Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228774--63673-3297591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wanderungslustige, die sich eine neue Heimat gründen wollen, weil die alte ihnen unerträglich gemacht worden ist. Warum, fragte Nordau kürzlich einen amerikanischen Interviewer, sollen diejenigen, die die Zionisten unterstützen, weniger patriotisch sein als es die Engländer waren, die die nach Amerika auswandernden Puritaner unterstützten? Zionismus bedeutet nach Mar Nordau nicht Aufgeben seiner politischen Ueberzeugungen und Beziehungen, sondern eine gemeinsame Bemühung, politische und religiöse Verfolgung zu verringern durch Unterstützung derjenigen, die in politischer Hinsicht expatriiert sind, und denen ihre Religion zum Fluch gereicht. Ja, aber Zionisten oder Jtoisten wollen doch ein besonderes souveränes oder autonomes jüdisches Reich für sich begründen, und die Juden werden dann zu diesem halten und nicht mehr loyal gegenüber ihrem alten Vaterlande sein können? So sagen heuchlerisch die verkappten Antisemiten. Warum aber sollten Leute, die in ein ganz bestimmtes Gebiet auswandern, einen Staat gründen wollen, der ihrem alten Vaterlande niemals Schaden zufügen kann, weniger Patrioten sein als die Hunderttausende anderer, die alljährlich durch ihre Einwanderung ein fremdes, schon mächtiges Land bereichern, ein Volk stärken, das jeden Tag in einen Krieg mit ihrem alten Vck erlaube geraten kann? Warum sollten die deutschen, englischen, französischen usw. Juden nicht ebenso loyal gegenüber ihrem alten Daterlande bleiben können, sei es in Palästina oder in dem noch erst zu findenden Lande, wie die Deutschen, Engländer usw. in Amerika? Die Deutsch-Amerikaner haben wiederholt bewiesen und beweisen es noch immer, daß sie sehr geschätzte treue Bürger der amerikanischen Union sein und dennoch mit Tat und Sympathie dem alten Vaterlande in Not beistehen können. Die nach Begründung des zionistischen oder itoistischen Reiches in Deutschland zurückbleibenden Inden — und das dürften unter tausend neunhundertneunundneunzig sein — werden nicht um Haaresbreite weniger treue deutsche Patrioten sein, auch wenn viele unglückliche Juden in Palästina oder sonstwo ein Vaterland gefunden haben werden. Aber einstweilen und auf absehbare Zeit ist es wohl mit Palästina überhaupt nichts. Der Sultan ist. nicht geneigt, einen autonomen oder gar souveränen Judeustaat in seinem Reiche zuzulassen. Und wenn er es selbst wollte, daun ist noch fraglich, ob die Mohaminedauer es zuließen. Denn ihnen ist Jerusalem nicht viel weniger heilig als Mekka, und ist den Juden Palästina das heilige Land, so ist es dies auch den Christen und Mohammedanern. Die Juden haben höchstens Prioritätsansprüche ans Palästina, und die dürsten, zumal den christlichen und mohammedanischen Pietütsansprüchen gegenüber, als verjährt angesehen werden. Das von den Jtoisten gesuchte Territorium wird noch, wie gesagt, überhaupt erst gefunden werden müssen. Der Zionismus kann unseres Erachtens nur als Beweis für den unausrottbaren Idealismus der Juden, als Beweis ihrer Opferfrendigkeit angesehen werden, wenn es gilt, Glaubensgenossen hilfreich beizustehen, auch als Beweis der hier sehr, dort minder großen Unzufriedenheit der Juden mit ihrer Lage angeführt werden. Niemals aber darf man ihn in ehrlichem Kampfe als Beweis jüdischer Vaterlandslosigkeit ansehen. Der Psalmenvers: „Wenn ich dein vergäße, Jerusalem" würde stets und überall mit Inbrunst wiederholt, auch da, wo Juden in heißen Kämpfen Gut und Blut für ihr Vaterland geopfert und teilgenommen haben an allen Arbeiten der menschlichen Kultur, wie sie es auch ferner mit allem Eifer zu tun gedenken. Dir Mochr. Berlin, 1b. Juli. er Zusammenschluß der deutschen Orthodoxie ist nunmehr eine vollendete Tatsache, zu der man Stellung nehmen muß. Wir haben bereits vor einiger Zeit berichtet, daß Verhandlungen darüber im Gange seien. Der Abschluß derselben wird nunmehr von den Blättern der Orthodoxie mit berechtigter Genugtuung orbi et urbi verkündet. In den Ausschuß der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wurden Männer aus beiden Richtungen der deutschen Orthodoxie gewählt, und ebenso in den Vorstand, der nunmehr aus folgenden Herren besteht: Rabbiner Dr. S. Breuer-Frankfurt a. M., Emanuel Ettinghausen-Frankfurt a. M., Louis Feist-Frankfurt a. M., Hermann Gumpertz-Hamburg, Wilhelm Hackenbroch-Frankfurt a. M., Kommerzienrat Benjamin Hirsch-Halberstadt, Bankdirektor George Marx-Königsberg, Prov.-Rabbiner Dr. Munk-Marburg, Jacob Rosenheim-Frankfurt a. M., Adolf Stern-Frankfurt a. M., Jakob Strauß-Frankfurt a. M., Joseph Wohlfarth-Frankfurt a. M., Aron Wolf-Frankfurt a. M. Der neugewählte Vorstand trat gestern zu seiner ersten Sitzung in Frankfurt a. M. zusammen und konstituierte sich wie folgt: Rabbiner Dr. Breuer, Vorsitzender, Kommerzienrat Benjamin Hirsch und Jacob Rosenheim, stellvertretende Vorsitzende, Jacob Strauß und Hermann Gumpertz, Schriftführer, Louis Feist und Aron Wolf, Kassierer. Frankfurt ist in diesem 13 gliedrigen Vorstand mit neun Mitgliedern vertreten, Würzburg gar nicht. Es ist also anzunehmen, daß die dort herrschende Richtung nach wie vor die dominierende innerhalb der „Freien Vereinigung" bilden wird. Von Interesse für uns sind besonders die folgenden Leitsätze der Reorganisation: 1. Die „Freie Vereinigung" hat eine repräsentative und eine praktische Aufgabe. Sie soll einerseits in ihrem Politischen Verhalten die bekenntnismüßige Einheit des gesetzestreuen Judentums vertreten, andererseits die geistigen und materiellen Kräfte sammeln, um die praktische Verwirklichung aller Ausgaben des gesetzestreuen Judentums zu sichern. 2. Als Nepräsentativorgan der gesetzestreuen Judenheit soll die „Freie Vereinigung" überall für die Einheit und für die Selbstständigkeit der Orthodoxie als solcher mit Ruhe und Würde eintreteu. Sie legt aber ihren einzelnen Mitgliedern keine Verpflichtung in betreff der Frage auf. wie sie ihr Persönliches Verhalten zu den Organisationen religiös Andersdenkender einzurichten für gut finden, und sie soll auch keineswegs der Gemeinsamkeit derjenigen Interessen vergessen, welche die Orthodoxie mit der Gesamtjudenheit verbindet. Gerade die Schaffung einer starken gesetzestreuen Organisation wäre der erste Schritt, um später ohne Gefahr ein korporatives Zusammenwirken mit neologen, nationalen oder farblosen Ver bänden zur Lösung praktischer Einzelzwecke im Innern auch nach der Meinung derjenigen zu ermöglichen, die sich heute ablehnend verhalten müssen. 3. Wie die „Freie Vereinigung" es sich naturgemäß angelegen sein lassen muß. materielle Mittel zur Verwirklichung ihrer mannigfaltigen praktischen Zwecke zu sammeln, so soll sie insbesondere alle in der gesetzestreuen Judenheit nur irgendwie zu findenden oder zu weckenden geistigen Kräfte zu fruchtbarer gemeinsamer Arbeit sammeln und dadurch immer enger aneinander schließen. 4. Soll die „Freie Vereinigung" aktionsfähig sein, so muß ihre Verfassung eine Zentralisation gewährleisten, anderseits mehr als bisher allen Kreisen ihrer Mitglieder ein gebührender Einfluß auf die Kontrolle der Geschäftsführung gesichert werden. *>. Wenn die „Freie Vereinigung" alle Kräfte der Orthodoxie zur praktischen Mitarbeit heranziehen will, so müssen möglichst viel-