Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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Aber es gibt Glaubensgenossen, die selbst diese Bilanz noch nicht für sehr bedenklich, ja geradezu niederschmetternd erklären,da sie der Ansicht Bismarcks sind, das; arisches und semitisches Blut eine gute Mischung ergeben würde. Nun, wir sind vorher von dem Gedanken ausgegangen, daß die Familien die Träger der Tradition sind; können diese tausende von Mischehen tatsächlich solche Altäre für unsere Religion sein, wie wir ihrer heute mehr als je dringend bedürfen? Es könnte ja Optimisten geben, welche glauben, daß wir, wenn auch nicht die ganzen, so doch einen Teil jener Andersgläubigen, welche Juden heiraten, als neue Glaubensbrüder oder Schwestern erhielten, oder daß wir wenigstens durch die Geburten eine Stärkung an Zahl erfahren würden. Aber — und das ist cs gerade, worauf nicht dringend genug hingewiesen werden kann — von den in den obenerwähnten Mischehen geborenen Kindern wurde überhaupt kaum der vierte Teil als Inden gemeldet — alle übrigen wurden gleich bei der Geburt dem Glauben des nichtjüdischen Teils der Mischehe zugeführt. Bedenken wir, daß auch von diesem vierten Teil der Kinder im Laufe der Entwicklung erfahrungsgemäß noch ein guter Teil verloren geht, dann müssen wir uns gestehen, das; Mommsen nicht so unrecht hatte, als er von einem Aufgehen der Juden, von einer Annäherung derselben in Deutschtum und Christentum sprach. Für uns aber, die wir das Judentum erhalten wollen uns und unseren Kindern, diesen Bürgen der Zukunft, ans denen all' unsere Hoffnungen beruhen, gilt die sehr ernste Mahnung: Videant consules! Dir Woche. Berlin, 9. Juli. erschiedene Vakanzen von großer Bedeutung für das Universitätsleben in Preußen haben in der abgelaufeuen Woche das traurige Kapitel der jüdischen Professoren, die seit Mühler nur selten oder gar nicht zu Ordinarien ernannt werden, wieder in Erinnerung gebracht. Zunächst handelt es sich um den Nachfolger des Prof. v. Leyden in Berlin. Ersichtlich will man dem ausschließlich aus konfessionellen Gründen bisher stets zurückgesetzten Prof. Senator es nicht antun, durch seine „Beförderung" auf den Leydenschen Lehrstuhl seine bisherige Position als eine mindere zu markieren, was sie formell und traditionell in Wirklichkeit ist; man hält daher die Fiktion aufrecht, daß für Senator, der sonst an wissenschaftlicher Bedeutung und Lehrerfahrnng alle Bewerber aus dem Felde schlagen würde, gewissermaßen ausgesorgt sei. Fraglich wäre auch, ob Senator jetzt noch Lust hat, sich zu „verändern"; hat er es ohne die Guadensonne der Osfiziosität in seiner Jugend zu hohen Ehren in der ganzen medizinischen Welt gebracht, so kann ihm „die Nachfolge Leydens" jetzt absolut nichts mehr dazutun. Einstweilen hat nun die medizinische Fakultät unter gefühlloser Nichtachtung hundertfachen Sehnens sich an die bedeutendsten inneren Kliniker gewendet, ob es sie nicht gelüste, ihre Lehrstühle mit dem Lehrstuhl in der Reichshauptstadt zu vertauschen. Sie haben alle abgelehnt. Nun werden wieder zwei Namen genannt. Darunter der eines frisch getauften Professors. Nur jüdische Namen nennt man nicht. Der zweite Fall von allgemeinem Interesse ist der Rücktritt des Prof. Hermann Munk von seinem Lehramt. Man erinnert sich dabei im Zusammenhänge, das; dieser Mann, der unter den Vertretern der Physiologie in der ganzen Welt an erster Stelle steht, im Frühjahr 1897 von der Fakultät primo loco als Nachfolger du Bois-Reymonds vorgeschlagen, von der Regierung aber ebenfalls nur aus konfessionellen Gründen und weil er zu diesem Zweck das sacrificio dell' inteletto nicht bringen wollte, nicht bestätigt wurde. In derartigen Verhältniffen liegt ohne Zweifel ein gut Teil der vielbeklagten Misere der preußischen „Gelehrtenrepubliken", die schließlich den außerpreußischen Gelehrten einen Verzicht auf die ersten Lehrstühle im Deutschen Reiche geboten erscheinen läßt. Es ist nur noch eine fromme Tradition, wenn man die Dinge so darstellt, als ob in Preußen die Besetzung der Professuren von den Fakultäten abhinge: tatsächlich gibt das Kultusministerium den Ausschlag, so daß man sehr wohl sagen kann, in Preußen werden die Universitäts Professoren von der Regierung ernannt. Und deshalb du feststehende, gleichfalls traditionelle Zurücksetzung und Jgna rierung der jüdischen Professoren! ft Die Frage des Wahlrechts der Ausländer ii den jüdischen Gemeinden Preußens wird seltsamerweise vor verschiedenen Behörden verschieden beantwortet, obwohl das Judengesetz von 1847 bereits eine sehr klare Antwort gegeben hat. Bekanntlich hat der Oberprüsident der Rheinprovinz du Frage jüngst bejaht. Dagegen hat nun das Oberverwaltung^ gericht jetzt eine merkwürdige Entscheidung getroffen. Naü dieser ist ein Rechtsstreit, d. h. der Klageweg auf Anerkennung des Geineindewahlrechts ausländischer Juden, überhaupt aus geschlossen, und nur der Weg der Beschwerde an Regierungs Präsident und Oberpräsident zulässig, die allein befugt sind hierüber Entscheidung zu treffen, und zwar der Oberprüsiden endgültig. In eine Prüfung der Frage selbst, ob dem be treffenden ausländischen Glaubensgenossen zu Recht oder Un recht das Wahlrecht vorenthalten worden ist/ ist das Ober Verwaltungsgericht überhaupt nicht eingetreten. Es ist doo kaum anzunehmen, daß, solange das Judengesetz von 184 noch in Geltung ist, eine andere Entscheidung als die de rheinischen Oberpräsidiums möglich sei. * Ein Mitarbeiter des frommen „Reichsboten" hatte jüngs bei dem rumänischen Ministerpräsidenten Sturdza ein Audienz. In dieser betonte der alte Diplomat, daß er sich ü seiner ganzen Laufbahn den Fürsten Bismarck zum Mußte genommen habe. Der Bericht über die Audienz enthäl folgenden Satz: „Und noch eins," sagte er zum Schlüsse, als er mir zum Ab schiede die Hand reichte, „keine rumänische Regierung darf den Jude den Erwerb von Land gestatten." Ist dies auch das Beispiel des Fürsten Bismarck, der bei Berliner Vertrag zustande brachte? Dem Mitarbeiter de „Reichsboten" imponierte diese Anschauung natürlich i hohem Grade und er schließt seinen Bericht: „Es war nach Mitternacht geworden; mit Bewunderung u Herzen schied ich von dem großen Manne, der nun an die Lösnn der schweren Fragen gehen will, die auch schon den Fürsten Bnlo beschäftigten, als er noch Gesandter Deutschlands in Rumänien war Wir glauben nicht, daß selbst in Rumänien viele in die Bewunderung des alten und veralteten Judenfeindes ein stimmen werden. ft Das Thema: „Russische Revolution und russische Juden ist jetzt sehr beliebt. Kürzlich veröffentlichte der „Tag" einen