Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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335 Ganze Nächte sitzt Taube bei dem Scheine ihres Lämpchens und flickt und näht an der Wäsche, die sie Jizchokel mitgeben will. Bei jedem Stich denkt sie, wie er in die Jeschiwe fahren, dort lernen und jeden' Freitag ein Hemd anziehen werde, welches die Mutter für ihn geflickt. Jizchokel sitzt stets mit einem Buch in der Hand an der anderen Seite des Tisches. Sie hätte so gern zu ihm gesprochen, allein sie weiß nicht, was ihm zu sagen . . . Taube und Jizchokel sind in aller Frühe aufgestanden. Er küßte die schlafenden Brüderchen. Den verschlafenen Schwesterchen sagt er nur: „Bleibts gesund!" Sein Schwesterchen Golde erwacht und beginnt zu weinen, sie will auch den Bruder begleiten. Die Mutter beruhigt sie, nimmt das Reisekistchen von Jizchokel und beide verlassen das Haus. In der Straße ist es noch ganz still, die Hausläden noch überall geschlossen. Sie durchquerten das Städrchen, gelangten an die Landstraße und warteten dort auf eine Fuhre nach Leuschnitz, von dort aus wird Jizchokel nach Kutno weiter fahren . . . Sie stellen sich beide an einen Schlagbaum und warten auf eine Fuhre. Die Mutter hat etwas Geld aus der Tasche zusammengescharrt und bindet es ihm vorsichtig in ein Tüchel auf die Brust. Bald kommt ein dichtbesetzter Wagen hergefahren, sie »rietet für Jizchokel einen Platz, bezahlt 20 Kopeken und legt die Kiste hinauf. „Fahre gesund! Vergiß Deine Mutter nicht," sagte sie bitterlich weinend. Jizchokel schweigt. Sie will ihn küssen, allein sie weiß, daß dies bei einem erwachsenen Jungen nicht passend sei und unterläßt es. Jizchokel besteigt die Fuhre, die Passagiere räumen ihn: Platz ein. „Bleib gesund, Mutter!" sagt er, als der Wagen sich in Bewegung setzt. „Fahre gesund, mein Kind! Sitze und lerne dort und vergiß nicht Deine Mutter," ruft ihm Taube noch nach. Der Wagen fährt immer weiter den Berg hinauf. Taube steht wie festgebannt, immer der Fuhre nachschauend, bis diese bei einer Biegung des Weges ganz den Angen entschwindet, dann kehrt sie in die Stadt zurück. Sie macht einen Umweg, um an den Friedhof vorbei zu kommen. Ein niedriger Holzzauu umgibt ihn, und man erblickt die Grabsteine, die zum Himmel aufzuschauen scheinen. Sie geht an den Zaun heran, klettert hinauf, steckt den Kopf herüber, mit den Augen nach etwas suchend, und erblickt einen kleinen, ihr bekannten Grabstein. Sie nickt ihm mit dem Kopfe zu. „Leiser, Leiser! Dein Sohn Jizchokel ist in die Jeschiwa gefahren, Thora lernen. . ." Bald erinnert sie sich aber an den Markt; Jente hat gewiß schon das ganze Obst aufgekauft, und raschen Schrittes eilt sie dem Städtchen zu. Sie geht schnell und selbstzufrieden, sie fühlt, daß sie etwas Wichtiges erfüllt hat und in Gedanken daran vergißt sie den Aerger, daß Jente inzwischen das ganze Obst abgekauft hat. Zwei Wochen später erhält sie von Jizchokel ein Briefchen; des Lesens unkundig, geht sie zu Reb Jochenen, den Melamed, damit er es ihr vorlese. Reb Jochenen legt die Brille an, hüstelt und beginnt in hebräischer Sprache zu lesen: „An meine geliebte fromme Mutter!" . . . „Was heißt das?" fragt Taube, das Hebräische nicht verstehend. „Das ist ein Titel an eine Mutter," erwidert Reb Jochenen. Taubes Gesicht strahlt vor Freude, sie ,wischt sich mit der Schürze die Tränen aus den Augen. Da Reb Jochenen innner hebräisch liest, fragt sie immer wieder: „Was heißt das?" „Ihr werdet cs nicht verstehen, es ist ein „Pschetel"')." Sie schweigt ehrfurchtsvoll und lauscht, ohne zu verstehen. „Ich grüße die liebe Mutter, die Schwester und Sara und Golde und Jakob, er soll gut lernen; ich habe alle „Tage" ... ich schlafe bei Reb Chaim," liest Reb Jocheneu. Taube begnügt sich mit diesen kurzen, aber ihr verständlichen Zeilen, steckt den Brief in die Tasche und geht überglücklich nach dem Markte. (Schlutz folgt.) Versöhnung. Bon M. Hcrzberg. IX. ie Unterredung zwischen Vater und Sohn wurde immer erregter. Der Vater verlangte eine Zeit vollständiger Trennung des Liebespaares, gewissermaßen als Probezeit. Der Sohn widersprach in heftiger Weise. „Sei doch vernünftig, Julius," sagte Rilben anscheinend ruhig. „Ein paar Monate sind doch keine Ewigkeit! Gib mir doch diese Frist, die Prüfungszeit, die ich verlange. Eine schwache egoistische Liebe nur hält keiner Probe stand; tiefer, reiner, größer wird echte Neigung daraus hervorgehen. Fast fürchte ich," fuhr er mit feiner Klugheit fort, „die Deine, zu ungezügelt, ungestüm, entbehret dauerhafter Festigkeit. Hättest Du sonst so kleinen Glauben an Dich, an Dein Mädchen? Um verhältnismäßig so kurze Zeit!" Schweigend ging Julius neben ihiu her. Verstohlen suchte sein Blick des Vaters Antlitz. Es war geneigt, und ein trüber, harmvoller Zug, ihiu sonst ganz fremd, lag um Stirn und Mund. Sein weiches Herz schlug vorwurfsvoll. Warum sollte er des Vaters Bitte uicht erfüllen? Ja, auch er konnte stark sein, sich bezwingen, um seinetwillen und des Weibes, das er liebte. Ach, wenn es das nur wäre, was ihn zum Ziele brächte! „Es sei, Vater," sagte er endlich entschlossen. „Ich will's versuchen, will gehorchen, will sie nicht Wiedersehen, bevor Du es gestattest. Nicht prahlerisch kann ich versichern, daß ich leicht sie überstehen werde, die Trennung. Ich weiß, ich kenne mich noch nicht genug, um auf mich zu bauen, sicheren Erfolges mich zu rühmen. Zu fest schon hängt meine Seele an dem Mädchen, wurzelt mein Leben an dem ihren. Ich will versuchen, Vater, das ist alles, was ich Dir versprechen kann. Wenn sie dann aber Überstauden ist die Prüfungszeit, wenn Du uns stark, unwandelbar gefunden — was dann, Vater, was daun?" „Laß es soweit erst sein!" fiel Rüben ausweichend rasch ein. Er hätte um die Welt keine Antwort gewußt auf seines Sohnes dringende Frage. Nur Zeit, Frist gewinnen, aus dem Wege räumen die Gefahr; daran lag ihm zunächst. Dann baute er aber auch auf seines Sohnes ruhige, unbeeinflußte Einsicht, und fromm, gläubig, wie er war, nicht zum wenigsten auf Gottes Hilfe. Das letztere sprach er ans, wenn a»ch in anderer Deutung. „Erst soweit sein!" wiederholte er daher. „Vielleicht, daß mittlerweile Gott ein Zeichen schickt." Er drückte fest die Hand des Sohnes. „Ich danke Dir, lieber Julius, für diesen ') Pschetel, gelehrte Abhandlung über Talmud.