Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 29. Berlin, 19. Juli 1907. eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnem en ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstrllen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. »c&aftcur: Gustav rrarxeles. Begründet von Rabbiner D»« Ludwig Philippfon. Vvrlsgs-LrMlioll: Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße htz/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. In den Trsuerwochkn. Berlin, 16. Juli. en der Zeit der Trauer um den Verlust von Israels Selbständigkeit treten uns die großen Fragen, die damit int Zusammenhang stehen, naturgemäß wieder näher. Wir erkennen da, daß die Stimmung gegen die Juden den Zionismus erzeugte, und dieser erzeugte eine Spaltung in Israel, wie sie seit dem Untergang des jüdischen Reiches wohl noch nicht dagewesen ist. Es heißt aber dem Antisemitismus zu viel Ehre antun, wenn man ihn der Urzeugung eines wenn auch von den meisten und namentlich von den Inden in den Kulturstaaten für irrig und selbst schädlich gehaltenen, aber immerhin doch idealen Gedankens, der in allen Ländern der Erde mehr oder weniger Wurzel gefaßt hat, für fähig hielte. Nicht wirklich erzeugt hat er den Zionismus, sondern ihn nur neu entstehen lassen; den im Frieden der Kulturländer eingeschläferten zionistischen Gedanken hat er neu erweckt. Tatsächlich haben die Juden niemals ganz aufgehört, an die Rückkehr nach Palästina, nach Jerusalem und Zion zu denken. Ob Türken oder ob Kreuzfahrer in die Hauptstadt des ehemaligen jüdischen Reiches als Eroberer einzogen, oder ob ein falscher Messias aufsland, immer glaubten die Juden, es sei ihre Zeit der Erlösung aus dem „Goluth", der Verbannung, gekommen. Und in jenen Zeiten konnte man es den Juden wahrlich nicht verdenken, daß sie in den Ländern ihres Aufenthaltes sich als unglückliche Exilierte vorkamen und sehnsüchtig ihrer Erlösung entgegensahen. Aber auch bis auf den heutigen Tag wird in jüdischen Gebeten der Rückkehr nach Zion gedacht, nur daß es eben bloß „ein frommer Wunsch" geworden ist, von der gleichen Bedeutung wie etwa der allgemeine Wunsch nach dem tausendjährigen Reich, nach dem ewigen Frieden, nach der Zeit, da nur ein Hirt und eine Herde sein, Schaf und Wolf beisammen weiden werden. Aber gleich von vornherein stieß der zionistische Gedanke bei den Juden selbst auf den entschiedensten und heftigsten Widerspruch und spaltete Israel nicht nur in zwei, sondern in eine ganze Reihe von Lagern, die sich auf das nachdrücklichste befehden. Wir in Deutschland merken, wenn nicht gerade ein zionistischer Kongreß tagt, nur wenig vom Zionismus. Die deutschen Juden sind, wenn auch nicht, so zu sagen, politisch saturiert, so doch im großen und ganzen mit ihrer Lage zufrieden, trotz Stöcker und seiner Anhänger und noch wüsteren Nachtreter. In den meisten anderen Kulturländern verhält es sich ebenso. Aber in Rußland, wo die Not und Gefahr am größten, hat der Zionismus sehr viele und begeisterte Anhänger gefunden. In Amerika, wo die eine Hälfte der jüdischen Einwohner jetzt russischen Ursprungs ist, die andere Hälfte durch die Judenverfolgung in Rußland und die kolossale Einwanderung russischer und rumänischer Juden in seelische und materielle Mitleidenschaft gezogen ist, und wo man sich freier äußern darf als in den Ländern, in welchen der Zionismus am ausgebreitetften ist, da vergeht kaum ein Tag ohne die heftigsten Auseinandersetzungen über den Zionismus unter seinen Freunden wie Gegnern. Strenggläubige Juden, dieselben, die an eine Rückkehr nach Palästina wie an ein Dogma glauben, die schon im nächsten Jahre in Jerusalem zu sein wünschen und beten, waren die ersten, die sich gegen den Zionismus wandten. Denn ihnen ist nie im Traume eingefallen, daß diese Rückkehr ermöglicht werden könnte durch Agitation, diplomatische Verhandlungen, Banken, Schekelbeiträge und Kongresse, sondern diese müßte sich vollziehen durch ein Wunder, durch einen göttlichen Eingriff, durch ein Weltgericht usw. Nicht minder entschieden, aber aus anderen Gründen werden die Zionisten von den aufgeklärten Juden zurückgewiejen. Diese denken überhaupt nicht mehr an ein besonderes jüdisches Reich. Juden sind in ihrer: Augen nur Glaubensgenossen, nicht mehr eine besondere Nationalität. Ihr Vaterland ist nicht mehr Palästina, sondern das Land, in dem sie geboren sind, dessen Einrichtungen und Schutz sie genießen, in dem sie wirken und streben, dessen Geschichte und Literatur sie gelernt haben, dein sie Gut und Blrrt steuern. Unter den verschiedenen Richtungen des Zionismus ist für uns die interessanteste die, die heute lieber als morgen wirklich nach Palästina auszuwandern bereit wäre. Solche Zionisten gibt es in erheblicher Zahl nur in denjeniger, Ländern, in welchen die Inden nicht nur in politisch wie ökonomisch beschränktesten Verhältnissen, sondern auch in fortwährender Gefahr und Furcht, Eigentunr und Leben zu verlieren, ihre Tage hinbringen. Außerhalb dieser Länder dürste es nur wenige Juden geben die bis zu diesem Grade Zionisten sind. Die meisten sind in den zivilisierten Staaten nur zionistisch, weil sie Mitleid mit ihren verfolgten und schwer leidenden Glaubens- und Stammesgenossen haben, oder weil sie ihrem Unmut über unverdiente Zurücksetzung ans diese Weise am besten Ausdruck zu geben glauben. In den letzten Jahren haben die Energischsten unter ihnen sich in Jtoisten verwandelt, d. h. in Leute, die ihr jetziges Vaterland nicht mit ihrem alten, mit Palästina, sondern mit irgendeinem erst noch aufzufindenden srmkelnagelneuen vertauschen wollen. Diese Juden sind eben nur Aus-