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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-26 · Heft 30 (26.7.1907) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
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oöT zweifelhaft. Ich sehe einen Zentralverband vor meinen Augen, der sämtliche fünf Abwehrbewegungen des Judentums mit kluger, starker Hand zusammenfaßt, den Schutz gegen die schädlichen Lebens- und Kulturmächte, gegen die Angriffe eines falschen Christentums, einer falschen Naturwissenschaft, des Antisemitismus im gesellschaftlichen Leben, und gegen die Beschränkung unserer staatsbürgerlichen Rechte, (s. I.) Er soll die Kräfte verteilen, daß das rechte Talent am rechten Platze wirke, er soll die Lücken ausfüllen, die Schwachen mit materiellen und geistigen Hilfsmitteln versehen, er soll Anregungen geben und praktische Ratschläge für die Ausführung, er soll die noch außerhalb Stehenden für die heilige Sache erwärmen und in erster Reihe hervorragende Männer und Frauen ihr gewinnen, die Säumigen soll er anspornen, den zu Heftigen Zügel anlegen, kurz, er hat die einzelnen, für sich selbständig vorgehenden Elemente in einen großen inneren Zusammenhang zu bringen, in welchem die Säfte in Einheit und Reinheit kräftig strömen. Freilich werden die Glieder ein wenig von ihrer Freiheit opfern müssen, doch wieviel gewinnen sie dafür! Wieviel Kraft wird heute nutzlos vergeudet, weil alles zersplittert ohne Ordnung durcheinanderwvgt, und wieviel Kraft würde erspart durch die lebendige Berbindnng mit Geistesverwandten, durch die man auch auf alle mögliche Weise gefördert werden kann, nein gefördert werden muß! Und welch einen Gewinn hätte das Judentum im allgemeinen von diesem einträchtigen, zielbewußten Zusammenarbeiten! Daß Einigkeit stark macht, das erfahren wir ja täglich im Leben, das haben uns der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund", unsere großen, zum Teil internationalen Wohltätigkeitsvereinigungen, der Zentralverband der Rabbiner und jüdischen Lehrer zur Genüge offenbart, es ist hohe Zeit, nun auch die verschiedenen Verteidigungsbestrebungen in einen Brennpunkt zu sammeln, der nicht Zwingherr, sondern Stütze und Berater sein soll, der nicht, wie es gegenüber böswilligen Verdächtigungen noch einmal betont werden mag, Angriffe plant oder gar staatsfeindliche Stimmungen nährt, sondern einzig und allein dem Zwecke dient, dem Judentum und der Judenheit das verdiente Maß von Anerkennung und Recht auf allen Lebensgebieten zu erringen und zu sichern, und diesen Zweck nur mit zulässigen Mitteln, unter möglichster Wahrung des Friedens mit den Andersgläubigen zu erreichen sucht. So krönen wir das ganze Werk in wahrhaft würdiger Weise. „Tretet zusammen und höret, ihr Söhne Jakobs, höret auf Israel (d. i. den Gotteskümpfer), euren Vater!" (t. Mose 49, 2.) * * * Wir haben das Problem der jüdischen Verteidigung in seinen verschiedenen Ausstrahlungen kennen gelernt, in historischer (I.), systematischer (II.), pädagogischere (III.) nnd ethischer (IV.) Richtung. Die erste belehrt unfern Geist und regt unseren Willen an, sich der Idee zu weihen, die zweite zeigt uns das Schlachtfeld und macht uns mit den Schutzwaffen bekannt, die dritte gibt uns Mittel an,dieselbenuns ganz zu cigenzumachen, und die vierte belehrt uns darüber, wie wir mit ihnen umzugehen haben. Indem wir aber das Gesamtgebiet überschauen, drängt sich uns die frohe Ueberzeugung auf: eine Gemeinschaft, die sich unter solchen Angriffen seit undenklichen Zeiten bis zum heutigen Tage so gewehrt, der muß eine gewaltige Lebenskraft innewohnen; diese Kraft aber durch Einsicht und Sittlichkeit zu zügeln, sei unser stetes Bemühen, dann wird, dann kann der Erfolg nicht ausbleiben. Dieser Erfolg ist der Frieden, der große, herrliche Weltfrieden, der aber darf uns nicht als Unterlegene sehen, unsere Kinder und Kindeskinder sollen nicht Gelegenheit erhalten, traurig zu sprechen: „Das war ein schwaches Geschlecht", der Genius Judas darf nicht um unsertwillen beschämt sein Haupt senken. Wie die Juden einst zu Nehemias Zeiten, so wollen wir dastehen, das Werkzeug zum Bau des Heiligtums in der einen Hand, und in der andern die Waffen, die es beschirmen sollen. Nein, wir jammern nicht, wir fürchten uns nicht, festen Schrittes, ruhigen Blickes schreiten wir vorwärts, auch durch Nacht und Sturm, denn vor uns leuchten wie reine Himmelssterne die prophetischen Verheißungen: „Jedes Gerät, gegen dich geschmiedet, richtet nichts aus, und jede Zunge, die gegen dich vor Gericht tritt, sprichst du schuldig, das ist der Anteil der Diener Gottes, ihr Verdienst von mir, spricht der Ewige." (Jesaia 54, 17.) „Sie werden niemandem ein Leid antun und kein Verderben anrichtcn ans meinem ganzen heiligen Berge, denn voll wird die Erde der Erkenntnis Gottes sein, wie Wasser die Meerestiefen bedecken." (Jesaia 11, 9.) y. h. Detmold. Von Tr. A. Hahn. ll. ehren wir nun zu dein Leben und Wirken Detmolds zurück und besprechen wir zunächst seine bedeutsame politisch-parlamentarische Tätigkeit. Von 1868 an beschäftigte Detmold, der sich in seiner j Vaterstadt als Advokat niedergelassen hatte, in erster Linie der hannoversche Verfassungsstreit. Als damals der König Ernst August von Hannover sofort nach seinem Regierungsantritt das unter seinem Bruder, dem König Friedrich Wilhelm IV., geschaffene Staatsgrundgesetz umstieß nnd nun ein Schrei der Entrüstung durch das Land ging, der in der bekannten Weigerung der Göttinger Sieben — sieben Göttinger Professoren — sich ihres auf das Staatsgrundgesetz geleisteten Eides entbinden zu lassen, seinen lautesten Widerhall fand, trat auch Detmold mit der ganzen Energie seines Wesens nnd der Schärfe seines Geistes für das angesochtene Staatsgrundgesetz ein. Mit der vollen Schärfe seines so gefürchteten Witzes wandte er sich gegen die reaktionäre Regierung nnd gewann bald in vollem Maße das Vertrauen der Hannoveraner, so daß ihn die Stadt Münden als ihren Vertreter in die zweite Kammer entsandte. Dort gehörte er mit Heines Vetter Christiani und Stüde zu den Vorkämpfern gegen die Gewaltherrschaft der Regierung, freilich mehr mit der Feder, als durch die Rede wirkend. Der „literarische Mirabeau der Lüneburger Heide" war ein politischer Agitator ersten Ranges, nnd sein Haus ans der Gr. Duvestraße wurde bald ein Mittelpunkt für die Bestrebungen seiner Partei. Als die hannoversche Regierung rücksichtslos gegen ihre Gegner vorging, rvurde auch Detmold der strengsten polizeilichen Ueberwachung, ja einer Internierung in der Stadt Hannover unterworfen, obschon die zweite Kammer am 11. Juli 1841 gegen dieses gewalttätige nnd ungesetzliche Verfahren aufs entschiedenste Einspruch erhob. Auch er protestierte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen diese willkürliche Beschränkung seiner persönlichen Freiheit, doch faßte er die Sache im großen und ganzen von der humoristischen Seite ans, und bereitete es ihm viel Spaß, dem mit seiner Beobachtung beauftragten Polizeidiener sein Geschäft unendlich sauer zu machen. Weil Detmold die Eingabe des hannoverschen Magistrats an die Bundesversammlung verbreitet haben sollte, wurde er unter Anklage gestellt, nnd als das Oberappellationsgericht zu Celle am 12. Mai 1846 ihn nnd noch andere für schnldig erklärte, lvar er der einzige, de

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