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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-19 · Heft 29 (19.7.1907) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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In Göttingen war es, wo der Student mit dem jüngsten Bruder Heinrich Heines, Max, dem späteren Arzt und russischen Staatsrat, bekannt wurde. Dieser und viele noch andere Göttinger Freunde mögen dem damals zwanzigjährigen Jüngling Anregung oder Mut gegeben haben, sich im Frühling 1827 an den schon damals berühmten Verfasser des „Buches der Lieder" zu wenden, damit dieser seinen jüngeren Bruder in Apoll in dessen literarischen Bestrebungen fördere. Hermann Hüffer hat in einem interessanten Essay diese Beziehungen zwischen Heine und Detmold geschildert, sowie die bis dahin ungedruckten Briefe des ersteren an den Jüngling ,nitgeteilt, wobei es nur zu bedauern ist, daß wir nur die Heines, aber nicht Detmolds besitzen. Aus all diesen Kundgebungen des ungezogenen Lieblings der Grazien ist deutlich genug die Liebe und Hochachtung ersichtlich, die er für den strebsamen und talentvollen Jüngling hegte. Es war keine dichterische vergängliche Laune, die Heine an Detmold fesselte, sondern die Erkenntnis von dem Wert der geistigen Kapazität- sowie die Persönlichkeit des Mannes, dessen Charakter und Gesinnungsadel er von Jahr zu Jahr mehr zu schätzen lernte. Der erste Brief Detmolds traf Heine in England, wohin er sich Ende April 1827 begeben und dann von London aus mehrere Ausflüge in das nahe Seebad Ramsgate gemacht hatte. Von dort aus beantwortete er auch den Brief des jungen Mannes in freundlich eingehender Weise. In der vom 28. Juli 1827 datierten Zuschrift nennt Heine Detmold seinen „lieben jungen Kollegen". Er schreibt ihm darin, daß man ihm, Detmold, die Wahrheit gesagt habe, wenn man ihm vertraute, daß die Erstlingsprodukte, die jemand ihm, Heine, in Göttingen unter dem Namen Detmolds vorlas, einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihn gemacht haben; nur bedauere er, daß das Talent des Hannoveraners sich nach jener Nachtseite der Poesie gewendet, die schon der Gespenster-Hoffmann so leuchtend dargestellt habe. „Lassen Sie Hoffmann und seine Gespenster, die um so entsetzlicher sind, da sie am hellen Mittag auf dem Markt spazieren gehen und sich wie unsereiner betragen. Und ich bin es, Heine ist es, der Ihnen diesen Rat gibt. Und ich gebe auch zugleich das Beispiel, wie man sich aus jener Tiefe an den eigenen Haaren wieder herauszieht. Ja, schicken Sie mir Ihre Produkte und ich will gern meine Meinung sagen .... Gern will ich Ihnen bei Ihrem Debüt ins Publikum behilflich sein." Heine rät dem „lieben, jungen Kollegen", nicht unter seinem Namen aufzutreten, auch sei es ratsam, die Produkte, die er für den ersten Druck bestimme, nicht vorher seinen guten Freunden mitzuteilen, denn letztere könnten ihm auf keinen Fall nutzen, wohl aber auf jeden Fall schaden. Auch rät er ihm, zuerst mit Prosa aufzutreten, und es freue ihn, daß er ihm mehr Prosa als Berse geschickt habe. Ebenso lege er ihm nahe, viele reale Erkenntnisse zu sammeln, weil diese der Schriftsteller bedürfe. Nach dieser ersten brieflichen Beziehung scheint einige Monate später eine persönliche Begegnung zwischen beiden in Heidelberg stattgefunden zu haben. Heine hatte am 8. August England verlassen und war am 27. Oktober, einer Einladung des Verlagsbuchhändlers Cotta folgend, über Heidelberg und Stuttgart nach Alünchen gefahren, um dort die Leitung der „Allgemeinen politischen Annalen" zu übernehmen. In Heidelberg sah er wohl seinen Bruder Max und auch Detmold, der niit dem neuen Semester die dortige Universität bezogen hatte. Auch von München aus schrieb Heine fleißig an Detmold und gar manche geistvolle wie gemütreiche Bemerkungen finden wir in diesen Zuschriften des Poeten. Er verkehrt mit dem jüngeren Mann ganz und gar wie mit seinesgleichen und wiederholt bittet er sich sein Urteil über die eine oder die andere literarische Frage aus. Leider besitzen wir nur wenige Gedichte des jungen Detmold und von seinen prosaischen Arbeiten aus jener Zeit kennen wir nur sein 1833 erschienenes, rasch berühmt gewordenes satirisches Büchlein „Anleitung zur Kunstkennerschaft oder Kunst in drei Stunden ein Kenner zu werden" (Hannover, Hahnsiche Hofbuchhandlung). Diese Publikation lenkte mit einem Schlage die Aufmerksamkeit der gebildeten Kreise auf den Verfasser, der sich als ein sarkastischer Schriftsteller von feinem und geläutertem Geschmack bekundete. Anläßlich der ersten vom Kunstverein zu Hannover veranstalteten Gemäldeausstellilng hatte er in den dortigen Blättern witzige Kritiken veröffentlicht und als Frucht jener Gemäldeausstellung kann auch das genannte Büchlein angesehen werden. Selbstverständlich sandte der Verfasser seine Erstlingsschrift seinem Gönner Heine, der damals schon in Paris lebte, ein und dieser dankte ihm mit den Worten: „Für die Mitteilung Ihrer Kunstkennerschaftkunst danke herzlich; das Büchlein ist vortrefflich geschrieben. In stilistischer Hinsicht gebe ich Ihnen das unbedingteste Lob, auch Ironie ist vortrefflich, aber sie ist nicht immer swiftisch genug durchgeführt, der Ernst hat Sie manchmal überrumpelt. Daß Sie sich als ein Schriftsteller plötzlich gezeigt, hat gewiß das Publikum sehr überrascht, für mich Liebster, hatte die Erscheinung nichts Ueberraschendes. Ich wunderte mich nur, daß Sie nicht früher aufgetreten sind. Ich habe sehr oft an Sie gedacht und ich habe Sie immer zu den sehr wenigen Personen gezählt, denen mein Wirken und Schreiben immer klar war und die den letzten Gedanken alles dessen, was ich schrieb und schuf, immer genau kennen und begreifen." Ein später gleichfalls berühmt gewordener Schriftsteller Franz Dingelstedt, der zu jener Zeit in Hannover lebte, berichtet in seinem „Wanderbuch"') von dem Aufsehen, den das Erstlingswerk Detmolds erregte. Er nennt darin den Verfaffer einen kleinen und plötzlich groß gewordenen Detmold und rühmt sich dann, daß er des persönlichen Umganges Detmolds gewürdigt wurde. Mit großer Anerkennung spricht Dingelstedt von dem Kunstrichter und Kunstkenner Detmold, der in den Jahren 1834/35 im Verein mit Osterwald und anderen während der Ausstellung in Hannover die Hannöverschen Kunstblätter herausgab. Auch von der Originalität seines Wesens, von seinem bizarren Humor ä la Pope, von dem ewig sprudelnden und ewig treffenden Witz seiner Unterhaltung weiß er viel Rühmliches zu sagen. Das genannte Büchlein, das in rascher Folge mehrere Auflagen erlebte, zeigt uns schon den jungen Detmold als einen feinsinnigen, geschmackvollen und scharf urteilenden Kunstästhetiker und Kritiker. Er wandelt in den Bahnen Lessings, Mendelssohns, Sulzers, Winckelmanns, Lichtenbergs u. a., indem er in tiefgründigen Auseinandersetzungen die letzten Ziele der Kunst erörtert, aber nicht in dem trockenen Ton des Gelehrten und Philosophen, sondern in dem des überlegenen Humoristen und Satirikers. Bezeichnend für die Verehrung, die der junge Verfasser der „Kunftkennerschaft" für Heine hegte, beweist schon der Umstand, daß er in seinen Werken wiederholt den Lyriker auch als Aesthetiker zitiert, sich auf ihn gleichsam als Autorität berufend. Speziell ist es Heines „Salon", auf dem er fußt. Um das Kapitel der Beziehungen zwischen I. H. Detmold und Heine abzuschließen, seien nur noch einige bedeutsame ') Leipzig 1839 Bd. 1. 8. 104.

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