Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Pogrom im Stadtteil Pawlikowo fand im Beisein des Militärs statt; der Polizeiosfizier Jarozki feuerte die Plünderer an, die Juden zu massakrieren. Mehrere Polizisten sagten als Zeugen aus. daß die Plünderer sich an sie wandten, um die Erlaubnis, gegen die Juden vorzugehen, zu erlangen, da in der Stadt das Gerücht verbreitet war, die Polizei verheimliche die osfiziell erteilte Genehmigung, die Juden zu Löten. Die Bauern wurden, wie das von einer Zeugengruppe und einem Dorfpriester bestätigt wird, aus Dörfern durch reitende Boten reguiriert, um die Christen Schitomirs zu retten, die von Juden abgeschlachtet würden. Ein Zeuge sagt aus, er sei vor der wütenden Menge nur durch Zuruf eines Schutzmannes gerettet worden, der die Holigans warnte ihn zu ermorden, da er kein Sozialist sei und sie für seinen Mord zur Rechenschaft gezogen würden. Mehrere nichtjüdische Zeugen widerlegten die in den zu Pogroms aufreizenden Proklamationen aufgestellte Behauptung, die Juden Hütten auf ein Zarenportrüt geschossen. Schließlich wurden zwölf Angeklagte freigesprocheu und neunundzwanzig zu Freiheitsstrafen in der Dauer von sechs bis achtzehn Monaten verurteilt. Zwei jüdische Angeklagte, Epstein und Perlzweig, wurden, weil sie der jüdischen Selbstwehrorganisation angehörten, ersterer zn sechs, letzterer zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. So in Schitomir. Womöglich noch verwegner haust die Bande heute in Odessa. Man berichtet darüber folgendes von dort: Seitdem der Stadthauptmann Grigorieff die Stadt verlassen hat, nahmen die Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes ihre Holigan - Tätigkeit wieder auf. Jeden Abend versammeln sie sich in großer Anzahl aus den Boulevards, im Park und anderen öffentlichen Plätzen und machen sie so unsicher, daß die übrigen Einwohner den Besuch dieser Orte nach Möglichkeit vermeiden. Während sonst der Besitz eines Revolvers die Ausweisung aus der Stadt nach sich zieht, haben die Mitglieder des russischen Bundes das Recht' immer Revolver und Dolche zu tragen, die sie offen vor den Augen der Polizei zum Ueberfallen der friedlichen Einwohner benutzen. Jeden Tag hört von neuen Heldentaten der Mitglieder des Verbandes. Der gestrige Vorfall aber, über den wir bereits kurz telegraphisch berichteten, verdient besondere Beachtung. Im Stadtanditorium war eine Versammlung der Mitglieder des Verbandes des russischen Volkes. Nach Beendigung der Versammlung verließen die „Mitglieder" das Auditorium und verteilten sich ans die benachbarten Straßen, wo sie aus ihren Revolvern auf die vorbei gehenden Juden zu feuern begannen. Das Schießen verursachte eine große Panik. Die Passanten begannen voller Schrecken zu flüchten; die Hauslore wurden geschlossen. Die Zahl der Verwundeten, die in das jüdische Krankenhaus ein geliefert wurden, ist recht erheblich, darunter haben viele lebensgefährliche Verletzungen davongetragen; ein Arbeiter wurde von einer Revolverkugel ans der Mjanojedowskaja getötet. Die Schutzleute und Wächter sahen der Schießerei ruhig zu. Und erst als der Gehilfe des Polizeimeisters Kisliakowskh mit einer Abteilung Soldaten erschien, liefen die „Mitglieder" davon. Anstatt nun sie zu verhaften, begannen die angekommenen Soldaten die Passanten zu untersuchen. Von den Schießenden wurde nur ein einziger verhastet. Auf diese Weise dürfen die Mitglieder des russischen Bundes unter dem Schutze Kanlbars ihren Patriotismus betätigen. Das Tollste aber, was das „Schwarze Hundert" bis jetzt geleistet, enthüllt der Bericht des sozialrevolutionüren Zentralkomitees über das tragische Ende des Duma-Abgeordneten Dr. Gregor Jollos. Derselbe Kazanzef, der das Witte - Attentat organisiert hatte, organisierte auch die Ermordung von Jollos. Er überredete einen jungen Arbeiter, der schon früher Beziehungen zur revolutionären Partei hatte, die Ermordung von Jollos auszuführen. Er sagte dem Arbeiter, daß eines der Mitglieder der Maxistenpartei 80 000 Rubel Parteigelder entwendet habe und daher zum Tode verurteilt worden sei. Das Todesurteil sei bis jetzt unvollstreckt geblieben, da sich kein Vollstrecker gefunden. Der junge Arbeiter erklärte sich nunmehr bereit, die Vollstreckung des Urteils zu übernehmen. Kazanzef nennt ihm nicht den Namen des verurteilten Mannes, zeigt ihm dagegen als den Verurteilten Jollos. Kazanzef macht den Arbeiter auf den Durchgangshof des Hauses Torapoff, an dem täglich Jollos vorübergeht, aufmerksam. Am Tage des Mordes führte Kazanzef den Arbeiter in eine Bierkneipe, von wo aus man das Herankonrmen von Jollos beobachten konnte. Als Kazanzef Jollos von weitem bemerkte, ging der Arbeiter aus der Bierkneipe heraus, stellte sich bei der Pforte des Hauses Torapoff auf und gab vier Schüsse auf Jollos ab. Daraus entfloh der Arbeiter. Als er am Abend erfuhr, Jollos sei kein Maxist, sondern Kadett gewesen, überfiel den Arbeiter Argwohn, schließlich kam er zu der Ueberzeugnng, daß er das Opfer eines schändlichen Betruges geworden, und so entschloß er sich, Kazanzes zu ermorden. Als das geschehen, suchte er einige Mitglieder der sozialrevolutionären Partei aus, gestand alles und war bereit, seine Aussagen vor Gericht zu wiederholen. Wäre eine Gerichtsverhandlung möglich, so würde durch sie auch festgestellt werden, daß Kazanzef in engsten Beziehungen zum Grafen Buchshevden stand, der Beamter für besondere Aufträge beim Generalgouverneur von Moskau ist. Von Buchshevden bekam Kazanzef große Geldsummen. Soweit die Mitteilung der sozialrevolutionären Parteileitung. Aus eigenem kann ich mitteilen, daß die Untersuchung in Moskau zu dem Ergebnis kam, Kazanzef war Agent des Grafen Buchshevden. Alle diese Berichte sagen uns zwar nichts Neues hinsichtlich der Zustände int Innern des russischen Reiches, aber sie regen doch eigentümliche Gedanken all, die sich vielleicht dahin zusammensassen lassen, daß es für die Regierung eines großen Staates viel leichter und bequemer ist, platonisch zu schwärmen und mit Weltidealen, die doch nie verwirklicht werden, zu spielell, als ben Nöten des eigenen Volkes abzuhelfen und Frieden und Ruhe im eigenen Lande herzustellen. Freisinnige englische Politiker haben in der „Tillles" einen geharnischten Protest gegen jeden Vertrag Englands mit der russischen Regierung eingelegt. Ein solcher Vertrag, heißt es in dem Protest, werde den Kredit der russischen Regierung heben und diese in die Lage versetzen, sich erfolgreich an Europa wegen einer neuen Anleihe zn wenden, über die das russische Volk keine Kontrolle habe lmd die nur zur Stärkung der Autokratie gegen das russische Volk benutzt werden würde. Es wird ferner von den Unterzeichnern des Protestes befürchtet, daß das englische Volk ans Grund engerer Beziehungen zwischen den Regierungen sich stark an der russischen Anleihe beteiligen würde, und daß dadurch die politische Haltung Englands gegen Rußland so, wie dies schon bei Frankreich der Fall sei, beeinflußt werden könnte. Schließlich wird gegen jede diplomatische Beziehung zu einer Regierung protestiert, die mit gutem Recht im Verdacht der Judenverfolgungen, der Verwüstung des Kaukasus und der baltischen Provinzen und der Gefängnistorturen in Riga stehe. Wenn diese Grausalnkeiten auch nicht von der Petersburger Regierung ausgegangen seien, seien doch die schuldigen Beamten nicht bestraft, sondern befördert worden. Hoffentlich verhallen diese Worte nicht im Winde, sondern finden auch lauten Widerhall.