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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-26 · Heft 30 (26.7.1907) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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Möbus Ohilipplon. Ein Erinnermigsblatt zu seinem hundertsten Geburtstag. m 2-">. Juli werden es 100 Jahre, das; ein Mann das Licht der Welt erblickte, dessen Lebenswerk zwar in stillen Bahnen verlief, der es aber verdient, den Jetztlebendcn genannt zu werden, da sein Wirken ein nicht unwichtiger Baustein in der Entwicklung des Judentums seiner Zeitgenossen war. Phöbus Philippson wurde zu Dessau am 25. Juli 1807 geboren, inmitten der Gemeinde, die in kräftigem Ringen und Streben die Morgenröte der Aufklärung förderte, bedeutende Männer an ihrer Schule tätig sah und sich der Güte und Gunst des anhaltinischen Fürstenhauses erfreute. Sein Ahnherr war der 1680 geborene berühmte Rabbi Jacob Josua ben Zebi Herschel, Rabbiner in Lemberg, Metz und Frankfurt a. M., nach damaliger Sitte nach seinem Hauptwerke „P'ne Jeschuoh" genannt. Die jüdische Gelehrsamkeit und die Begeisterung für die Väterreligion erbte sich in seiner Familie fort, und auch der Vater von Phöbus Philippson, Moses Philippson, war ein in seiner Zeit ausgezeichnet wirkender Mann, der nicht nur an der herzoglichen Franzschule zu Dessau als Lehrer arbeitete, sondern auch als Verfasser guter Jugendschriften und Lehrbücher in weiten Kreisen anerkannt war. Sein früher Tod 1814 trat mitten in eine große, segensreiche Unternehmung ein, die Gründung einerhebräischen Druckerei und eines Verlages in Prag, und die Wirren der Napoleonischen Kriege zerstreuten alles vorhandene Material, so daß die Hinterbliebene kinderreiche Familie ganz mittellos zurückblieb. Aber die Mutter war eine jener jüdischen Frauen, die mit fester Hand die Erziehung ihrer Kinder leitete, ungebeugt durch Sorge und Not die hochbegabten Söhne zu idealen Zielen führte und nie wankte in dieser hohen Pflichterfüllung. Ausgezeichnete Männer, wie I. Wolfs und Gotthold Salomon wirkten aus die Entfaltung des Knaben, und ihnen hat er später in den „Biographischen Skizzen" ein ehrendes Denkmal gesetzt und zugleich ein interessantes Zeitbild entworfen. Phöbus wandte sich mit Begeisterung den medizinischen Studien in Halle zu, trieb auch mit Vorliebe Botanik und wurde ein Lieblingsschüler des berühmten Kurt Sprengel. 1828 promovierte er und ließ sich zuerst in Magdeburg als Arzt nieder, dann 1885 in dem kleinen altmärkischen Ort Klötze, wo er 35 Jahre lang segensreich bis zu seinem Tode wirkte. Eine Reihe medizinischer Schriften, zumal über die damals so furchtbar wütende Cholera, bezeugten seine wissenschaftliche Bildung und seine scharfe Beobachtungsgabe. Mit allen Fasern seines Herzens aber hing er an seiner Religion, deren zeitgemäßer Entwicklung er seine kargen Mußestunden widmete. Die innigste Herzensfreundschaft iflTS Gedankengemeinschaft verband ihn auch hierin mit seinem jüngeren, berühmteren Bruder, dem Gründer dieser Zeitschrift, Ludwig Philippson. Er war ihm ein treuer Berater, ein unermüdlicher Mitarbeiter; jeder Plan, den Ludwig für die Weiterentwicklung des Judentums faßte, wurde mit dem gleichgesinnten Bruder besprochen, dafür legen die Briese beider ein beredtes Zeugnis ab. Phöbus, der novellistisch sehr begabt war, erkannte, welch wirksames Mittel für die Vertiefung der Religion in den Gemütern cs sei, die reiche Geschichte Israels novellistisch zu gestalten, und wie man besonders auf die Jugend, diesen wichtigsten Faktor des Fortschritts, fesselnd wirken könne. Ihnen die hehren, opferfreudigen Gestalten der Väter näherzuführen, die reine Begeisterung derselben in das junge Gemüt zu tragen und sie dadurch auch ihrerseits zu dem ihrer harrenden Kampfe zu stählen, war seines Tuns innigstes Bestreben, das Ziel der belletristischen Arbeit beider Brüder. Da erschien als Erstlingswerk von Phöbus Philippson „Die Marannen" in der neugegründeten „Allgem. Zeitung des Judentums" (1837), eine Erzählung ans der spanischen Geschichte zur Zeit der Austreibung der Juden 1492. Man kann sich heute, wo eine Erscheinung auf dem Büchermärkte die andere jagt, keinen Begriff davon machen, wie diese von höchster Begeisterung diktierte Erzählung die Jugend entzündete, das Alter begeisterte. Ludwig mahnt fortwährend zur schleunigen Einsendung der Fortsetzungen, da zahlreiche Zuschriften aus dem Publikum ungeduldig danach verlangten. Als Ludwig Philippsons umfangreiche jüdische Novellensammlung „Saron" im Jahre 1843 erschien, wurden „Die Marannen" an die Spitze gestellt und fanden allgemeinen Anklang sowie mehrere Uebersetzungen, namentlich auch ins Hebräische. Auch eine gemütvolle humoristische Schilderung aus dem jüdischen Kleinleben: „Veilchen Jacob", von Phöbus Philippson, erschien in einerneuen Auflage des „Saron" und gefiel durch ihre Frische und herzensfreudige Art. Sein ganzes Fühlen und Denken, die klare, weisheitsvvlle Art seiner Entwicklung legte Phöbus Philippson aber nieder in dem umfangreichen Roman „Der unbekannte Rabbi". Erhalle in seiner großen Liebe zur deutschen Literatur sich damals, wie viele edle Geister Deutschlands, dem Einflüsse Jean Pauls hingegeben. Dieser Dichter wurde mit Vorliebe in seinem Hause wie in allen höher denkenden Familien Deutschlands gelesen. So war der Einfluß dieses poetischen, sentimental empfindenden Dichters, seiner gedankentiefen, oft etwas barocken Weise allenthalben zu finden. Die vielverschlungenen, oft sogar unklaren Beziehungen seiner Personen hatten sich auch auf den „unbekannten Rabbi" übertrage». Aber dafür entschädigt eine Fülle der reichen Lebensweisheit, des tiefen Gemüts, der warmherzigen Charakterschilderung und der reinsten Zeitaufklärung. Die Beziehungen des im Talmud wurzelnden Inden zur sriderizianischen Zeit, des zu aufklärender Bildung sich durchringenden Jünglings und seiner Stellung zu Christen und Christentum werden uns in einer Fülle der Gestalten und in schöner Unparteilichkeit vorgeführt und unserem Herzen nahe gebracht. So wurde dieses Buch einer großen Reihe jüdischer Häuser ein geliebter Freund, ein dauerndes Bildungsmittel. Es ward in viele Sprachen übersetzt und selbst in Nordamerika eifrig gelesen. Auch auf jüdisch wissenschaftlichem Gebiet arbeitete Phöbus Philippson, dem ein von Kindheit an gepflegtes hebräisches Wissen eigen war. Unter anderem half er seinem Bruder- Ludwig bei dessen großem Bibelwerk, und die Uebertragung und wissenschaftliche Erklärung der früheren Propheten (Nebiim rischonim): Josua, Richter, und Bücher Sainnelis, 2 Bücher der Könige, ist seine alleinige Arbeit. Noch einige Worte dürfen wir dem Charakter des Mannes widmen. Durch seine schwere Jugendzeit war er ernst und früh gereift, still und in sich gekehrt. Aber eine Fülle der Liebe verbarg sich in seiner Ruhe, ein fortwährendes Streben nach Erkenntnis und Weiterbildung! Echtes Gottvertrauen lehrte ihn Ergebung in den Willen des Höchsten, als er schwere Schicksalsschläge in seiner Familie zu erdulden hatte. In seinem Wirkungskreis als Landarzt schaffte er unermüdlich und war der verehrte Patriarch, der treue Freund der einfachen Bauern wie des stolzen adligen Gutsbesitzers. In dieser ganz einförmigen Gegend, die damals nicht einmal durch eine Chaussee mit der übrigen Menschheit verbunden war, baute er sich eine eigene Welt in seinem Innern auf, las die besten Dichter der

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