Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228774--63682-3297600- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
347 guten Ruf und in diesem Betracht wäre es Wohl zu wünschen, daß der Besitz eines Hauses ihrn einen besonderen Bewegungs-Grund an die Hand gebe, Bromberg nicht wieder zu verlassen." Es seien zwar sonst noch zwei Aerzte da, der „Creiß-^d^sjeus" und der Regimentschirurg, aber auch „zahlreiches" Publikum. Der Kreisphysikus müsse Zudem viel reisen, und diese Reisen fielen vorzugsweise in die Zeit, in welcher auch der Regimentschirurg abwesend zu sein Pflege. Trotz aller dieser Fürsprache erreichte Sobernheim nichts. Der König erwiderte am 22. September 1804: „Das Gesuch ist den Gesetzen entgegen und kann also nicht stattfinden.'" Die Kammer- Deputation sei bei Beverm darüber schon belehrt worden und „hättet Euch also jenes Antrages enthalten sollen". Gegen diesen Bescheid versuchte Sobernheim keine weiteren Demonstrationen. Für ihn hingen an dem Hauskauf nicht solche vitalen Interessen, wie schließlich für Salomon und Levin. Auch war, wie es sein oben mitgeteiltes Schreiben zeigt, Sobernheim eine Natur, der jede Aufdringlichkeit zuwider war. So blieb der dritte, von jüdischer Seite in Bromberg nach der eingangs bezeichneten Richtung hin unternommene Versuch der erste bloße diesbezügliche Versuch. Versöhnung. Von M. Herzberg. X. ^7 üben betete: „Nnr leben — leben, alles, alles, Herr, NIN diesen Preis! Ein Zeichen Deiner Huld und göttlichen Barmherzigkeit! Schone sein Leben, laß ihn mir!" Was war das? Die Antwort? Sie kam von seinem Sohne. Die Klagerufe waren verstummt, statt dessen leise, wie ein Hauch, erhob sich ein Gesang. Alte, heilige Melodien, die er von Kindheit an so sehr geliebt, sie schwangen sich auf so leicht, so rein, so mild, als wollten sie zum Frieden bringen all' die Kämpfe dieser Menschenbrust: „Kehre zurück meine Seele zu Deiner Ruhe!" War es unbewußte Todessehnsucht, die mit dem ergreifenden Gebete schloß? Die süße Stimme tönte leise wie Sphärenklang, so überirdisch, so himmlisch, dann verhallend und ersterbend, als sei sie wirklich der Schwanengesang der scheidenden Seele, die zurückznkehren sich bereitet zu dem Urquell, von dem sie ausgegangen. Rüben konnte es nicht ertragen, es zerriß ihm das Herz. Ihn übermannte das Weh, und er wandte sich ab und weinte. Am Morgen nach dieser Nacht sprach Rüben mit der Colberg. Nein, sie habe inzwischen nichts von Mamsell Fleinert gehört; sie sei vermutlich noch in Striegau. Die Adresse der Tante dort wisse sie nicht. Rüben war konsterniert. Was nun? Striegau war nicht so groß, aber immerhin ergab die Unkenntnis des Namens der Verwandten Schwierigkeiten und erforderte persönliche Nachforschung, und das jetzt, wo er körperlich und geistig gebunden und die Zeit so kostbar war! Er zog Reinhold ins Vertrauen. Dieser war ihm ein Schatz, seinem Sohn ein wahrer, uneigennütziger Freund geworden. Seit Rüben ihn von allen Pflichten am Krankenbette entbunden, hatte er sich unermüdlich und willig allen Aufträgen und Außendiensten im Interesse des Kranken gewidmet. Vielleicht daß er auch diesen wichtigsten nun übernähme. Ob er ihm die Liebe tun, die Reise machen würde, fragte Rüben angstvoll. Rasch hieße es sein und klug, auf Polizei und Aemtern nachzuforschen. Alles, alles müßte er daran setzen, nicht Geld noch Mühe sparen, das Mädchen unverzüglich anfzufinden. Und dann folgten Beteuerungen der Dankbarkeit, die Reiuhold freundlich abwehrte. Er sei glücklicherweise frei die Woche und bereit, für Julius zu tun, was in seinen Kräften stände. Sei sie irgend anfzufinden, so wolle er sie bringen. Am selben Tage noch fuhr er ab. Rüben zählte die Stunden. Denn nun endlich war er ganz und fest entschlossen, nun endlich war es in den Staub gebeugt, das stolze, widerspenstige jüdische Herz. Sie sollten sich angehören, sobald als möglich. Ihm war jetzt als hinge an der Verbindung mit dem Mädchen des Sohnes Leben. Jener Schwanengesang war, ihn erleuchtend, in sein Herz gedrungen. Nicht mehr fürchten brauchte er, daß er als Christ aufhören würde Jude zu sein. Er blieb doch seinem Gotte treu; derselbe Allvater blieb er ihm auch dann. Das war ja doch im Grunde alles, alles! Er baute auf des Herrn Barmherzigkeit, auf das Zeichen, das er ihm durch Julius selbst gegeben. Wenn sie nur käme bald, bald, daß es auch dazu nicht zu spät! Er hatte Reinhold aufgetragen, ihr alles zu sagen, wenn er sie fände; sie würde kommen, das fühlte er. Aber wenn er Tag und Nacht reistevorausgesetzt noch, daß sie gleich ermittelt worden, es mußten Tage im besten Falle vergehen, und Wochen, Monate dünkten sie der qualvollen Ungeduld des Vaters. Denn noch gab der Arzt nicht Hoffnung. Die Krankheit sei zu heftig ausgetreten, abnorm langwierig der Verlauf. Die Krise sei noch fern, weil wohl die Jugendkraft, erschöpft, zum Widerstande sich nicht rüste. Abwarten und Geduld! Still und anteillos, wenn ihn das Fieber ruhen ließ, lag der Kranke; nur seine Augen lebten, die großen, sehnsüchtigen Augen. „Schlafe, mein Liebling! Versuche zu schlafen! Der Arzt sagt, Schlaf sei Dir so nötig, er bedinge Deine Heilung. Willst Du nicht? Komm, versuche doch!" Gehorsam schlossen sich die blauen Augen. Es war am Abend, eine Woche fast nach Reinhvlds Abreise, als Rüben, die Hand des Sohnes in der seinen haltend, diese Worte sprach. Den Atem anhaltend, schaute er auf die geschlossenen Lider und saß regungslos. Vielleicht, daß er nun kam, der heißersehnte Schlaf und ihm die Genesung brachte. Da plötzlich fuhr der Kranke wieder empor. Er versuchte sich anfzurichten, vom Vater unterstützt. Die weit offenen Augen brennend auf die Tür geheftet, überflog ihn heftiges Zittern und Erschauern. * „Wer kommt da, Vater?" „Niemand, mein Herzenskind — ich höre nichts — das Fieber quält Dich, mein armer Sohn," sagte Rüben, fast verzweifelt. „Doch — doch — der Schritt — ich kenne ihn — das ist — Tinel!" rief er, die abgezehrten Arme ausbreitend. „Tinel! Du! Endlich - endlich - Du Ja, sie war es. Seine Seele hatte ihr Nahen vernommen. An seinem Bette hingesunken hielt sie ihn wortlos an ihrem Herzen. * £ Nun war die Sehnsucht gestillt, das so lang verschwiegene, namenlose Verlangen. Ihm folgte endlich zögernd die Genesung. Seit ihrer Rückkehr hatte Ernestine mit dem Vater die Pflege geteilt. Er sah sie leise und geräuschlos walten, so umsichtig und geschickt, als sei das von jeher ihr eigenster Beruf gewesen. Das Zimmer selbst bekam durch ihre Gegenwart ein ganz anderes, freundliches, hoffnungsvolles Ansehen. Nicht nur ihrem Julius diente sie unermüdlich Tag und Nacht; ihre