Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin 8^., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. ... Die Generglllkrskimmlung der „Jewish Cölonization Association“. Berlin, 23. Juli. ie Generalversammlung der „Jüdischen Siedelungsgesellschafl" fand in Paris in der vorigen Woche unter dem Vorsitz des greisen Herrn M. N. Leven, des Vorsitzenden des Verwaltungsrates, statt. Der Leiter der Versammlung stellte zunächst fest, daß die Sitzung ordnungsmäßig einberufen sei. Hiernach wurde das Protokoll der Sitzung vom 1. d. Mts. genehmigt und der Jahresbericht über die Tätigkeit der Gesellschaft im Jahre 1906 sowie die Bilanz des verflossenen Geschäftsjahres und die Bestätigung ihres Richtigbefundes durch einen vereidigten Sachverständigen, der die Bücher der Gesellschaft geprüft hat, vorgelegt. Nach Genehmigung vorbenannter Berichte ergriff der Vorsitzende das Wort zu seinen Ausführungen. Wir erhalten darüber den folgenden Bericht: Der alljährliche Rechenschaftsbericht, den wir die Ehre haben, Ihnen hiermit zu überreichen, gibt Ihnen ein möglichst getreues Bild von unserer Tätigkeit im vergangenen Jahre. Wie Sie selbst sehen, nimmt diese unsere Tätigkeit die verschiedensten Formen an: Ansiedlung auf dem flachen Lande, Organisation der Auswanderung, Schulwesen. Darlehnskassen, und so fort.. . . und sie verteilt sich aus zahlreiche Punkte des Erdballs. Diese Vielgestaltigkeit und die weite Verzweigtheit unserer Arbeiten, die alle wieder demselben Ziele zustreben, lassen es mir geraten erscheinen, Ihnen in einigen Worten unser Werk in großen Linien zu zeichnen und Sie mit den Resultaten bekannt zu machen, die wir bisher erreicht haben. Wie Sie alle wissen, ist unsere Gesellschast von Baron von Hirsch gegründet worben, mit dem Zwecke, denjenigen Juden zu Hilfe zu kommen, die in ihrer Heimat Ausnahmebestinnnungen unterworsen sind und die unter Verfolgungen zu leiden haben. Seine Erfahrung hatte ihm den Rettungsweg für diese Unglücklichen gewissen: Auswanderung und Ansiedlnng in sreien und freiheitlichen Gebieten. Als Hauptziel hat er uns die Ausgabe gestellt, jüdische Kolonien zu schaffen und auszubilden, eine Aufgabe, die durch ihre Mannigfaltigkeit und Schwierigkeiten die ganze Kraft einer Gesellschaft wie die unsere erfordert. Tie Regelung der Auswanderung von russischen und rumänischen Juden nach überseeischen Ländern und in hervorragendem Maße ihre Ansiedlung auf dem Lande, standen immer im Vordergrund unserer Bestrebungen und werden immer diesen Platz behaupten. Denn die Lage unserer Glaubensgenossen in Osteuropa ist bejammernswert, heut wie ehedem, weit entfernt davon, sich verbessert zu haben, seit Baron von Hirsch sich zuerst mit ihrer Unterstützung beschäftigt hat. Rumänien setzt nicht aus, sie zu knechten, und wir hatten — es ist erst einige Monate her — das traurige Schauspiel eines Bauernaufstandes, der, gegen die Juden gerichtet, in überaus brutalen Angriffen aus alle Grundbesitzer ausartete und dann gekrönt wurde durch neue Maßregeln der Negierung gegen unsere Glaubensgenossen. Die damals fliehen mußten, oder die man ans ihrer Heimat vertrieb, wollen nunmehr auswandern, als einzigen Ausweg, der einem guten Teil von ihnen zusteht. In Rußland, wo sich die blutigen Eindrücke des Jahres 1905 nicht abgeschwächt haben, waren die Juden noch in den ersten Monaten des Jahres 1906 Angriffen ausgesetzt. Keines der Ausnahmegesetze, mit denen sie so überreichlich bedacht sind, ist aufgehoben, und obwohl die religiöse Freiheit durch den Ukas vom Oktober 1905 allen Russen versprochen worden ist, ist die Emanzipation der Inden nur eine vage Hoffnung inmitten der Angst der Gegenwart. In dieser Lage gilt das Programm des Gründers unserer Gesellschaft wie nie zuvor. Wir haben es befolgt, noch mehr, wir haben es erweitert dadurch, daß wir eine große Anzahl von Einrichtungen getroffen haben, die bestimmt sind, der Hebung des wirtschaftlichen und kulturellen Niveaus unserer Glaubensgenossen zu dienen. Und uns zur Sette sind weitere jüdische Organisationen getreten, die ans andern Wegen in verschiedenen Ländern demselben Ziel znstreben, und die gleichfalls ein weites Betätigungsfeld gefunden haben. Die Judenfrage ist so verwickelt, so umfassend, daß sie eines Wettkampfes aller Kräfte wert ist, ja seiner bedarf. Jeder kann sein Gebiet haben und nutzbringend bearbeiten, wenn er es nur abzugrenzen und derart zu ordnen versteht, daß er seine Methode der Gesamtarbeit füglich einpaßt. Infolge der Verwirrungen, die in Rußland Platz gegriffen haben und der Vermögensschädigungeu, die sie nach sich zogen, war die Auswanderung im Jahre 1906 besonders stark. Nach den Bereinigten Staaten wunderten 186 089 Personen aus. Hieraus geht hervor, daß — selbst wenn wir die beklagenswerten Ereignisse in Rußland in Betracht ziehen — die Auswanderung nach diesem Lande in den letzten Jahren unaufhörlich gewachsen ist. Allein für New Pvrk gibt uns unsere Statistik folgende überaus lehrreiche Zahlen an die Hand: Es wanderten im Jahre 1901 in New Rvrk ein 88 565 Personen 1902 57 641 1903 63 550 1904 104 870 1905 88 533 1906 156 964 Weniger genau bediente uns unsere Zählung in Kanada, für das man die Einwanderungsziffer für das Jahr 1906 mit rund 9000 veranschlagen kann. Bleibt noch die Republik Argentinien, zu derber Weg bei den russischen Auswanderern bisher noch wenig bekannt war. Doch fängt dieses Land an. dank unfern Kolonien, eine große Zahl unserer Glaubensgenossen aufzunehmen: 13 500 von ihnen haben im letzten Jahre seinen Boden betreten. Wir sind weit von einer Zeit entfernt, in der man die Auswanderung Hervorrufen, in ihren Einzelheiten organisieren müßte; das Charakteristikum der gegenwärtigen Emigration ist vielmehr ihre Freiwilligkeit. Es will etwas heißen, sich von seiner Heimat loszumachen, die der Jude liebt, trotz all der Leiden, die sie ihm anferlegt, und sich eine Existenz zu begründen in einem Land, dessen