Glaubensgenossen verzichten zsieht und die ihn doch von Andersgläubigen unliebsam rennen, ihn täglich mit den Forderungen des heutigen Lebens jn Konflikte verwickeln, weder mit seiner Vernunft, noch mit der Größe und Erhabenheit der Gottesidee in Einklang bringen. Er denkt nach, grübelt und grübelt darüber, bis er den Entschluß faßt, den heutzutage unsinnigen oder nebensächlichen und oft der großen Opfer nicht werten Brauch einfach zu kassieren. Da man ihn aber gelehrt hat, daß er damit eine Todsünde begehe, so kassiert er bald mehr, als er anfangs beabsichtigt hat, indem er etwa denkt: so verloren, so verloren. Würde man aber rechtzeitig die veralteten und für das eigentliche Judentum ganz gleichgültigen Gebräuche ausgegeben haben, würden die Wächter der Religion den Gärtnern gleich zu gewissen Zeiten die Auswüchse beschnitten, das starke Unkraut beseitigt haben, dann würde den jungen Leuten nicht so viel Gelegenheit zu Zweifeln und Kämpfen gelassen worden sein und sie hätten die Religion selbst um so besser bewahrt

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