Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
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350 Sprache er nicht kennt, dessen Sitten ihm fremd sind. Schwer nur entscheidet er sich, aber er trennt sich aus eigenstem Willen; glücklicher als die. die vor ihm gingen, weiß er, wohin er geht, er kennt den Ort, an dem gut ausgenommen zu werden er begründete Aussicht hat, und an dem er Arbeit finden wird. Sind es doch oft seine Freunde, seine Verwandten, die ihn rufen. Und wenn man sich vor Augen führt, daß Verfolgung und Elend die Juden Ost-Europas bereits seit 37 Jahren in Massen nach Westen, speziell nach Amerika, treiben, da wird man nicht erstaunt sein, daß die Straßen jetzt gebahnt, die Wege geebnet sind, daß ein starker Strom auf ihnen sich ergießt und die Bewegung nicht nur andauert, sondern von selbst sich beschleunigt. Dieser Wandertrieb ist zu elementar, zu gewaltig, als daß unsere Gesellschaft, daß irgend eine andere Vereinigung, mögen auch der Einfluß und die Mittel, über die sie verfügt, noch so große sein, es sich anmaßen könnten, ihn zu regeln, zu lenken. Diese Tatsache verkennen, hieße glattweg der Tätigkeit ermangeln, die realen Grundlagen zu beurteilen. Damit ist aber nicht gesagt, daß es nicht unsere Pflicht wäre, einzugreifen. Vor allem hat die Stauung der jüdischen Bevölkerung in den großen Einwanderungshäfen, besonders in New?)ork, große Unzuträglichkeiteu verursacht, und wäre es auch nur eine zu große Konkurrenz bei der Arbeitssuche; deshalb geht unser Streben dahin, die Auswanderer in die verschiedenen Gebiete der Vereinigten Staaten zu verteilen. Ein Komitee, das in New Bork unter dem Namen „Removal Office“ (deutsch etwa: Weiterbeförderungs-Stelle) arbeitet, und dem wir die nötigen Mittel zur Verfügung stellen, hat es sich seit mehreren Jahren zur Aufgabe gemacht, dieses Gebiet zu bearbeiten und, wir können sagen, mit Erfolg zu bearbeiten; es hat von New Bork nach den Binnenstädten gebracht: 1901 1830 Personen 1902 3208 1903 5525 1904 6023 1905 ----- 6005 1906 6922 (Anmerkung: Diese Zahlen sind, um ihre Bedeutung zu ersehen, mit den für New Bork oben angegebenen Einwanderungszahlen zu vergleichen.) Die Weiterreise derer, denen wir geholfen haben, veranlaßt viele andere, ohne irgend eine Unterstützung aufzubrechen und sich über eine beträchtliche Anzahl von Städten zu verteilen, die keine jüdischen Einwohner hatten, so daß der Wirkungskreis der „Removal office" in Wahrheit ein viel weiterer ist. Um diese Verteilung zu begünstigen, ist es aber nötig, in Rußland selbst zu arbeiten, um die Auswanderer nach und nach dahin zu bringen, sich direkt in das Innere der „United States" zu begeben. Zu diesem Zweck braucht man sie nur mit den betreffenden Gebieten bekannt zu machen. Für diese Aufgabe scheinen ganz ausgezeichnet die „Comites d’informations" geeignet zu sein, die wir an fast allen wichtigen Verkehrszentren Rußlands vor ziemlich kurzer Zeit errichtet haben. Sie sind mit zuverlässigen Leuten besetzt, die in keiner Weise durch Sonderiuteressen beeinflußt sind, alle dieselben Verhaltungsmaßregeln befolgen und unter unserer Kontrolle stehen. Diese „Stellen" veranlassen niemanden, ausz uwandern, wohl aber orientieren sie die, die fortgehen wollen, dadurch, daß sie ihnen den Reiseweg angeben, die Dampfer nennen; sie nehmen sich ihrer bis zur Abreise an, indem sie an ihnen Elternstelle oder ab- > wesende Freunde vertreten, sie vor allem aber davor bewahren, daß die Auswanderer vor ihrer Abreise des wenigen Geldes beraubt werden, über das sie verfügen. Unter gewissen Umständen wird unsere Rolle minder passiv, als es die eben geschilderte Tätigkeit wäre. So war es beispielsweise nach den schrecklichen Pogromen des Jahres 1905. Die Juden hatten sich auf der Flucht vor Raub, Brand und Mord in großen Mengen in den Städten an der Grenze von Deutschland und Oesterreich angestaut. Sie wollten ihr Vaterland verlassen, ohne zu wissen, wohin sie gehen sollten und ohne die Mittel zu besitzen, auch nur einen Schritt zu tun. Und doch waren es keine Bettler, die in so trauriger Lage waren, es waren Handwerker, die von ihrer Arbeit gelebt hatten, geschickte Kaufleute, die — tags zuvor noch reich — durch den Pogrom ruiniert, wohl aber noch imstande waren, ihre Existenz ' wieder von neuem aufzubauen. In einer wunderbaren Blüte dev Nächstenliebe hatten die amerikanischen und europäischen Juden ansehnliche Fonds gesammelt, um diesen Unglücklichen beizustehen. Unsere Absicht war damals, die Summen für die auszuheben, die gezwungen waren, in Rußland zu bleiben, oder die man zurückführen mußte. Die Sorge für die Auswanderung haben wir mit anderen Wohltätigkeitsanstatten zusammen in die Hand genommen und die Auswanderer sind dahin aufgebrochen, wo sie ihre neue Heimat zu finden hofften. Auch in Rumänien haben wir vor wenigen Monaten eingreifen können. Dort mußten wir zahlreichen jüdischen Familien helfen, die durch^den Ausruhr oder durch Erlasse der Regierung aus ihrem Lande vertrieben worden waren. Das Hilfswerk wurde, was diejenigen anbetrifft, die nicht auswandern wollten oder konnten, durch Einrichtungen europäischer oder amerikanischer Komitees vollendet. Wir selbst übernahmen die Sorge für die Auswanderer. Die gesamte Aktion ging unter Leitung der „Wiener Allianz" vor sich. Ich kann Ihnen leider, meine Herren, keinen erschöpfenden Bericht unserer Tätigkeit aus diesem Gebiete geben. Wenn ich noch länger dabei verweilen könnte, würde ich Ihnen von all den Einrichtungen gesprochen haben, die in den Vereinigten Staaten die jüdischen Gesellschaften für die Einwanderer gegründet haben, und zu deren Unterhaltung wir einen großen Beitrag geben. Ich würde Ihnen auch von der Tätigkeit der „Gesellschaft von Montreal" berichtet haben, die mit dem Empfang und der Plazierung der Einwanderer in Kanada beauftragt ist. Ich beschränke mich daraus, ihnen anzukündigen, daß sich soeben ein neues Komitee in Montreal gebildet hat, um den Bedürfnissen der wachsenden Einwanderung zu entsprechen. Ich begnüge mich hiermit, nur einen Punkt zu behandeln, ans den ich Ihr Augenmerk unbedingt lenken möchte, das ist der unbestreitbare Ersolg unserer landwirtschaftlichen Ansiedlungsarbeit, und besonders unseres ältesten Unternehmens, das seine Existenz unserm Gründer verdankt: die Kolonisation in Argentinien. Sie kennen die überaus großen Schwierigkeiten, die im Anfang sich entgegenstellten, sie wohnten zum größten Teil dem Unternehmen selbst inne, das sehr verzweigter Natur war. Es galt da ohne daß man sich von irgend einer Erfahrung hätte leiten lassen können, denn nicht einmal Aehnliches war vor uns versucht worden — mit Menschen, die bas Land nicht kannten, nicht seine Sprache, nicht die Besonderheiten seiner Bebauung (ja die meisten überhaupt des Ackerbaues unkundig), mit diesen galt es jüdische, landwirtschaftliche Ansiedlungen zu schaffen. Das heißt, nicht nur lose Gruppen jüdischer Ackerbauer, sondern wirtschastlich streng geregelte Gebilde, denen eine genügende Lebenskraft inne wohnen sollte, zu leben und sich zu entwickeln. Diese Schwierigkeiten wuchsen infolge unglücklicher Zufälle wie aus den Umständen heraus. Die ersten Kolonisten, die man angesiedelt hatte, ließen viel zu wünschen übrig. Die Grenze war zu verwischt zwischen reiner Wohltätigkeit und der Kolonisation im engeren Sinne. In Anbetracht des unsichern Vorgehens und der vielen Fehler, die begangen wurden, kann man sich nicht wundern über die langsame Entwicklung des Unternehmens, und daß uns keine Kritiken erspart geblieben sind, darüber wird man noch weniger staunen. Wir gingen darauf aus, ein Merk zu errichten, nicht eines das die Augen blendete, sondern ein solides Werk, dessen Entwicklung keine künstlich hochgetriebene, vielmehr ein Resultat seiner eignen, ihm innewohnenden Lebenskraft sein sollte. Und das haben wir glücklich erreicht. Die Ansiedler, die mit dem Anbau von Getreide angesangen hatten, waren oft durch klimatische Unfälle, durch Invasion von Heuschrecken in ihrem Ausstreben znrückgeworfen worden. Nach und nach lernten sie es aber, der Bodenkultur dem Zufall in geringerem Maße ausgesetzte Erwerbsarten hinzuzufügen: so die Viehzucht, Geflügelzucht, Molkereien mit Luzernenfütterung und andere. Außerdem haben sie mit der zunehmenden Erfahrung ihre Felder ausgebessert. Somit ist ihre Lage heut gesichert, ihr Leben befestigt. Was für Unsicherheiten auch eintreten mögen, was für Zufälle sich in der Kultur ereignen, immer werden sie aus ihrer Arbeit genügende Hilfsquellen ziehen, nicht nur für ihren Unterhalt, sondern auch um ihre Schulden gegen unsere Gesellschaft abzuzahlen. Die Kolonie „Moisesville" bietet jetzt gerade hierfür einen ergreifenden Beweis. Die