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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-19 · Heft 29 (19.7.1907) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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Auch überlasse man sich nicht theoretischen Künsteleien,- sondern lasse das kräftige Leben der Gegenwart hineinströmen, indem man selbst Erfahrenes oder von Bekannten Gehörtes oder in der Zeitung Gelesenes klug verwertet. An den Vortrag könnte sich unter Leitung des Lehrers eine freie Aussprache unter den Zuhörern schließen, denn die Auslösung durch das gesprochene Wort läßt die Gedanken viel inniger mit der Seele verwachsen, als passives Zuhören. Die Eifrigen und Begabten unter ihnen müßten sogar zu eigenen Darbietungen, kleineren Vorträgen, aus diesem Gebiete veranlaßt werden. Ein Leitfaden, welcher den ganzen Stoff in der oben (II) angegebenen Folge klar zusammenfaßt, würde endlich als Belehrungs- und Belebungsmittel auch fürs ganze Leben sehr gute Dienste leisten. 5. Der Fortbildungskursus soll aber nicht in einem Jahre durchlaufen sein, man-soll sich nicht mit 15—16 Jahren ihm entwachsen dünken, sondern noch lange warmen Herzens an ihm teilnehmen und immer wechselnde Gegenstände an seinen! Geiste vorüberziehen lassen. Ich hatte in dem meinigen 19 bis 20jährige Damen, und sie sind gern erschienen und haben, wie sie mir versicherten, dort noch immer reiche Anregung gefunden. Denen aber, die in dieser Form keine Belehrung empfangen wollen oder können, soll die Idee der jüdischen Verteidigung auf anderen Wegen nahegebracht werden. Vereine müssen sie zum Gegenstände öffentlicher Vorträge machen, nicht bloß in größeren, sondern auch in kleineren Städten, der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" muß ihr seine Pforten öffnen, wenngleich sie streng genommen (bis auf den geschichtlichen Teil) nicht in seinen Bereich gehört, vor allem aber soll der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in seinen Versammlungen regelmäßig irgend einen ihrer Teile vor den Anwesenden entwickeln lassen. Auch hier würde eine Diskussion, wenn sie klug und energisch geleitet und dieser oder jener Redegewandte schon vorher veranlaßt wird, sich daran zu beteiligen, nicht Schaden, sondern Nutzen stiften. Ein weiteres nicht gering anzuschlagendes Mittel sind Aufklärungsschriften, die, leichtsaßlich und warm geschrieben, für ein weniges oder umsonst zu haben wären, oder Artikel in verbreiteten jüdischen Blättern. Die Zeitschrift des Zentralvereins: „Im deutschen Reich" und die des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus", die „Mitteilungen", bieten mannigfachen Stoff für Vorträge und öffentliche Erörterungen auch den kleineren Gemeinden. Was besonders gefallen hat, könnte vielleicht auch in dem Kreise, für den es bestimmt war, durch den Druck verbreitet werden, damit man es sich wieder vergegenwärtige und besser einpräge. Am wirksamsten aber wird sich für unseren Zweck das gewöhnliche Gespräch erweisen. Wenn jene Männer und Frauen, in denen die Religionsschule den Samen der jüdischen Abwehr feinsinnig und sorgfältig gepflegt hat, in denen der Fortbildungskursns das Bäumchen kräftig wachsen ließ, wenn diese das Gelernte mit liebendem Herzen in die Kreise, hineintragen, in denen sie verkehren, wenn sie zu Haus, in der Gesellschaft, bei Zusammenkünften aller Art ihr Wissen und Fühlen in ihre Unigebung strömen lassen, dann bin ich sicher, daß reiche Früchte hervorgehen, daß allenthalben die 343 -- Wellen erbrausen im Vollbewußtsein jüdischer Kraft, daß die Verpflichtung, den alten, teuren, kostbaren Erbbesitz vor Verletzung zu schützen, bei Hoch und Niedrig als eine heilige empfunden werden wird. I. h. Detmold. Von Dr. A. Hahn. nicht so berühmt, nicht so gefeiert, auch nicht so befehdet wie die großen deutschen Humoristen und Satiriker des jüdischen Stammes im 19. Jahrhundert, wie Heine, Börne, Saphir, Oettinger und viele andere, war der vor einem Jahrhundert — am 24. Juli 1807 — in Hannover geborene und in der Nacht vom 16. zum 17. März 1856 im 49. Lebensjahre verstorbene Johann Hermann Detmold. Seine literarischen Schöpfungen tragen nicht das Gepräge der Unsterblichkeit an der Stirn, auch war er kein besonders produktiver Schriftsteller, und so ist es ganz natürlich, daß mit den Jahrzehnten die Spuren seiner Tätigkeit sich allmählich verwischten. Dennoch muß seiner anläßlich seines Säknlartages mit Interesse gedacht werden, denn er war, nehmt alles nur in allem, einer der originellsten und geistreichsten Köpfe seiner Zeit, ein witziger Schriftsteller, ein hervorragender Anwalt und Jurist und einer der bemerkenswertesten Charakterköpfe des öffentlichen Lebens in Deutschland. Auch seine vielfachen intimen Beziehungen zu namhaften Dichtern, seine parlamentarische Wirksamkeit, seine kurze Laufbahn als deutscher Reichsjustizminister und andere Momente rechtfertigen es durchaus, wenn hier versucht wird, eine eingehendere Skizze des Lebens und Wirkens der Persönlichkeit zu geben. Detmolds Vater in Hannover war ein angesehener und vielbeschäftigter jüdischer Arzt, der über eine glänzende Praxis verfügte und sich ein großes Vermögen erwarb. Er besaß in der Gr. Duvenstraße ein stattliches Haus, und als ehrgeiziger und charakterschwacher Mann, dem das Karrieremachen seiner Kinder vor allem am Herzen lag, ließ er seine Söhne taufen, damit diesen die „Konfession" später nicht hindernd im Wege stünde. Zn jener Zeit des Abfalls der Juden von der Religion, wo das Strebertum üppig in die Halme schoß und oberflächliche Schwarmgeister den Judenhaß dadurch zu entwaffnen glaubten, daß sie einfach der Fahne Israels untreu wurden und das Aufgehen im Christentum als die einzig rettende Tat proklamierten, war es kein Wunder, daß auch Detmold aus dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Konversion sein Ziel zu erreichen suchte. Doch konnte wie der Vater so auch sein Sohn Zeit seines Lebens die jüdische Abstammung nicht nur in seinem Aeußern, sondern auch in seiner Schreibweise nicht verleugnen. Der ätzende Sarkasmus, die dialektische Schärfe, die talmudische Logik und die außerordentliche Schlagsertigkeit, die Detmold allezeit auszeichneten, wiesen deutlich auf seinen Ursprung hin. Obschon verwachsen und mißgestaltet, zeigte er doch schon frühzeitig, daß er über eine seltene geistige Kraft verfüge und vielseitig begabt sei. Nach Absolvierung des Lyzeums in Hannover studierte er in Heidelberg und Göttingen die Rechte und ließ sich dann im Jahre 1830 als Advokat in seiner Vaterstadt nieder. Schon als Jüngling gab er bemerkenswerte Proben seiner zeichnerischen Fähigkeiten. Seine Zeichnungen, speziell Karikaturen, machten das größte Aufsehen, aber auch die literarischen Aufsätze, die er noch als blutjunger Mensch veröffentlichte, legten von seiner Begabung ein rühmliches Zeugnis ab. - -

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