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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-26 · Heft 30 (26.7.1907) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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breit, da strebt man nur danach, Recht zu behalten, und || wendet alle möglichen Kunstgriffe an, um dieses Ziel zu erreichen, da sucht inan durch ungeheure Gelehrsamkeit 31t imponieren, durch Anhäufung von Wissensmassen jede Widerrede zu ersticken. Man hat dann allerdings den Gegner mundtot gemacht, aber sein Inneres hat sich noch nicht gewandelt, ja vielleicht ist nunmehr der Widerstand doppelt groß und kommt auf einem anderen Wege zu einem noch unheilvolleren Ausbruch. Das Herz dagegen sucht das Herz, seine Wärme i erweckt auch auf der anderen Seite Wärme, die reine Hingabe an den idealen Zweck bleibt nicht ohne Eindruck und kann schon an sich den Weg zur Verständigung bahnen. Das tiefe Gefühl gibt auch den Gedanken eine Lebendigkeit, einen inneren Glanz, die durch nichts zu ersehen sind und nirgends mehr am Platze wären wie im Reiche der Religion, und es bewahrt H sie davor, sich in abstrakten Begriffen zu verlieren, denen kein! frisches Leben mehr innewohnt und die der schlichte Sinn nicht mehr zu fassen vermag. Die jüdische Abwehr ist nicht die alleinige Aufgabe weniger Gelehrter, sondern das Recht, ja die Pflicht der ganzen Gesamtheit, sie vollzieht sich - nicht bloß in wissenschaftlichen Werken, sondern vielleicht! noch stärker auf den Wogen des wirklichen Lebens, wo der praktische Akademiker, der Beamte und Kaufmann stehen und ringen. Hier wird das Gemüt, das sich in überzeugnngsfreudigem Idealismus, in freundlichem Entgegenkonnnen, in herzlicher Hilfsbereitschaft offenbart, noch viel mehr Bosheit und Vorurteil entwaffnen, als scharfgeschliffene Geistesschwerter, wenngleich letztere nicht entbehrt werden können. 3. Jedoch auch die warme Teilnahme birgt die Gefahr der Uebertreibung in sich, sie wird dann zur sinnlosen Leidenschaft, welche die ganze Seelenkrast einer Idee opfert, und alles grausam niederwirft, was ihr nicht gehorcht. Der religiöse Fanatismus auf der eiuen Seite und die heimliche Wut über die wirtschaftliche und soziale Konkurrenz auf der anderen Seite, das sind ja die beiden Quellen, aus denen der gewaltige Strom des Judenhasses zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag geflossen ist, alle anderen Ursachen sind bewußte Erdichtungen oder unbewußte Täuschungen, Suggestionen, denen leider auch in unserer Mitte schon viele, und nicht die Schlechtesten, zum Opfer gefallen sind. Um so mehr haben wir die Verpflichtung, uns bei der Abwehr aller Leidenschaftlichkeit zu enthalten, so schwer das uns auch fallen mag angesichts der furchtbaren Lügen, die unser Heiligstes in den Staub zerren, angesichts der fortwährenden Quälereien, gegen die sich die einfachste Gerechtigkeit empört. Unermüdliches gegenseitiges Erinnern und Verbessern, strenge Selbstzucht, das feste Vertrauen auf die Reinheit und Gerechtigkeit dessen, was wir vertreten, das alles muß allmählich eine Ruhe in uns erzeugen, die sich durch feilte heftigen Anstöße mehr erschüttern läßt; wenn der Gegner schimpft, so vergelten wir nicht mit gleicher Münze, sondern ziehen ihn vor Gericht zur Verantwortung, und auch das nur, damit er uns fürderhin in Ruhe lasse; wenn er auf unser teures religiöses Gut groben Hohn oder feinen, scharfen Spott wirft, so lassen wir uns nicht dazu verleiten, auch seine Heiligtümer zu verletzen; der Zorn wandle sich zu Traurigkeit über jene sittliche Verrohung, das Rachegefühl in das Bestreben, durch noch entschiedenere Betätigung der Sittlichkeit, durch noch stärkere Hingabe an das Gemeinwohl jene Schmähungen ganz in den Schatten zu werfen. Wir wollen nicht angreifen, sondern nur uns verteidigen, die Verteidigung aber führen wir mit Gott und für Gott, im Bewußtsein unseres Rechtes, das so wahr und so ewig ist wie er, der es uns gegeben, darum muß unsere Haltung bei aller inneren Wärme ernst., besonnen, fest, taktvoll I z sein und bleiben in jeder Lage. I 9 4. Noch eine andere Schwäche ist zu überwinden, wenn I r, wir uns durchringen wollen, wir müssen Ausdauer besitzen. I f. So natürlich diese Forderung klingt, so schwer wird es den > f, meisten, ihr gerecht zu werden. Das heutige Leben ist so 1? unendlich mannigfaltig, bietet der Aufmerksamkeit so zahlreiche I 8 Reizpunkte, daß man schon bei angenehmen Dingen nicht » <f lange verweilt, geschweige bei solchen, welche Anstrengungen > e und Beschwerden bieten, zumal wenn kein klingender Lohn in I 1 Aussicht steht. Allein wer nach wenigen fruchtlosen Versuchen die I \ Lanze gelangweilt zur Erde loirft oder verzagt davonläuft, der hat I c das Wesen der jüdischen Verteidigung überhaupt nicht begriffe!:, I i denn sie ist weder ein Spiel für launische Schmetterlinge, noch » c eine Fliege, die man mit einem flüchtigen Schlage ver- I 3 scheucht; um ihretwillen haben Millionen unserer Vorfahren » i gestöhnt, gejammert, unsäglich gelitten und ihr Herzblut ver- » 3 gossen, mit ihr haben sich die stärksten und edelsten Geister » 1 auf das äußerste gemüht, ohne die feindselige Stimmung » i niederzuzwingen. Dürfen wir uns da unterfangen, im Hand- » S um drehen das Ziel zu erreichen? Hat ernster Kampf nicht > f schon vieles zuwege gebracht? Und wir werden sicher » \ noch schneller fortschreiten, wenn wir nur erst noch > 1 besser gewappnet sind. Darum ja nicht ungeduldig I 1 werden. Wer die Menschennatur kennt, wer ihre Wege in der I Geschichte der Völker überschaut, der weiß auch, daß die > , Gerechtigkeit nur sehr, sehr langsam vordringt, und wer ins- I i besondere die Stimme der jüdischen Vergangenheit in sich fühlt, I > der wird vieles in ihr hören, aber nichts stärker als das Eine: » Habe Geduld. Lasse nicht den Kopf hängen, auch wenn die » ' Feinde triumphieren, lasse dich nicht entmutigen, wenn man > deiner Stimme nicht achtet, ja lege nicht einmal das Werkzeug I nieder, wenn deine eigenen Glaubensgenossen dich verlachen > oder verdächtigen; du streitest ja nicht für sie als einzelne, » sondern für das Ganze als solches, für das Judentum, das » ein Anrecht an deine Kraft hat, weil dein Bestes ihm ent- > sprossen ist, ein Anrecht an deine Anhänglichkeit, weil deine I Eltern und Großeltern es so innig geliebt. Willst du ihm I vergelten, was dein Glaubensbruder gefehlt, und dich damit I jenes Vergehens schuldig machen, das du selber an dem Gegner I so hart tadelst? Und empfindest du nicht das unvergleichlich » herrliche Gefühl, einer Sache zu dienen, die so erhaben, die I geradezu, ein Prüfstein der Gerechtigkeit ist? Willst du hinter I einem Rickert, einem Gneist, einem Barth, einem Liszt usw. > zurückstehen, die doch keine Juden sind und sich dennoch so » energisch der Rechte derselben angenommen haben? Freilich, » bequemer hat man's in seiner eigenen Villa; Schätze an Gold » und Silber sind hier auch nicht zu holen, dafür aber blüht I dir der reichste, edelste Genuß in dem Bewußtsein, Menschen- I tum iit einer seiner besten Seiten geübt zu haben. Darum » noch einmal: Ermatte nicht, harre aus; schon der Prophet » hat es ja geahnt: „Nicht in Hast werdet ihr fort- » schreiten, nicht fluchtartig weiterziehen, denn vor euch geht der I Ewige her, und euren Zug schließt der Heilige Israels." > (Jesaia 52, 12.) > 5. Wenn der Soldat sich völlig gerüstet hat, wenn er in > seinem Helm und Tornister, mit seinem Säbel und Seiten- > gewehr fertig dasteht, dann hört er wohl ein Trompetensignal, » das ihn ruft, sich mit seinen Kameraden zu einer Abteilung > zu vereinigen. So hören auch wir zum Schluffe den » begeisterten Weckruf: „Bildet eure Bataillone, sammelt euch!" > Allerdings, ob eine Sammlungspolitik im Staatsleben am » Platze ist, wollen wir nicht untersuchen, daß sie aber auf nn- > serem Gebiete von großem Segen wäre, erscheint mir nicht I

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