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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-19 · Heft 29 (19.7.1907) · p. Seite 348

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 348 (sequence 12)
Language
German
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Fürsorge dehnte sich auch auf den Vater aus. Sie hielt darauf, daß er sich Ruhe gönnte, daß er Erholung fand in frischer Lust und ging auch selbst, als es sich nun merklich besserte, in der Zeit, wo sie ihn am Bette wußte, hin und wieder ans. In Rubens Herz schwand bei ihrem Walten der letzte Rest des unbewußt gehegten Vorurteils gegen die Christin. Er sah in ihr nur noch die Tochter, die künftige Gattin seines Sohnes. Er lernte sie kennen besser noch als zuvor, und wunderte sich des Schatzes reicher Liebesfülle, den dieses einfache Mädchen in seinem Innern barg. So kam es, daß nach vielen langen Wochen der liebe Kranke wieder wohl verwahrt auf dem alten Sofa sitzen konnte, zwar sehr verändert und schwach noch, aber doch glückselig in dem köstlichen Gefühl wiederkehrender Gesundheit. Zu seiner Rechten saß sein Vater, links am Tische das junge Mädchen, mit einer Näharbeit beschäftigt. Rüben hatte Briefe vorgelesen, die die Geschwister geschrieben, welche in herzlicher Liebe nach dem Bruder verlangten. Auch aus dem fernen Rußland waren warme Zeilen eingetroffen von Georg; denn diese beiden Brüder, im Alter am nächsten, hingen ganz besonders aneinander. — Zuletzt hatte der Vater noch einen großen, geschäftlich aussehenden Brief entfaltet und saß nun, nach Beendigung desselben, in Gedanken versunken. „Unangenehmes, lieber Vater?" „Nein, nur vermehrte Arbeit, Geschäftsanfträge, die Pinkus allein nicht überwältigen kann. Zu lange war ich abwesend; ich werde reisen müssen, sobald Du kräftiger wirst. Und — dainit ich Dich ruhigen Herzens in dieser guten Pflege lassen kann," sagte er, herzlich auf das junge Mädchen schauend — „so möchte ich noch, bevor ich reise —" Er brach ab. Wie schwer es ihm doch wurde, zu schwer, — trotz alledem. Er stand auf und ging, wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte, mit auf dem Rücken gekreuzten Händen auf und ab. Er schien so leichter sprechen;u können, denn er fuhr bedächtig fort: „Ich will für eine luftige, gesunde Wohnung sorgen und bleibe noch, bis ihr verbunden seid. Dann kommt Ihr zunächst zu uns. Dich in unserer reinen, frischen Luft vollends zu kräftigen, Julius. Veits geben Dir schon Urlaub. Später richtet Ihr Euch in Ruhe hier Euer Nest. Nicht wahr, so ist es Euch doch recht?" Das klang wohl scherzhaft und doch so eigentümlich gepreßt. " „Vater!" rief Julius, während tiefe Röte sein bleiches Gesicht färbte. „Unser junger Freund," sagte Rüben abgewandt und ihn unbeachtet lassend, „wird alles schon auf das zarteste ordnen, Dich vorbereiten. Er soll Euch dann in aller Stille trauen." Eine Pause folgte diesen Worten; unablässig wanderte Rüben auf und nieder. Julius schwieg in unterdrückter Erregtheit und sah Ernestine an. Diese hatte den Kopf so tief auf die Arbeit gesenkt, das; man nur den braunen, welligen Scheitel gewahrte. Julius sah die Nadel in ihrer Hand beben; dann sah sie plötzlich aus und sagte mit sanfter, ruhiger Stimme: „Nein, Herr Vater, das soll er nicht." „Wie, Kind!" rief Rüben, stehen bleibend, erstaunt. „Bedenke doch Julius' Zustand — und — ich meinte, eine stille Trauung sei auch in Deinem Sinne!" „Ganz gewiß. Reinhold aber soll uns nicht trauen." lSchluß folgt.) Line Mutter. Von Schalom Asch. Deutsch von F. Hurwitz. III. bends nach Hause gekommen, kocht sie schnell das Essen, verteilt es an die Kinder und laust zum Dajen hinüber, um ihn; den Brief zu zeigen. Sie betritt seine Stube. Große Schränke mit Talmudbüchern bedecken ringsherum die Wände, ein ehrwürdiger Jude mit langen; weißen Bart sitzt an einem Tische und blickt in ein Sefer. „Was, eine „Schaale"? frägt er ans der Ferne. „Nein." „Was denn?" „Ein Brief von meinem Jizchokel." Der Dajen steht auf, geht auf sie zu, schaut sie an, ninunt bei ihr den Brief und beginnt leise zu lesen. „Gut, ausgezeichnet, großartig . . . Der Kleine versteht was," spricht der Dajen vor sich hin. Tauben fließen Tränen aus den Augen. „Ach, wenn dies mein Mann wenigstens erlebt hätte, wenn er dies erlebt hätte!" Der Dajen fährt fort, zu lesen. Dann gibt er ihr den Brief zurück: „Da habt Ihr den Brief, ich habe ihn schon durchgelesen." „Nun, was?" fragt die Frau. „Was? Was wollt Ihr denn?" „Was steht im Briefe?" fragt sie leise. „Dies ist nicht für Euch — Ihr werdet dies nicht verstehen," erwidert er lächelnd. * * * Jizchokel schreibt weitere Briefe nach Hanse, aber jedesinal enthalten sie .mehr hebräische Worte. Hie und da ist auch ein Gruß an die Mutter dabei; sie kommt zu Reb Jochenen, der liest ihr die jüdischen Worte vor. Eines Tages bekommt sie einen Brief von Jizchokel. Sie geht zu Reb Jochenen, damit er ihr ihn vorlese. „Es ist nichts für Euch drin," sagt er ihr, nachdem er den Brief gelesen. „Wie ist das möglich?" „Gar nichts," antwortet er kurz. „Leset wenigstens das Hebräische." „Dies ist nur Thora, Ihr werdet nichts verstehen." Abends geht sie zum Dajen und bittet ihn, ihr den Brief vorzulesen. Er meint auch, dieser enthalte nur gelehrte Abhandlungen, von denen sie nichts verstehen könne. „Nun gut, werde ich auch nichts verstehen," sagt sie, „aber ich höre doch wenigstens, es ist ja Thora meines Kindes!" Der Dajen erklärt ihr gütig, daß dies absolut unmöglich sei, und gibt ihr den Brief mit mitleidiger Miene zurück. * * * Als Taube nach Hause kommt, setzt sie sich an den Tisch und beim Scheine des verrauchten Lämpchens betrachtet sie stumm das Briefchen. Sie küßt den Brief, dann erinnert sie sich, daß es vielleicht eine Sünde sei, daß sie als Frau solch heiligen Brief mit ihren Lippen berühre. Sie steht auf, nimmt aus den; Bücherschränkchen das Gebetbuch ihres Mannes und legt zwischen dessen Blätter den Brief hinein. Mit zitternden Lippen küßt sie den Einband des Gebetbuchs und stellt es in den Bücherschrank zurück. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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