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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-12 · Heft 28 (12.7.1907) · p. Seite 336

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 336 (sequence 12)
Language
German
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336 WWWWWWWWWWW» Beweis Deiner Liebe zu mir. Ich wußte ja, ich würde nicht umsonst zu Deinem Herzen sprechen, mein Sohn. Und nun kein Wort weiter davon, hier sind wir angelangt." Mehr als vier Wochen waren vergangen, daß Rüben nach Haus zurückgekehrt, ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Reise. Er hatte auch inzwischen von seinem Sohn gute Kunde gehabt, die von gefaßtem, ruhigein Gemüte zeugte. Unter anderem hatte er ihm mitgetcilt, wie die Bekanntschaft, die Rüben zwischen ihm und Reinhold vermittelt, zu fast freundschaftlichen Beziehungen sich erweitert, so daß sie täglich zufammen speisten, auch sich dann und wann besuchten. Rüben freute sich dessen. Dies mußte dazu beitragen, Julius von dem einen Gegenstände abzuleuken, und. da des Mädchens selbst mit keiner Silbe von ihm erwähnt wurde, begann er sich der Hoffnung hinzugeben, daß die vorläufige Trennung zu einer endgültigen führen könnte, durch leises, unmerkliches Lösen der Bande bei allmählicher Entwöhnung und Entfremdung. Da riß ihn eines Tages ein durch Eilpost bestellter, expresser Brief aus allen seinen Träumen. Er war von fremder Hand, von Johannes Reinhold geschrieben und meldete ihm eine schwere, lebensgefährliche Erkrankung seines Sohnes. Beunruhigt durch längeres Fortbleibeu desselben von ihrem gemeinsamen Mittagstisch habe dieser nachgefvrscht, ihn in seiner Wohnung ausgesucht und dort zu seinem tiefen Bedauern erfahren, daß er schon seit Tagen am Typhus darniederliege. Zu große Anstrengung, Ueberreizung des Nervensystems durch Massenhäufung geistiger Arbeit, kalte Bäder, die er nach langem Marsche des Morgens nüchtern täglich genommen, würden vom Arzte als mutmaßliche Ursache bezeichnet. Da Gefahr im Verzüge, und der Kranke, bei dem er weile, so oft er könne, in seinen Fieberphantasien nach dem Vater riefe, bäte er Herrn Herz, schleunigst abzureisen, usw. usw. Wie ein furchtbarer Schlag traf Rüben die Nachricht, und schreckerfüllt rüstete er sich sofort. Er nahm Extrapost, und eine Stunde schon nach Empfang des Briefes war er unterwegs. Nacht war's rlnd heller Mondschein, als er au dein Walde vorübersauste, unter dessen Tannen er damals die glühende Predigt der Humanität und Versöhnung gehalten. Er sah hinauf;u ihren Kronen mit qualvollen Empfindungen in seiner Brust. Sie waren dieselben noch in ihrer ruhevollen Hoheit dort, int Frieden ihrer ungestörten Einsamkeit. Das Menschenherz aber, das da so stolz, so zuversichtlich von Versöhnung, von Frieden gepredigt, war selbst nun seiner beraubt, weil es nicht gefolgt der eigenen Lehre. Denn er wußte, er fühlte mit schmerzender Gewißheit, daß nicht äußere Ursachen seines Sohnes Krankheit verschuldet. Erkrankt war er an dem Zwiespalt seiner Seele, an der Liebe zu dem Mädchen. Diese beiden allzu mächtig ringenden Gewalten, sie hatten ihn niedergeworfen. Und er war schuld an seinem Unglück, er, der anstatt der Weisheit des Ewigen die Entscheidung zu überlassen, eigenmächtig sein Recht fordernd, eingegriffen in des Sohnes Leben, sein Liebesglück zerstört, ihn unglücklich gemacht hatte. Zu fast physischer Qual steigerten sich die Selbstvorwürfe und Gewissensbisse, als er im Krankenzimmer seines Sohnes stand. Ta lag er gebrochen, elend, hilflos, sein Stolz, die Freude, das Glück seines Lebens, die Hoffnung seines Alters! Wie sehr verändert er war! So schmal und bleich das sonst so blühende, schöne Gesicht, so unnatürlich groß die fieberglühenden Augen, so abgezehrt die junge Gestalt. Neinhold, der ihn hineingesührt, hatte sich zartfühlend gleich darauf zurückgezogen. UnbemeiÜt von dem Kranken war Rüben auf den Zehen eingetreten und harrte unbeweglich an der Türe, noch nicht wagend, näher zu kommen, ihn durch seinen unerwarteten Anblick zu erschrecken. Ach, er hätte es nicht zu fürchten brauchen! Zu krank, viel zu krank war dort sein Kind, um noch Schreck zu äußern. Der arme, schmerzende Kopf, wie ruhelos er sich hin und her warf auf den Kissen. Hätte er nur verstehen können, waS die brennenden, trocknen Lippen so unaufhörlich murmelten. Unhörbar schlich er herzu, um zu lauschen: „Vater, Vater!" Galt das nicht ihm? War er bei Besinnung oder phantasierte er? Da war er bei ihm, sich über ihn neigend. „Mein lieber Julius!" Die heißen, suchenden Augen begegneten ohne Erstaunen denen des Vaters; ein schwaches Lächeln des Erkennens irrte einen Augenblick um die blassen Lippen. „Mein armes, krankes Kind!" „Ein elender Wicht, Vater," flüsterte er. „Untauglich zur Probe, da lieg' ich nun, vielleicht ist's besser so." „Sprich nicht davon, mein Herzenskind! Gesunde nur und alles, alles soll gut werden! Kann ich jetzt gar nichts für Dich tun, mein Sohn?" Es war, als wollte er sprechen, die Lippen öffneten sich und schlossen sich lautlos wieder, nur den Blick hob er wieder zu dein Vater auf. Eine Welt lag darin, eine Frage, ein sehnendes Verlangen! Rüben las nur die hoffnungslose Trauer und sie schnitt ihm in die Seele. „Kind, Kind, vergib mir meine Härte, ach, hält' ich das geahnt, nie, nie." Er neigte sich tiefer über ihn und Tränen der Reite tropften aus seinen Augen auf des' Sohnes Antlitz. „Heb' mich, Vater!" Er richtete ihn an seiner Brust auf. Des Sohnes schwache Arme umschlangen seinen Hals und der arme, heiße Mund suchte den seinen. Versöhnung lag in dem Kusse, Vergebung, Liebe. Rüben fühlte den Halt schwächer werden und legte ihn saust in die Kissen zurück. Von nun an wich er nicht vom Bette seines Sohnes. In dem anstoßenden Alkoven hatte er sich ein Lager aufschlagen lassen; aber nur selten benutzte er es. Tag und Nacht fand ihn ans seinem Platze. Die Angst um seines Sohnes Leben, die Liebe gaben ihm Riesenkräfte. Keine Frau hätte ihn besser, sanfter pflegen können. Eines Nachts, da er nach langem Wachen im Stuhl an seinem Bette unversehens doch eingeschlummert, weckte ihn Julius' Stinune. Rasch fuhr er empor, nein, er rief ihn nicht, er war bewußtlos und phantasierte. „Vater — Tinel — Vater — Tinel —" immer nur dasselbe in endloser Wiederholung, in gebrochenen, sehnsüchtig klagenden Lauten. Nun endlich verstand Rüben. Gott, war er denn taub und blind gewesen, daß er daran nicht eher gedacht! Jetzt wurde ihm auch klar das fragende Verlangen im Auge seines Sohnes. Ja, sie sollte kommen, ihm daS Leben zurückgeben — oder — ihm das Sterben zu erleichtern. Bei dem letzten Gedanken stöhnte er laut in furchtbarer Seelenqual, und wieder und wieder stieg sein Flehen zum Ewigen empor um Erhaltung dieses teuren Lebens. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in-Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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