Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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vom König nach Beendigung der Verfassnngskümpfe nicht begnadigt wurde, während selbst der frühere Stadtdirektor, der „rote Rumann", der Amnestie sich erfreuen konnte. Detmold erhielt 300 Taler Geldbuße oder sechs Wochen Gefängnis aufgebrummt. Zur Deckung dieser Geldstrafe veröffentlichte er seine köstlichen satirischen „Randzeichnnngen" (Braunschweig 1843). Das Büchlein enthält zuerst die Verhandlungen eines Kunstklubs, in welchem die dem Klub angehörenden, alle Buchstaben des Alphabets führenden A., B- und Z-Meyer ihre Ansichten über die Restauration einer Statue der Mediceischen Venus auseinandersetzen, während das zweite Stück, ein „politisches Märchen" betitelt, durch das Beispiel eines Mäusepaars, das sich nach langer Bedrückung der Gewalt des Katers entzieht, die Lehre einschärft, „daß so lange niemand gefressen wird, der sich nicht fressen lassen will". Das Büchlein ist voll von satirischen Anspielungen und boshaften Randglossen zur Zeitgeschichte; die Stadt Hannover figuriert unter dem Namen Flachsenfingen als die Hailpt- und Residenzstadt eines deutschen Fürstentums und verspottet aufs köstlichste das Philistertum, das Spießbürgertum und das Kunstbanausentum. Alle die Typen und Figuren, die vorkonunen, sind getreu dem Leben abgelauscht, und man wäre beinahe versucht zu glauben, daß dieser Hofrat Ameyer, dieser Kommerzienrat Bemeyer, dieser Steuerrat Cemeher, dieser Assessor Dcmeyer, dieser Advokat Eineher, dieser Kriegsrat Efmeher, dieser Senator Hameyer usw. die erste Anregung zur Begründung des ältesten süddeutschen Witzblattes, der gerade um jene Zeit ins Leben getretenen „Fliegenden Blätter" gegeben haben. Derselbe Witz und derselbe Humor hier wie dort. Tie politischen Sarkasmen und Geißelungen sind besonders gelungen. Nicht minder belustigend sind die satirischen Bemerkungen über den heuchlerischen Pietismus, als dessen Fürsprecher de* Pastor Wehmeher anstritt. In dem „politischen Märchen" der Randzeichnungen zeigt sich die Begabung des Verfassers für das Märchen und die Gleichnisse, man könnte sagen, für die moderne Haggadah. Natürlich sind das Fabeln nur für Erwachsene und namentlich politisch gereiste Männer. Bei dem damaligen Stand der Zensur konnte ja der Verfasser auch nichts Klügeres tun, als um die wichtigsten und bedeutsamsten, gleichsam brennenden Fragen seiner Zeit ein romantisches Mäntelchen zu hängen. Die Redegabe war I. H. Detmold nicht gegeben. Eine gewisse Scheu und Schüchternheit ließ ihn auch als Parlamentsredner keine Erfolge erzielen. Auch seine verwachsene Gestalt ließ ihn wenig geeignet erscheinen, coram' publico zu sprechen. Und so ist er denn weder in der zweiten Kammer, noch später in Frankfurt a. M. als Parlamentsdebatter sonderlich hervorgetreten. Desto wichtigere Dienste leistete er der liberalen Opposition, und in seiner Hand liefen so viele Fäden zusammen, daß man ihn sehr wohl als den Führer der Opposition in Hannover bezeichnen konnte. Uebrigens erreichte seine parlamentarische Tätigkeit damals ein rasches Ende, da die hannoversche Negierung den Vertreter der Stadt Münden ohne viel Federlesens seines Mandates für verlustig erklärte. Man sollte glauben, daß die revolutionäre Bewegung des Jahres 1848 ihn, den Manu der schneidigen Opposition, in die vorderste Reihe der Revolutionäre gestellt hätte, doch war er seiner ganzeil Natnraulage nach dem gewaltsamen Umsturz entschieden abgeneigt, indem er nur einem vernunftgemäßen Fortschritt ans gesetzlichem Wege das Wort redete. Der 23. hannoversche Wahlbezirk, Bersenbrück, entsandte ihn in das Frankfurter Parlament, wo er sich dem Häuflein derer anschloß. die starr auf dem Vereinbarungs-Standpunkte beharrten. Auf das engste schloß er sich dem damaligen leitenden Staatsmann Hannovers — dein schon genannten Johann Karl Bertram Stüve — an. Das Programm des letzteren, der am 20. März 1848 unter Graf Bennigsen das Ministerium des Innern übernommen hatte, war auf Beseitigung der privilegierten Standesvertretung, Reform der Administration und Justiz-Selbstündigmachung der Gemeinde, Freigebung der Presse, Einrichtung von Schwurgerichten usw. gerichtet. Doch verfolgte er in der auswärtigen Politik rein partikularistische Interessen. Er war in der deutschen Sache der Bildung eines kleinen deutschen Bundesstaates unter Preußischer Leitung abhold und suchte die Sonderrechte der Kleinstaaten, sowie die politische und staatsrechtliche Verbindung mit Oesterreich aufrecht zu erhalten. Die Anschauungen, die in den Kreisen der hannoverschen Regierung über die Vorgänge in Frankfurt herrschten, stützen sich wesentlich auf die Berichte Detmolds, der übrigens wegen seines beißenden Witzes, der weder Feind noch Freund schonte und bald rechts, bald links scharfe Hiebe austeiltc, bei allen Parteien gleich gefürchtet war. Da er selbst an die Aufgabe der deutschen Nationalversammlung nicht glaubte, machte es ihm großes Vergnügen, sich über die Mitglieder derselben lustig zu machen. Als Mitglied des Verfassungsausschusses widersprach er entschieden den Grundrechten und dem Verfassungsentwurf und erbitterte die Gegner durch die von Adolf Schrödter köstlich illustrierte und rasch berühmt gewordene Satire: „Taten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneten zur konstituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt a. M." (Frankfurt a. M. 1849.) Die Schrift ist vielleicht das Witzigste, aber zugleich auch das Boshafteste, was je über die gesinnungslose Kautschuknatur und Wetterwendigkeit eines Abgeordneten gesagt worden ist, und die Schrödterschen Karikaturen sind zugleich von zwerchfellerschütternder Komik. Piepmeyer dreht den Mantel nach dem Winde, und während er in der Wähler- Versammlung der Liberalen liberal spricht, ist er in der Versammlung der Reaktionäre reaktionär. Ein Streber durch und durch, streckt er sich ganz nach der Decke und — Kork schwimmt immer oben! Hier nur ein Pröbchen aus dieser überaus lustigen politischen Satire, Herrn Piepmeyer vor seinen Wählern schildernd: Er verspricht, für Freizügigkeit, Gewerbefreiheit, Aushebung der Jagdrechte und alle Grund- und Feudallasten stimmen zu wollen. Er verspricht, für Freihandel zu stimmen. Herr Piepmeyer überzengt seine Gegner von der Stärke feiner konstitutionellen monarchischen Gesinnung. Er verspricht, für Aufrechterhaltung des Bestehenden, für Zunftzwang stimmen zu wollen. Er verspricht, für Schutzzoll zu stimmen. Er überzeugt seine Wähler von der Reinheit und Kraft seiner republikanischen Gesinnung. In dieser und ähnlicher Richtung züchtigte die Karikatur verdienterinaßen jenes aufgeblasene, nichtsnutzige Treiben, welches unser Vaterland überfiel, wie der Heuschreckenschwarm gerade zur Zeit der Ernte ein Land übersüllt und bedeckt und um die längst ersehnte Ernte betrügt. Der demokratische Heuschreckenschwarm des Jahres 1848 wird als ein inerklvürdiges Unglück in unserer Geschichte figurieren und „Piepmeyer" wird leider unvergeßlich bleiben; alle Fehler und Schwächen werden sich zusammendrängen in diesem Namen. Anders geschah es damals iu der Pauls-Kirche. Da verfeinerte sich der Name durch die Auffassung, welche er fand. Piepmeyer wurde bald eine Eigenschaft genannt, in welcher freilich zu allen Zeiten alle Schwächen des Charakters vorh li u el ft d d d .ft ft si £ k< a ä ll 3 f. i o ti t t 3 C c A c V l c s i ( t I c e 9 3 l r i 1 c 5