Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
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351 letzten beiden Jahre waren schlecht für den Getreideanbau, und die Meldungen, die uns vor wenigen Monaten zur Zeit der Getreideernte zugingen, waren äußerst beunruhigend. Die Ansiedler jedoch haben -- dank der Verschiedenartigkeit ihrer Erwerbszweige — nicht nur genug zu leben, sondern sind imstande, an uns eine jährliche Abschlagszahlung von rund 88 000 Mark zu leisten. Der Wohlstand ist nicht überall derselbe; er wechselt ost — je nach den Kolonien und auch innerhalb derselben — unter den einzelnen Kolonisten. Einige befinden sich in sehr guter Situation; man nennt in Mauritius einige Farmer, die aus ihren Molkereien jeder mehr als 30 000 Franken (24 000 Mark) gezogen haben, andere sind weniger glücklich. Doch ist im Durchschnitt eine gewisse Wohlhabenheit in unseren Kolonien festzustellen. Die Ansiedler leben gut, sie führen rin nns von Jahr zu Jahr größere Summen ab: So im Jahre 1900 . . 72 820 Franken 58 260 Mark „ 1901 . . 221 100 176 880 „ „ 1902 . . 189 160 „ 151 330 „ 1003 . . 175 780 „ . 140 620 lf „ 1904 . . 214 060 171250 1905 . . 464 640 „ 371710 „ 1906 . . 614 900 „ — 491 920 „ Dabei lassen wir noch beiseite die verschiedenen Einkünfte aus Terrains, deren Wert in derselben Proportion wächst. Für das laufende Jahr sind noch erheblich größere Zahlungen zu erwarten. Außerdem schicken die Ansiedler noch beträchtliche Fonds nach Nußland, um dortgebliebene Verwandte zu unterstützen (1906 — 168 000 Franken -- 130 400 Mark). Sie verschaffen einer immer größeren Zahl jüdischer Landarbeiter Beschäftigung, als es das Bevölkerungstableau des Jahresberichtes angibt; weiter machen einige sehr große Ausgaben, um ihren Boden zu verbessern, den Ertrag zu steigern. Endlich erlangt auch der Grund und Boden, auf dem sie wohnen und dessen Eigentümer sie werden, in beftinnnten Gegenden einen bedeutenderen Wert. Diesem materiellen Wohlstand entspricht die Entfaltung des sozialen Lebens. Es ist gerade so geregelt, daß es sich noch in voller Freiheit entwickeln kann. Die Kolonien sind gefestigt genug, um sich selbst zu verwalten. Sie sind bevölkert mit Leuten derselben Herkunft, derselben Sprache und derselben Bedürfnisse. Sie sind also so geartet, daß ein gutes Verstehen gegenseitig gegeben ist. Wir haben Gruppen gebildet, die aus durchaus gleichen Elementen bestanden, ein Umstand, der unsere Arbeit sehr komplizierte. In den Vereinigten Staaten hat man mit derselben Bevölkerung den Versuch gemacht, einzelne Farmen zu bilden, d. h. genauer gesprochen, mit dem umgebenden Volke sie zu vermischen. Doch ist man nach und nach davon abgekommen, da die Erfahrung gelehrt hat, daß die Gründung richtiger Kolonien vorzuziehen sei. Nunmehr, wo das Leben der Ansiedler gesichert ist, wo jede Furcht verschwunden ist — was auch für Enttäuschungen die Bearbeitung des Bodens bringe — ihren Unterhalt nicht zu finden, da können wir mit Vertrauen unserm Werk einen stärkeren Antrieb geben. Alles begünstigt seine Entwicklung, man kann in Argentinien noch weitere Landstrecken erwerben; wir haben zuverlässige Arbeiter, es sind die Leute, die ins Land gekommen sind, um als Ackerbauer ihr Leben zu fristen, die in unfern Kolonien ihre Lehrzeit durchgemacht haben und die wir nach einem oder zwei Jahren für reif erachten, als Ansiedler selbständig gemacht zu werden. Nachdem so die Methode festgestellt ist, die eine Entwicklung unserer Kolonien verbürgt, können wir zum mindesten das sagen, daß wir über ihre Zukunft ruhig sind. Ihre Blüte ist erleichtert worden durch den gesamten Aufschwung des Landes. Argentinien hat seit einigen Jahren, vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus, eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Das Land bedeckt sich mit einem Netz von Eisenbahnen, die Unternehmungen werden zahlreicher und umfassender, und Industrien, die auf die Landwirtschaft sich gründen, entstehen und blühen auf. Was braucht da der Landmann mehr? Die Kolonien in Palästina, die ihr Gründer so reichlich bedacht hat, um sie am Leben zu erhalten, verbessern sich gleichfalls. Das Land ist gut, der Boden fruchtbar, die Ansiedler haben genug Land und hinreichendes Kapital bekonnnen, um sich ohne irgend welche Unterstützung aus Schwierigkeiten zu ziehen. Wir haben die Mehrzahl unserer Verwaltungen aufgehoben, die Kolonien verwalten sich allein und die Kolonisten arbeiten in fleißiger, ernster Art. Die Regierung des Landes, die Art der Steuererhebung hemmen allein noch den Fortschritt der Besiedlung. Wenn ich so bei der glücklichen Entwicklung unseres landwirtschaftlichen Werkes verweilt habe, so tat ich es nicht nur deshalb weil es unsere Hauptarbeit darstellt, sondern weil es das Vorurteil widerlegt, das sehr weit verbreitet ist, die. Juden seien unfähig, Landwirtschaft zu treiben. Sie sind es wohl gewesen und waren es so lange, als man sie davon zurückhielt, aber das sind ja alte Geschichten, wenn auch gebildete Leute glauben, sie brauchten es nicht zu wissen. So hörte ich, wie ein Diplomat den osteuropäischen Juden den Vorwurf machte, sie trieben keine Landwirtschaft, und das sagte er von einen: Lande, wo es ihnen nicht nur verboten ist, Grund und Boden zu besitzen, sondern mehr noch, auf dem Lande zu wohnen. Ich hätte gern den Diplomaten aufgefordert, eine Reise in Argentinien zu machen, wenn es nicht so weit wäre; dort würde er sehen, mit welcher Zufriedenheit und welchem Erfolge Juden zur Landarbeit zurückkehren. Muß man denn aus Europa heraus, um ihre Befähigung zu dieser Arbeit zu erkennend Sind nicht in Rumänien die, denen rnan erlaubt, aus dem Lande zu wohnen, Arbeiter oder Pächter? Gibt es nicht in Rußland Ackerbaukolonien, vor alter Zeit geschaffen, die aus einen: von der Negierung beschränkten Terrain, das absolut unzureichend ist, alles herausziehen, was es hergeben kann? Gibt es nicht zahlreiche Familien, die in Bessarabien, in Podolren, in den Gouvernements von Cherson und Jekaterinvslaw und im Nordwesten von Ackerbau lebe::? In dem Territorium, in den: ihnen seit den: Mai 1882 das Wohnen auf dem Lande verboten war, haben die Juden rings um die Stadt eine blühende Gartenindustrie geschaffen. Unser Bericht sagt Ihnen, meine Herren, was wir seit sieben Jahren tun, um denjenigen Juden zu helfen, die ii: Rußland Acker- oder Gartenbau treiben. Aber heißt das genug getan, den Landarbeitern in Rußland zu helfen, wenn das Elend allgemein ist und unaufhörlich durch Verfolgungen vergrößert wird? Das ist nicht alles, was wir getan haben, um es zu mildern; wir haben das Unternehmen hygienischer Wohnungen zu billigem Preis für die Arbeiterfamilien in Wilna und Bobrinsk ins Leben gerufen, mit der Handlveberei h: Dobrowna, die 550 Weber beschäftigt, mit den Darlehnskassen zu Produktions- Hilfen in Homel, Bobrinsk und Wilna für Tischler, Seiler, eine Sammlung vor: Einrichtungen für den Volkskredit. Sie gewähren den Handwerkern und Kleinkaufleuten Vorschüsse, die diese in bewundernswerter Fähigkeit arbeiten lassen. Diese Kassen vermehren sich rapide. Voriges Jahr gab es 35, dieses Jahr sind 59 entstanden. Eine große Anzahl weiterer ist in Errichtung begriffen :n:d wartet nur auf die behördliche Genehmigung, um in Funktion zu treten. Die 35 Kassen, die wir im vorigen Jahre unterstützten — um von den neuen noch nicht zu sprechen — zählten 29 435 Mitglieder zur Mehrzahl Familienoberhäupter, so daß man die Zahl derer, die aus den Vorschußkassen Nutzen und Wohltaten empfingen, auf 150 000 schätzen kann. Diese Tätigkeit geht in einem Gebiet vor sich, das eine jüdische Bevölkerung von nahezu einer halben Million Seelen zählt. Die Kassen verfügten zu Jahresschluß über einen in: Umlauf befindlichen Fonds von 1 577 815 Rubel. Sie sind sehr gut fundiert. Der Betrag ihrer Reservefonds von 48 896 Rubel beweist hinlänglich den Erfolg ihrer Tätigkeit. Daher erfreuen sie sich auch des Vertrauens der dortigen Bevölkerung, die ihre Spargelder mehr und mehr in ihnen anlegt. Die Schuldner erfüllen ihre Verpflichtungen mit bemerkenswerter Pünktlichkeit, und aus diesem Grunde tragen die Einrichtungen sowohl zur moralischen Erziehung bei wie zur ökonomischen Hebung der Lage derer, die aus ihnen Nutzen ziehen. Sie haben iu: vergangene:: Jahr nach den Pogroms unschätzbare Dienste geleistet. Auch unsere Darlehnskassen in Galizien gedeihen iu gleichem Maße. Das Jahr 1906 brachte ihnen 1890 neue Anhänger, so daß sich deren Gesamtzahl auf 8639 beläuft, und weitere Kassen sind für dieses Jahr augesagt.