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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-12 · Heft 28 (12.7.1907) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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Wer zwischen seinen Worten und seinem praktischen Verhalten als Rabbiner einen solch klaffenden Widerspruch hervortreten läßt, kann nicht erwarten, daß man seinem Gutachten irgend welche Beachtung schenkt, ja es überhaupt ernst nimmt. Mag die Orthodoxie immerhin mit Schadenfreude die Tatsache konstatieren, daß auch Rabbiner freisinniger Gemeinden mit an ihrem Strange ziehen und den religiösen Fortschritt der deutschen Judenheit zu hemmen suchen: das von dem Großherzoglich Badischen Oberrate der Israeliten herausgegebene Gebetbuch, das vom Geiste der Wahrheit, der Pietät und der Friedensliebe durchweht ist. das der historischen Entwicklung des Judentums sowie den liebgewonnenen religiösen Gewohnheiten und Bräuchen ländlicher Gemeinden und der süddeutschen Juden überhaupt gebührend Rechnung trägt, wird trotz einzelner noch zu verbessernder Mängel und Fehler, die nicht geleugnet werden sollen, mit Gottes Hilfe sich in die badischen Gemeinden Eingang verschaffen, zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung der Andacht der badischen Juden wirksam beitragen und vielen in dankbarer Erinnerung an die ihnen an geweihter Stätte gewordene Erbauung noch nach Jahren den Psalmvers entlocken: „Froh folgt’ ich, als der Ruf erging: Laßt uns zum Hause Gottes wallen!" Die Milche Verteidigung. Von Dr. S. Grzhmisch. II. Inhalt. ie Einsicht in die bisherigen Abwehrbewegungen im Judentume ist eine sehr wichtige Bedingung für den klaren und gründlichen Aufbau der jüdischen Verteidigung in der Gegenwart, denn abgesehen von ihrem Eigenwert und der froh-ernsten Erhebung, die sie dem Gemüte gewährt, leistet sie sehr wesentliche Hilfe bei der Durchleuchtung der feindlichen Gebiete und liefert auch recht wertvolle Waffen. Nun aber dürfen wir zur Betrachtung der Verteidigungslinien selbst in ihrer vollen Ausdehnung und eigenartigen Gestalt schreiten. 1. Wie in früheren Tagen, so ergeht auch heute noch an uns Juden der Ruf: „Nehmet eure Seelen in acht", nehmet sie in acht vor den schädlichen Kräften der modernen Kultur. Von ihren Segnungen zu reden, ist überflüssig. Wer in ihren geistigen und künstlerischen Schätzen wirklich lebt nnd der reichen Genüsse gedenkt, die ihre technischen Mittel unserem Leben gewähren, wer der vielfältigen Bewegung und Spannung, in die sie unsere Seele versetzt, mit Innigkeit sich bewußt wird, der wird trotz aller Anstrengungen und Sorgen nicht aus ihr fliehen mögen. Aber eins gibt sie uns nicht, den Jdealis mus. Trotz aller menschenbeglückenden Gedanken, die aus den Klassikern in unseren Geist strömen, trotz aller Wohlfahrtseinrichtungen und ehrenamtlichen Beschäftigungen zieht das wirkliche Leben selbst den Gebildeten mit stiller, aber unheimlicher Gewalt in die niederen Sphären hinab. Unentbehrlich ist und bleibt uns nach wie vor unsere uralte und doch ewig junge Mutter, die Religion, weil sie uns ein System von Geboten und Einrichtungen darbietet, die tief in unser Leben einschneiden und unserem Wesen angepaßt sind, die uns befähigen wollen, dem rastlosen Feinde unseres Wohlergehens zu trotzen. Es gibt nicht wenige, die von diesem Zwecke derselben keine Ahnung haben, und anstatt das erzieherische Genie des jüdischen Geistes zu bewundern, nicht bloß das Veraltete, nein alles wegwerfen, was irgendwie ihre Freiheit oder besser Bequemlichkeit beeinträchtigt. Ihnen gegenüber wird der ernste, durch Geschichte und Wissenschaft belehrte Mensch bei aller Freiheit der religiösen Ueberzengung und ohne sich knechtisch an sie zu binden, doch durch die Tat bekunden, daß er ihren hohen Wert für die Förderung des sittlichen Lebens nicht verkennt, denn sie wecken in der empfänglichen Seele die edleren Regungen nnd stärken und befestigen sie immer von neuem, sie bilden die Gefäße, welche den zarten, feinen Hauch der idealen Gedanken und Gefühle vor den rauhen, zerstörenden Alltagswinden beschirmen, sie verhüten, daß wir unsere körperlichen und geistigen Kräfte in Tand und Flitter zerstreuen, sammeln sie vielmehr an, um sic in edlen Kulturgütern zu entladen. Lassen wir uns nicht durch das Geschrei der Gegner beirren, wir sonderten uns ja durch Befolgung jener religiösen Vorschriften aus freiem Antriebe von der großen Gesellschaft ab, denn das ist eine Unwahrheit, nichts hindert uns, hindert, wie zahlreiche Beispiele beweisen, selbst den Strenggläubigen an der Pflege eines herzlichen Verkehres mit Nichtjnden, wenn diese nur selbst Geneigtheit dazu bekunden. Hüten wir uns aber auch davor, die Religionsformen als eigentliches Ziel zu betrachten, denn sie sind Werkzeuge und zum nicht geringen Teile Werkzeuge der Abwehr gegen das, was die Höherentwicklung unserer Seele hemmen könnte. 2. Nebst diesem Feinde, der bei weitem der gefährlichste ist, weil er unser Bestes bedroht und still, ungesehen, unermüdlich mit seinen weichen Armen uns umschlingt, haben wir denjenigen entgegenzutreten, welche vom christlichen Standpunkte aus den Quell der jüdischen Kultur, die angestammte Religion, herabwürdigen. Hier hat sich die Kampfweise ein wenig geändert, man hört nicht mehr so stark wie einst den Ruf, Gott habe Israel, das beweise sein Schicksal, offenbar verworfen; auch den Gedanken, den Juden würde von Religions wegen Verbrechen wie der Ritualmord oder der Abscheu gegen Andersgläubige befohlen, auch diesen Gedanken wagt man nur noch in die unwissenden, rohen Volksmassen hineinzuschleudern, tun die Brandfackel leidenschaftlichen Hasses zu entzünden, hingegen werden Schächtgebot, Speisegesetze, Beschneidung und ähnliches auf das eifrigste herausgestellt, um den niedrigen Rang des ganzen mosaischen Bekenntnisses zu kennzeichnen. Vor allem aber erscheint man im Gewände der Wissenschaft und untersucht auf das gründlichste die Heilige Schrift, um darzutun, daß viele ihrer Bücher weder an Alter noch an Inhalt die ihnen gezollte Verehrung verdienen, und stellt dann das Judentum als im Gesetze erstarrt hin, während das Christentum die reine Sittlichkeit verkünde. Da gilt cs wiederum, ein Bollwerk der Verteidigung anfzurichten; mit Recht suchen unsere theologischen Gelehrten solche oft unter dem Scheine eindringendster Wissenschaftlichkeit vorgebrachten Irrlehren zu widerlegen, und unser hochverehrter Altmeister der jüdischen Wissenschaft, Oberrabbiner Tr. Güdemann, hat sogar schon in einem trefflichen Werke dieses ganze Gebiet behandelt. Wenn er aber dieses Werk schlechthin „Jüdische Apologetik" nennt, so möchte ich mir in aller Bescheidenheit die Bemerkung gestatten, daß der Inhalt sich doch allein auf das Christentum bezieht, also nur einen Teil der gesamten jüdischen Apologetik umfaßt, weshalb vielleicht der Untertitel „I. Teil: Judentum und Christentum" am Platze wäre. — Diesen theoretischen Angriffen entspricht in der Praxis die haßdurchtränkte Arbeit Stöckers und seiner antisemitischen Freunde, sowie mannigfache Bekehrungsversuche der christlichen Missionen, die unterstützt werden durch große gesellschaftliche und berufliche Vorteile, welche der Uebertritt zur Staatskirche

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