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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-19 · Heft 29 (19.7.1907) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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ländischen Landtages, dem auch die Unterstützung der schwedischen Fraktion und hiermit die Majorität gesichert ist, hat folgenden Wortlaut: „Schon seit zwei Jahren ertönt in unserem Lande eine Stimme des Protestes, die in den Volksmassen starke Sympathie gefunden hat. Dieser Protest hat dem Volke Tinge enthüllt, welche die Gerechtigkeits-, Brüderlichkeits- und Humanitätsgefühle des finnischen Volkes im höchsten Grade beleidigten. Im ganzen Lande fand die aus dem finnländischen Judentum kommende Stimme ein Echo, und die enthüllten abnormen Erscheinungen veranlaßen das finnische Volk und besonders die Arbeiterklasse, gegen die Willkür und alle Schwierigkeiten zu protestieren, unter denen die in unserer Mitte lebenden Juden zu leiden haben, zumal die Willkürhandlungen im Namen des finnischen Volkes verübt wurden. Diese abnormen Verhältnisse zu beseitigen, ist eine heilige Pflicht der finnischen Volksvertretung, da sie nicht Rechtlosigkeit und Unterdrückung zu bewahren, sondern das Ideal der Gerechtigkeit und Freiheit zu verwirklichen hat. Der Wille des Volkes, das uns hierher schickte, befiehlt uns, diesen Schandfleck der Rechtsbeschränkung der Juden abzuwaschen, und wir würden es für ein Verbrechen halten, wenn wir nicht energisch an der Beseitigung dieses Uebels arbeiteten. In Anbetracht dessen schlagen wir vor. daß sich der Landtag an den finnländischen Senat mit der Bitte wende, in der künftigen Session eine Vorlage einzubringen, laut welcher alle Juden, welche hier geboren sind, hier ihre Bildung erhalten oder eine gewisse Zeit vor Edition dieses neuen Gesetzes hier gelebt haben, die bürgerliche Gleichberechtigung erhalten." Wenn man dagegen die Nachrichten aus Rußland liest, über den Pogromprozeß in Schitomir, über das Treiben der schwarzen Bande in Odessa, über ihren Anteil an der Ermordung des Dr. Jollos, so begreift man es, daß Finnland die Segnungen der russischen Kultur durchaus nicht haben will. Die Lerltörung und dir Lrbauung von Jerusalem. Von Dr. A. Eckstein. I^ine unlängst erschienene Unterhaltungsschrift trägt den Titel: „Die Eroberung von Jerusalem"?) Eine zeitgemäße Lektüre in den Tagen, welche der Erinnerung an die Eroberung von Jerusalem «nd die Zerstörung des alten Nationalheiligtums gewidmet sind. - Es handelt sich aber in diesem Buche gar nicht, wie man beim Lesen des Titels meinen und erwarten müßte, um eine geschichtliche Schilderung des Ereignisses, welches alle diejenigen Israeliten, denen es ihre Mittel erlauben, an fashionablen Badeorten und in Sommerfrischen bei lustigen Klängen der Kurmusik im Tempel der Natur zu feiern pflegen, es handelt sich überhaupt nicht um die Stadt der Vergangenheit, welche ehrwürdig auch iin Witwenschleier einst die Fürstin unter den Städten genannt wurde, sondern es handelt sich um eine Stadt der Zukunft, um ein ideales Jerusalem, auf welches jedermann aus träumender Seele und mit dem Willen des Eroberers blickt, ohne es jemals zur Kapitulation zwingen zu können. Eine in dieser Schrift mitgeteilte Episode von ganz nebensächlicher Bedeutung hat ineine Aufmerksamkeit erregt. Ein in Jerusalem im tiefsten Elend lebender Rabbi wird von einem aufgeklärten Manne aus dem Westen gefragt: „Warum bedecket ihr mit euren Tränen immer noch den kalten Stein der von einstiger Herrlichkeit euch gebliebenen Klagemauer, der sich von euren Tränen doch nicht wird erweichen lassen? Warum wollet i) La conqu<"te de Jerusalem par Myriam Harry. Deutsch von Alfred Peuker. Dresden 1907, Verlag von L. Reitzner. ihr nicht lieber im Schweiße eures Angesichts die Schölle eurer Ahnen aubauen, um durch den Fleiß eurer Hände neues Leben blühen zu lassen aus den Ruinen? Warum wird nicht durch Begründung von Industrien, durch Förderung von Handel und Gewerbe der Versuch einer friedlichen Eroberuncvon Jerusalem unternommen? Warum wird nicht ein Strou westlichen Lebens in dies Land der ausgehenden Sonn« geleitet, neuen zukunftverheißenden Lebens in das Land glor reicher Vergangenheit?" Darauf antwortet der fromme Rabbi: „Wir sind nicht nach Jerusalem gekommen, um hierzu leben sondern um hier zu sterben." — Eine Antwort auf dies Bemerkung wird von dem Manne aus dem Westen nicht mit geteilt. Aber sie hätte eigentlich unter Anwendung des alter Wortes von den Lehrern, welche die Welt zugrunde richten die sie aufbauen wollen, lauten müssen: „Ihr seit nicht di Eroberer von Jerusalem, ihr seid die Zerstörer vor Jerusalem!" Das Wort will mir nicht aus dem Sinn. Ich muß zunächst an den Mann denken, dem das Verhängnis seine Volkes wie mit tausend Dolchen hineingebohrt und hinein geschnitten in sein Herz, an den Mann, der mit unvergleich licher Kühnheit in seiner Antrittsrede es angekündigt, er sei be rufen und gesandt worden, niederzureißen lind zu zerstören zu bauen und zu pflanzen. Erst wollte er niederreißei das Morsche und Ungesunde einer erbärmlichen Zeit und bau, wollte er aufbanen das Jerusalem einer idealen Zukunft, ers wollte er ausroden das Unkraut des Irrtums aus den Herze, und dann wollte er pflanzen den Baum einer geläuterte, Erkenntnis. War Jeremias einer von den Eroberern ode von den Zerstörern Jerusalems? Einen Zerstörer un > Vernichter nannten ihn die Verblendeten seines Volkes, wei er init schonungsloser Kritik hineingegrssfen in das Geweb ■ ihrer Jrrtüiner und Vorurteile, für einen Verräter ai! Heiligtum hielten ihn die Zionswächter, welche mit vv Entrüstung bebender Stimme ausriefen: „Das ist der TemPe des Ewigen!" Wie kann der Mann es wagen, von de Möglichkeit einer Zerstörung des Tempels des Ewigen z, reden? Darauf aber hatte der Prophet nur die Antwort „Menschenwerk wird in Trümmer sinken, aber in euch selbs will Gott hineinbauen einen Tempel der Zukunft." Wer wa> denn nun eigentlich damals ein Erbauer und wer war ei, Zerstörer von Jerusalem? Seit nahezu 1900 Wochen sind die drei Trauerwochen de, Erinnerung gewidmet an das Ereignis, das den, Judentun Wunden geschlagen, die auch heute noch selbst in den Länder, unseres glücklichsten Zustandes nicht ganz ausgeheilt sind. Un> dennoch hat ein Lehrer der alten Zeit gewagt zu behaupten daß bei der Zerstörung des Tempels ebenso wie bei der Ein weihung desselben ein Psalmlied angestimmt wurde, da- Psalmlied von Asaph, das mit den Worten einleitet : „Gott Völker sind eingedrungen in Dein Erbe und haben verunreinig Deinen heiligen Tempel."') Gewiß eine sehr gewagt Behauptung, daß jemand am Grabe' der Hoffnung de jüdischen Patrioten, an jenem Tage des Schreckens, als in mitten der allgemeinen Verwirrung die Flammen emporschlugen über den Zinnen des Tempels, um unter seine,: Trümmern den jüdischen Staat zu begraben, ebenso wie be seiner Einweihung einen Psalm sollte angestimmt haben. Wi ist diese Behauptung zu erklären? Es gibt kein Ereignis, das, von so ergreifender Tragik e für seine Zeit gewesen, in seinen geschichtlichen Folgen nn > Wirkungen sich so segensreich erwiesen hätte als gerade di.' Psalm 79. Vgl. Jalkut zu Psalm 92.

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