Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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ich unaufhörlichen Vexationen ausgesetzt." Levin will ein Haus von einer Etage kaufen, um ein solches von zwei Etagen neu zu erbauen, unb hofft auf die Erfüllung seiner Bitte um so mehr, als er dem Staate „bei den vorgewefenen Lieferungen theils durch selbst übernonunene Entreprisen, teils und besonders aber durch die Herunterbietung anderer sehr nützlich gewesen und ein solches 8ubjeKt für Höchstdero Cassen allhier immer sehr brauchbar ist". Zugleich scheut sich jedoch dieser Petent nicht, die gegen die Juden bestehenden Ausnahmeverordnungen einer beißenden Kritik zu unterziehen. „Ueberdem dürste es tvohl auf eins hinauskommen, ob ein Jude ein ganzes Haus miethet oder sein eigenes bewohnt, da, wenn ihm das erste nicht zu groß ist, er solches allein bewohnt, und wenn ihm das andere zuviel Raum gewährt, er in solchem auch an einen Christen Zimmer vermietet." Auf all das hin wurde Levin nur ganz kurz bedeutet, daß er nicht zum Ankauf eines alten Hauses, sondern nur einer wüsten Stelle den Konsens erhalten könne. Die von Levin hiergegen sofort erhobenen Einwendungen, daß „in den dem Verkehre angemessenen Straßen gar keine wüsten Stellen" vorhanden seien, und daß, „da er doch, wenn er selbst baut, ein Haus in der Stadt besitzen dars", es wohl egal sein dürfte, „ob er oder ein Christ das Haus gebaut hat, da er doch in jedem Fall Eigentümer eines städtischen Grundstücks wird", wurden vom König überhaupt keiner Antwort mehr gewürdigt. Line Mutter. Von Schalom Asch. Deutsch von F. Hurwitz. II. I»»rst anderthalb Jahre sind es, seit Leiser, der Schneider, tot ist. Noch zu seinen Lebzeiten, als sein Husten ihn stark quälte und er nicht niehr imstande war, seine Familie zu ernähren, begann auch Taube Erwerb zu suchen. Als seine Krankheit immer schlimmer wurde, mußte sie schon schwer arbeiten, und als sie Witwe wurde, da war sie schon daran gewöhnt, für die ganze Familie Sorge zu tragen. Der älteste Junge, Jizchokel, hatte ein gutes Köpfchen und war der einzige Lichtstrahl im dunklen Leben des armen Schneiders; noch auf dem Totenbette tröstete ihn der Gedanke, daß er wenigstens einen guten „Kadisch" hinterlasse. Als Leiser starb, hatten die Bürger des Städtchens furchtbares Mitleid mit der unglücklichen Witwe, sammelten etwas Geld, uin ihr zu ermöglichen, einen kleinen Handel zu betreiben, und wissend, daß Jizchokel sehr befähigt sei, nahmen sie ihn ins Beshamedresch, ließen ihn dort lernen und verschafften ihm „Tage". Das Bewußtsein, daß ihr Jizchokel bei reichen Leuten speise, freute sie einerseits, denn er war ja ein so schwächliches Kind, und sie wäre doch nicht imstande, ihn zu pflegen — bei den Reichen hatte er es ja sehr gut — anderseits tat es ihr doch weh, daß ihr Kind bei Fremden speisen müsse. Auch jetzt, während sie am Herde sitzt und für die Kinder das Essen kocht, scheint esihr,als obmanihrihrenJizchokelraube. Als die Kinder gegessen hatten und schlafen gingen, stellte sie das Lämpchen auf den Tisch und machte sich daran, für Jizchokel ein Hemd zu flicken. Bald öffnete sich die Tür, und Jizchokel trat ins Zimmer. Er ist ein Junge von ungefähr 14 Jahren, schlank und mager, sein helles Gesicht blickt ernst aus dem schwarzen Kaftan und unter dem schwarzen Hute hervor. „Guten Abend!" sagt er leise. Die Mutter räumt ihm ihren Platz ein. Er setzt sich, entnimmt dem Schrank ein Buch und blickt hinein. Die Mutter schraubt den Docht des Lämpchens höher empor, wischt das Gläschen mit ihrer Schürze rein und schiebt das Lämpchen näher zu ihm hin. „Willst ein Glas Tee trinken, Jizchokel?" fragt sie leise, von dem Wunsch beseelt, etwas für ihr Kind zu tun. „Nein, ich habe eben getrunken." „Vielleicht einen Apfel?" Er schweigt. Die Mutter macht ein Tellerchcn rein, legt einige Aepfelchen und ein Messer darauf und stellt es vor ihn hin. Er nimmt gemächlich einen Apfel, schält ihn sauber, macht laut eine „Broche" und ißt. Als Jizchokel den Apfel ißt, fühlt Taube sich mehr als Mutter und rückt näher au ihn heran. Und während Jizchokel das zweite Aepfelchen gemächlich schält, sagt er zu ihr: „Ich habe heute mit dein Dajen>) wegen der Reise gesprochen; hier im Lehrhause gibt's für mich nichts zu tun, hier gibt es niemand, bei dem ich noch lernen könnte, und der Dajen riet mir nach Makow in die „Jeschiwe"-) zu fahren; er wird mir einen Brief zu Reb Chaim, dein „Rosch Hajschiwc" I, geben, damit dieser mich Protegiere. Als Taube hört, daß Jizchokel sie verlassen will, erschrickt sie zwar heftig, allein die Worte „Dajen", „Jeschiwe", „Rosch Hajschiwe" erfüllen sie mit unendlicher Ehrfurcht, und sie fühlt sich zugleich glücklich, daß ihr Jizchokel sich mit ihr berate, mit ihr, seiner Mutter. „Nun, wenn der Dajen dieser Ansicht isterwidert sie mit gottesfürchtiger Miene. „Ja," sagt Jizchokel, „dort lernt man ungeheuer viel, dort kann man was Großes werden." Diese Worte beruhigen sie vollkommen. Sie fühlt sich glücklich, kommt sich um so vieles vornehmer vor — dies ist ihr Kind, sie ist die Mutter dieses Kindes, das Herz wird ihr zum Zerspringen voll und sie wird traurig . . . Dann denkt sie an ihren Mann, und laut aufschluchzend sagt sie: „Wenn er das erlebt hätte, wenn er diese Freude erlebt hätte!" Jizchokel blickt ins Buch ... Sie verbrachte eine schlaflose Nacht, die Aufregung über die Abreise ihres Sohnes ließ ihr keine Ruhe. Dann träumte ihr, daß große Rabbiner mit großen Streimel*) und langen Schläfenlocken kämen und ihren Jizchokel von ihr sortnehmen. Ihr Jizchokel trägt auch eine „Streimel" und lange Schläfenlocken, hält ein dickes Talmudbuch in der Hand und geht weit weg mit den Rabbinern. Morgens erwachte sie spät. Jizchokel war schon fortgegangen, sie erledigte rasch alles für die Kinder und eilte nach dem Markte. Bei ihrer „Stell" sitzend, sieht sic in Gedanken ihren Sohn schon als Rabbiner in einer großen Stadt, sich ihm zur Rechten, einen Strumpf strickend, und Jente kommt mit einem Tellerchen herein, um eine „Schaale"J zu frageil. Inzwischen kommt aber eine Käuferin auf sie zu und stört sie in ihren Luftschlössern. h Dajen, Rabbiner-Stellvertreter. 2) Jeschiwe, Hochschule für Talmndisten. 8) Rosch Hajschiwe, Rektor der Hochschule. *) Streimel, Pelzmütze für Sabbat und Feiertag. 8) Schaale, Frage.