Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
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Kraft nach richtigen Grundsätzen uns zugeführt werden. Wie haben wir sie zu lehren? 1. Zunächst eine allgemeine Anweisung. Die Abwehr hat streng genommen einen verneinenden Charakter, sie will nicht ein neues Gebiet erobern, sondern einen nur rechtsmäßig zukommenden Besitz mir behaupten, indem sie jede Bedrohung desselben unwirksam macht, sie ist also ohne jenen tatsächlichen Besitz nicht denkbar. Daher ist es sinnlos und unfruchtbar, den Kampf für das Judentum jemanden» aufzutragen, der das Judentum nicht kennt und kennen lernen will. Lodernde Beredsamkeit vermag wohl Stürme der Begeisterung zu entfesseln und den schlafenden Willen anzufacheu, aber die ernste Tat bleibt aus, weil das Wissen fehlt; keine Entwürfe zu Palästen ohne die erforderlichen Bausteine. Unser modernes Leben strebt ohnehin der Verinnerlichung sehr entgegen, ob die Schwere des wirtschaftlichen Wettkampfes oder der Mangel an geistiger Stärke oder die Vielseitigkeit des Dargebotenen die Hauptschutd daran trägt, bleibe dahingestellt; wir bleiben viel zu oft au der Schale haften. Bein» Juden kommt noch hinzu, daß er tausend Augen feindselig auf sich gerichtet, tausend Speere gegen sich geworfen sieht, wie leicht gewöhnt er sich da an die Anschauung: Verteidigung sei das wichtigste! Diese Anschauung darf nicht herrschend werden, mag auch das Leben immer wieder den Blick auf Andere lenken, die Seele soll wissen, daß nicht dort, und am wenigsten beim Widersacher ihre Heimat ist, die Schutzwehr soll eben nur Schntzwehr bleiben, ein Mittel zum Zweck, herausgeboren aus der Not, der Kern dagegen, von dein sie auszugehen und zu dem sie immer wieder zurückzukehreu hat, der Aufbau positiver Gesinnungen und Handlungen, welche religiös-sittliche Werte darstellen. Daher sei man stets darauf bedacht, zuerst tatsächliches Material zu bieten, um dann an dasselbe anzuknüpfen, das jüdische Gut als Gllt zu kennzeichnen und festzulegen, bevor man den Angreifer in seiner Macht heraufbeschwört. Der Wille zur Abwehr darf weder grob in die Seele hineingedrückt, noch hitzig in sie hineingefeuert werden, sondern muß wie von selbst aus der Liebe zur klar erkannten Sache heranswachsen, sobald die Gefahr nur im Anzuge ist. Diese Richtung zu erzeugen, erscheint mir von grundlegender Bedeutung für unseren Zweck. 2. Lange bevor die Lehre den Gegensatz herausrückt, und der Geist fähig ist, ihn zu begreifen, bringt das Leben ihn nahe. Allerdings das noch nicht schulpstichtige Kind spielt noch ganz unbefangen mit dem andern, und Hoch und Niedrig, Christ und Jude bilden hier noch keine Schranken. Da wäre es ein schwerer Fehler, die Unterschiede herauszuheben, selbst wenn die Absicht vorwaltet, den Stolz auf das Judentum in das Kinderherz zu pflanzen. Man lasse es die religiösen Bräuche ruhig miterleben und belehre es auch darüber, wo aber der Unterschied auffällt, da gebe man eine möglichst ausgleichende Deutung, ohne den Vorrang zu betonen. Die Unschuld, der heilige Seelenfrieden unserer kleinen Lieblinge, dieses wundervolle Himmelsgeschenk, darf durch keinen Mißton getrübt werden, solange die harte Notwendigkeit nicht unmittelbar dazu zwingt. Diese Notwendigkeit stellt sich allerdings schon kurz nach dem Eintritt in die Schule heraus, wenn der christliche Religionsunterricht mit aller Schärfe die Person des Heilands gegenüber den schlechten Pharisäern herausstreicht, die ihn unsäglich gepeinigt und gekreuzigt haben sollen. Das lebhafte Kindergemüt trägt diese ihm mit Nachdruck eingeprägten Gedanken nicht untätig mit sich herum, es wird aufmerksam auf die abfälligen Urteile über die Juden, die es zu Haus oder sonst im Leben hört, und wirft sie bei passender Gelegenheit dem jüdischen Schulkameraden entgegen. gewiß meist ohne böse Absicht, aber doch mit dem Erfolge, daß dieser sich tief verletzt fühlt; die Kluft hat sich aufgetan der Riß ist da. Hier beginnt bereits die Arbeit der jüdische» Eltern und Lehrer, sie beschränke sich aber darauf, die Be schuldigungen, die der Knabe oder das Mädchen weineni wiedererzählt, sanft und einfach zu widerlegen und ihne» dringend ans Herz zu legen, daß sie nicht Schimpf mit Schimp vergelteri, sondern ernst, gelassen fortgehen, sobald Pöbeleiei beginnen, und jede Roheit ihnen unweigerlich Mitteilen. Js das geschehen, dann haben sie beim Lehrer jenes Kindes ode Leiter seiner Schulanstalt ans eine angemessene Berichtigung dieses feindseligen Angriffes zu dringen. Auch in de» folgenden Jahren »vird nian nicht aufhöreu dürfen, der Jugen« ans Herz zu legen, daß sie sich zu allen Zeiten den Anders gläubigen gegenüber eines festen und »vürdigen, aber ni herausfordernden, geschweige rohen Betragens be fleißige, denn ein solches ist für das gegenseitige Verhältnis oft geradezu von ausschlaggebender Bedeutung. 8. Inzwischen geht der Lehrer daran, den Geist au die Abwehr vorzubereiten. Der darzubietende Stoff sol sich aber nicht auf das Verhältnis zun» Christentume be schränken, sondern alle fünf oben (in ll.) beschriebenen Gebieb »»Insassen, und er soll nicht als selbständiger Gegenstand be handelt, sondern in» Anschluß au andere Unterrichtsgegenstände, biblische und jüdische Geschichte, Religionslehre und Gebete gleichsam als ihre Ergänzung gelehrt werden. Beides ist rvichtig. Man bereitet das Kind nicht fürs Leben vor, wen» man ihn» das vorenthält, »vas ihm später täglich entgegen treten kann, die Irrlehren einer schlecht geleiteten Naturphilosophie und die praktischen Bestrebungen der Judengegner mögen sie nun vom konfessionellen oder vom Rassenstandpunk! ausgehen, und man zieht nur eine scharfe, wenn nicht feind selige Stimmung in ihm groß, sobald man den Gegensatz durch gesonderte Betrachtung gar zu sehr heraustreibt. Ab gesehen davon fehlt es auch zu einer solchen Betrachtung an der nötigen Zeit. Der Lehrer hat alle Hände voll zu tun, un» dem Schüler das unentbehrlichste Wissen ans der jüdische»' Religion, Geschichte und Literatur beizubringen; eine eigene Stunde für unser Fach könnte daher nur zum Schaden de» anderen Fächer eingerichtet werden. Endlich wird die Abwehrneigung viel besser gedeihen, wenn sie aus dem fruchtbaren Boden positiver Gedankengebiete gleichsam organisch herauswächst, als wenn »nan sie künstlich in ein System zusammenzwängt. Was. wie viel und auf welche Art gegeben werden soll, das hängt natürlich vom Charakter des Lehrgebietes und von der Auffassungsfähigkeit des Schülers ab. Im ganzen genommen wird das Material mit den Jahren an Ulnfang wachsen »rnd innner gründlicher verarbeitet werden müssen. Wiederholung, namentlich im Anschluß an eben geschehene Ereignisse, welche in den Gemütern noch nachzittern, wird das Eingeprägte festigen, kräftigen. Immer aber lege nian sich die eine Beschränkung auf: Nicht hetzen, nicht den Glaubensstolz zur Unduldsamkeit e»nportreiben; es gilt, keine Angriffsstimmung zu erzeugen, sondern Abwehr-, Notwehrstimmung. 4. Wenn der Jüngling, das junge Mädchen, die Religionsschule verlassen, dann sollen sie es nur tun, um in einen jüdischen Fortbildungskursus einzutreten. Ich halte diese Einrichtung »»icht bloß für nützlich, sondern für notwendig; koimnt doch die Höhe der jüdischen Religionsgedanken, der Wert der jüdischen Kulturelemente erst dem gereifteren Denken zum vollen Bewußtsein. Dein gröberen Freiheitsgefühl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen muß eine freiere, mehr akademische Lehrweise entsprechen, und so dürfen auch einzelne dem Verständnis des