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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-19 · Heft 29 (19.7.1907) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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Momente aus den Berührungen zwischen den beiden, vielfach so wahlverwandten Geistern auch in ihren späteren Jahren hervorgehoben. Als der vielbeschäftigte Advokat im März 1835 seinem Freunde in Paris den Vorwurf machte, Saß er so kurz und so selten antworte, schrieb Heine unter dem 22. März des genannten Jahres zu seiner Entschuldigung: „Ich stehe mit niemandem in Briefwechsel ans dem Grunde, weil ich nur kurz antworte auf lange Briese, die mir nie lang geling sind. Ihr aber, was Ihr nie bedenkt, seid im geruhsamen Deutschland, wo jeder Tag 25 Stunden hat. Ich aber bin an einem Ort, wo sich die Zeit kaum, selber die Zeit nimmt zu verfließen; ich habe hier gar keine Zeit. Sie können sich gar keinen Begriff davon machen, wie viele zerstreuende Erscheinungen mich umwogen, wie viele Not, Unsinn, Lebenskampf, Liebe und Haß mir um die Ohren saust. Was Sie in Deutschland etwa von mir hören, ist nur ein gelindes Echo hiesiger Schwertschläge. Ich bitte, schreiben Sie mir viel und oft, in späteren ruhigeren Tagen verspreche ich Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wie wäre es, wenn Sie mir alle sechs Wochen einen sehr großen Brief über die politischen und literarischen Vorgänge in Norddeutschland schrieben, die ich in fortlaufender Reihe auf französisch übersetze und in der „Revue: des deux rnondes" abdrucken lasse. Auf Verschwiegenheit von meiner Seite dürfen Sie rechnen. Sie dürfen sich in dieser Korrespondenz ohne Gefahr Ihrer ganzen Laune überlassen und da Sie diese Mitteilungen ganz faktisch halten würden, wie es nötig ist, so dürfen wir uns viel freundlichen Spektakel dadurch versprechen. Ja, ich bitte Sie, beginnen Sie gleich und machen Sie, daß ich bald den ersten Brief erhalte." Im November 1836 besuchte Detmold den Dichter in Paris, und zwischen beiden Männern entwickelte sich von da ab ein noch innigeres und bis an ihr Lebensende dauerndes sympathisches Verhältnis. Wie Hüffer richtig bemerkt, scheint Detmold mehr wie irgend ein anderer mit des Dichters häuslichen Verhältnissen, seineil Freuden und Leiden bekannt geworden zu sein. In allen Lagen des Lebens des großen Lyrikers war er dessen intimer Vertrauter. Er war z. B. auch nahe beteiligt an einem Vorfall, der durch Mathilde Mirat, die Gattin Heines — er heiratete sie bekanntlich am 31. August 1841 — ohne ihre Schuld herbeigeführt wurde und für den Dichter sehr gefährlich werden konnte. In französischen und deutschen Zeitungen wurde im Frühjahr 1837 von einem Duell berichtet, das Heine für die Ehre der deutschen Nation bestanden haben sollte. Die Sache verhielt sich aber nicht ganz so, vielmehr hat vor 27 Jahren ein Augenzeuge des wirklichen Vorganges, Dr. H. de Massarellos, den Fall also dargestellt: „Am 29. April 1837 kam in der Frühe mein Uuiversitätsfreund, Dr. H. Detmold, in großer Ausregung zu mir und erzählte, daß er tags zuvor mit unserem Freunde Heinrich Heine und dessen nunniehriger Witwe, der damals reizend schönen Mathilde, im „Boeuf a la mode“, rue des bons enfants, einem in jener Zeit sehr beliebten Beslaurant bourgeois, diniert habe. An einem Nebentische dinierten sechs französische Studenten. Diese verfehlten nun nicht, mit der schönen Nachbarin aufs auffälligste zu kokettieren und anzügliche Reden fallen zu lassen, bis endlich Heine in seiner bekanntlich grenzenlosen Eifersucht plötzlich anfstaud und dem nächsten der jungen Herren eine eklatante Ohrfeige gab. Detmold ,nachte dazu den Witz: der Wirt habe auf.seiner Speisekarte unter omelette soukllee nunmehr auch ein „8onktlet ä la Heine“ zu setzen. Die jungen Leilte sprangen ans uild gingen mit Messern und Stühlen aus Heine los. Ter Skandal war natürlich arg, bis endlich der Wirt, die Kellner und noch einige anwesende Gäste sich ins Mittel legten und Heine gegen seine, sechs Angreifer in Schutz nahmen. Karten wurden ausgetauscht, und an Heine erging sofort eine Forderung auf Pistolen. Der Beleidigte war ein etudiant de Pecole de droit, de L .. , von altadliger Familie. So die Erzählung Detmolds, mit welchem ich nun sofort zu Heine ging. Diesen fand ich sehr aufgeregt; er bat mich, den bösen Handel zu entwirren und ihm zu sekundieren. Als zweiten Sekundanten — Detmold war zu zartfühlend,um sich als Gibbosus eventuellenSpötteleien auszusetzen — wählten wir den jungen Grafen Gurowski, einen in der baute volee, zumal int Jockeyklub, sehr beliebten Polen. . . . Die Parteien trafen sich am 1. Mai im Wald von Saint-Cloud, aber Heines Sekundanten, besonders den Bemühungen Massarolles, gelang es, den Streit beizulegen, dem Dichter wurde sogar die persönliche Entschuldigung und Abbitte, zu der er sich bereit erklärt hatte, erlassen. Man weiß, daß er sich einige Jahre später mit S. Straus;, dem Gatten der Jeanette Wohl und treuem Freunde Ludwig Börnes, tatsächlich duellierte, doch verlief auch dieser Zweikamps unblutig für ihn." Seit dem hier erzählten Vorfall interessierte sich auch Mathilde für den ritterlichen und klugen Freund ihres Gatten, und auch sie schrieb ihm nach seiner Rückkehr nach Hannoverkurze Briefe voll freundschaftlicher Empfindtingen. Noch ungenierter und offenherziger gibt sich der Dichter in seinen brieflichen Ergüssen an den Freund und Gesinnungsgenossen in Hannover. Er beichtet darin über alles und jedes, überfeine literarischen Pläne, sein häusliches Glück, sein Verhältnis zu Mathilde, halb scherzend, halb ernst, und auch über seine übrigen Familienmitglieder, namentlich seinen Vetter Karl Heine in Hamburg, mit dem er, weil dieser nicht im Geiste des alten Salomon Heine verfuhr und den Dichter nicht ausgiebig unterstützte, bekanntlich Jahre lang in heftiger Fehde lebte, was in ausgiebigster Weise auch die Oeffentlichkeit beschäftigt hat. Aus verschiedenen Briefen Heines an Detmold ersieht man zugleich, wie sich der Dichter des Freundes und Advokaten in Hannover zu bedienen suchte, um durch ihn auf seinen Bruder Max und durch diesen auf seinen Onkel Saloinon Heine zu wirken, — welcher Umstand deutlich genug dafür Zeugnis ablegt, daß auch das Verhältnis des Poeten zu dem reichen Onkel in Hamburg viel zu wünschen übrig ließ. Heinrich Heine und seine Gattin waren auch von dem persönlichen Umgang Detmolds entzückt, denn er war ein geistreicher Causeur nicht allein in seinen Schriften, sondern auch in seinem Leben, immer witzig, heiter, frohgelaunt und voll unverwüstlichem Humor. Von jener Zeit ab schrieb Heine sowohl von Hamburg wie von Paris aus recht fleißig an Detmold, und diese Zuschriften sind für die Biographien beider von besonderem Wert und Interesse. Während der langen Jahre des Siechtums des armen Heine auf der Matratzengruft und der pvlitifch-parlautentarischen Tätigkeit Detmolds floß die Korrespondenz zwischen beiden nur spärlich. Doch hörten die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden nicht auf. Die letzte Zuschrift, die wir von Heine an Detmold besitzen, ist aus Paris, den 3. Oktober 1854, also anderthalb Jahre vor dessenTode, datiert und sie legt aufs neue Zeugnis davon ab, daß selbst noch nach drei Jahrzehnten, innerhalb welcher eine auf gegenseitige literarische und persönliche Wertschätzung und Anerkennung fußende Freundschaft nie durch Mißverständnisse oder Zwistigkeiten getrübt wurde, die Herzen beider noch immer warm für einander schlugen. Der Brief beginnt mit den Worten, daß der ältere Meister, welcher „lähm und kaduk" sei, sich an den jüngeren Meister wende, damit ihm dieser durch seine noch frische Kraft und sein ungeschwächtes Ingenium beistehen solle. Dann sagt er wörtlich: „Mit Campe haperte ich in der fatalsten Weise, und nur durch die größten Geldopfer erwarb

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