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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-26 · Heft 30 (26.7.1907) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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vergangenem und Tagesliteratur und widmete sich einem ihn vergötternden Freundeskreis und seiner liebenden Familie, zu der sich gern in den Ferien die stets gastlich aufgenommene» Freunde des studierenden Sohnes gesellten. Da saß er nach dem anstrengenden Tagewerke des Landarztes gern unter der Jugend; Worte der Weisheit, des erfahrenen Rates, der edelsten Menschenliebe kamen aus seinem Munde; am liebsten aber saß er wortlos, still sinnend oder mit gütig lächelndem Munde, dem frohen Gespräch der Seinen lauschend. Aus den fernen Großstädten Berlin und Magdeburg eilten gern gesehene Gäste hierher und nahmen Schätze der Erinnerung nach schön verlebten Tagen aus dem lieblichen, lindenbeschatteteu Doktorhaus iu das weltstädtische Getriebe. Am 1. April 1870 starb er schnell und schmerzlos, nachdem er soeben eine glückliche Operation vollzogen hatte, noch nicht 63 Jahre alt, in ungebrochener Tätigkeit. Deutschland stand an der Schwelle des französischen Krieges und seiner großartigen Einheitsentwicklung, aber der treue deutsche Jude, dessen einziger Sohn alle preußischen Feldzüge mitgemacht, erlebte nicht die Erfüllung seiner patriotischen Träume! Die jüdische Verteidigung. Von Tr. S. Grzymisch. IV. Anwendung. 3ede Macht erhalt ihren Wert durch die Art, in der sie Verwendung findet. Der Manu, welcher seine Stärke in Schmähworten und Schlägen znm Ausdruck bringt oder in zwecklosen Arbeiten, im Spiel und Trinken vergeudet, ist nur zu bedauern oder zu verachten. Chajim ibn Musa, ein jüdischer Gelehrter des Mittelalters, stellte darum 12 Regeln auf, denen sich jeder Glaubensgenosse unterwerfen müsse, wenn er aus der Religionsdisputation als Sieger hervorgehen wolle. So sollten auch wir nimmer müde werden, auf eine kluge und sittliche Verteidigung zu dringen, sie unfern Kindern und Schülern anzubefehlen und den Erlvachsenen ans Herz zu legen. Welches sind die Bedingungen derselben? 1. Die jüdische Abwehr muß neben dem Mute zunächst auf Wissen begründet sein. Ein leeres Hin- und Hergerede, ein Sprühen in Begeisterung, ein Hineinschleudern von blendenden Schlagwörtern wird zwar für den Augenblick seine Wirkung nicht verfehlen, allein diese kann keine tiefergehende sein, und sie ist vor allem des Judentums nicht würdig, weil sie einer Täuschung gleichkommt. Wir sind durchaus genötigt, uns mit den Tatsachen, die den Gegenstand der Anklage bilden, innig vertraut zu machen, damit wir bei einem unerwarteten Zusammenstöße um eine gediegene Antwort nicht verlegen sind. Man wird sich sonst nicht bloß im Rechte dünken und noch in ehr in die Gegnerschaft hineinwühlen, sondern man wird uns auch verachten, weil wir etwas bekennen, ohne es zu erkennen. Schon darum ist der Besuch der Religionsschule, des Fortbildungskursus und der anderen hierhergehörigen Veranstaltungen (s. III.) dringend zu befürworten. — Wissen ist Macht, aber es wird dies doch nur dann, wenn es sich nicht schwer, ungefüge im Geiste auftürmt, sondern leicht und geschmeidig fließt, wenn es uns im Augenblicke des Angriffes rasch zu Gebote steht. Daher muß bei der Vorbereitung das Debattieren gepflegt werden, denn dieses rüttelt uns auf, macht uns behender, schlagfertiger. Wenn wir im eigenen Kreise unsere Ansicht zu begründen und die entgegengesetzte zu entkrästen vermögen, dann wird es uns auch leichter fallen. mit dem Gegner des Judentums theoretisch fertig zu werden. — Endlich müssen wir auf die Person des Widersachers unser Augenmerk richten. „Teuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen; zeigt mir der Freund was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich bin." Es gilt, vor allein seine Kampfesweise zu beobachten, zu sehen, wie er die Klinge führt, welcher Mittel er sich bedient, um sich die Seelen zu gewinnen. Denn wir wissen es ja, daß es nicht die gerechte Sache ist, die seine Erfolge erringen hilft, sondern meist bewußte oder instinktive Geschicklichkeit, die den Andern bei seiner schwachen Seite nimmt, um ihn zu sich hinüberzuziehen. Wir müssen zu diesen geheimen Gründen Vordringen und sie unschädlich machen. Die unsittlichen Gründe müssen offen bloßgelegt und scharf gekennzeichnet, auf dieSchwäche der Irregeleiteten muß mahnend und beschwörend hingewiesen, die berechtigten Vorwürfe müssen rückhaltlos anerkannt und aus ihren Ursachen erklärt werden. — Der Umstand, daß wir unsere Waffen im Reiche des Geistes suchen, schließt zunächst das Duell aus. Wir wollen denjenigen unter den jüdischen Studenten, die ihm huldigen, nicht zu nahe treten, im Gegenteil, wir schätzen sie, denn wir wissen, daß edle Beweggründe sie dazu bestimmen, allein sie werden es wohl selbst empfinden, daß das Duell kein gerechter Ausgleich der ihnen zugefügten Beleidigungen ist. Oder sind diese vielleicht damit gesühnt, daß der Gegner einen Schmiß davongetragen hat, dessen er sich später vor aller Welt noch rühmt, oder gar, daß sie, die Beleidigten, selbst verwundet worden sind? Wenn die heutige Pädagogik jede körperliche Züchtigung des Kindes mit Recht als roh verwirft, soll es Erwachsenen gestattet sein, sich körperlich zu züchtigen? Man wendet ein, die Welt könnte sie dann für feig erklären, jedoch der aufrechte Mann fragt nicht nach dem, was die Welt, sondern was Vernunft und Sittlichkeit sagen, außerdem gibt es heute schon sehr viele und angesehene Persönlichkeiten, die das Duell streng verurteilen, endlich ist dem jüdischen Studenten durch fleißiges Turnen, Schwimmen, Fechtübnngen u. a. die Möglichkeit geboten, seine körperlichen Kräfte zu entfalten und im friedlichen Wettkampf oder wo es gilt, aus Gefahren zu retten, seine Unerschrockenheit zu beweisen. Die Entscheidung eines Streitfalles kann nur in den Händen eines Ehrengerichtes liegen, dessen Mitglieder von beiden Parteien als unbestechliche Wahrheitsfreunde anerkannt sind nnd vernünftige Strafen verhängen. — Es gibt noch eine andere Kampfesart, mit der ich mich nicht befreunden kann, die öffentliche Religionsdisputation, denn wie ich bereits in diesem Blatte (70. Jahrgang, Nr. 29, „Religion und Konfession") ausgesührt habe, lehrt die jüdische Geschichte, daß sie nicht Aufklärung und Förderung, sondern Verderben in ihrem Schoße trügt; nicht die Wahrheit siegt, sondern die Schlagfertigkeit, die Gemüter werden bis zur Leidenschaft erhitzt und tragen die Erbitterung ins Leben hinaus, im besten Falle bietet sie dem Publikum eine interessante Abwechselung, über die man sich köstlich unterhält, dazu aber sollte man eine so heilige Macht wie die Religion nicht hergeben (3. Gebot). Ich möchte deshalb nicht raten, diese schauspielerischen Geistesgefechte, wie sie in neuester Zeit wieder aufzutauchen beginnen, nachzuahmen, wenn auch eine ernste, private Aussprache zwischen Männern und Kennern, die ehrlich und ruhig sind, wohl zu billigen ist. „Nicht durch Heeresmacht, nicht durch Körperkraft, durch meinen Geist wird es geschafft, so spricht der Gott der Welten" (Secharja 4,6). 2. Die Wertschätzung des Wissens nnd Verstandes darf hier aber nicht zu weit getrieben werden, die Verteidigung des Judentums muß auch von Herzenswärme getragen sein. Wo das nicht der Fall ist, da macht sich die Eitelkeit

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