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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-12 · Heft 28 (12.7.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 12. Juli 1907. WWWWWW 71. Jahrgang eitung desZudentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Ludwig Philixxson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendunssen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judentums^, Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen viertehährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. «r.!8. Milchehrn. Berlin, 9. Juli. ie Kämpfe, die vor kurzem innerhalb unserer Gemeinde ausgefochten wurden und wahrlich auch nicht mit einem Sieg der angreifenden Partei ihr Ende fanden, hatten zwar zunächst eine lokale, darüber hinaus aber doch auch eine grundsätzliche Bedeutung, der nachzugehen als eine dringende Notwendigkeit erscheint. Zu gleicher Zeit wurde nämlich in einer größeren Gemeindeverwaltung die Frage der Mischehe verhandelt, und es zeigte sich auch in diesem Falle die Duplizität der Ereignisse mit überraschender Deutlichkeit. Kam doch selbst hier merkwürdigerweise dieselbe Anschauung zum Ausdruck, die bei diesem Anlaß — allerdings von nichtjüdischer Seite — offen ausgesprochen wurde: Das Aufgehen der Juden in die allgemeine Bevölkerung ist erwünscht und zu erwarten. Hat nun diese Ansicht irgend eine Berechtigung? Das' ist die Frage, die uns hier beschäftigen soll und die j seit Jahrzehnten alle beschäftigt, denen die Erhaltung und die Zukunft des Judentums wirklich am Herzen liegt. Wir alle, von der entschiedensten Reform bis zur strengsten Orthodoxie, sind fester Ueberzeugung, daß das Judentum noch eine große Zukunft hat, daß die Religion der Juden berufen ist, alle Menschen zu einen in dem Glauben an einen einzigen außerweltlichen Gott, Wir sind ferner alle der Ansicht, daß die Juden eine Gesa'.ntheit darstellen mit eigener Sprache und Literatur, mit einer großen Vergangenheit und einer nicht minder großen Zukunft. Viele von uns sind freilich auch der Meinung, daß die Inden eine. Rasse darstellen, so rein oder so wenig rein, wie irgend eine andere Rasse oder Volkheit — ferner, daß sie noch eine große Anzahl von Eigenschasten besouderer Art repräsentieren, um sich genügend von anderen Völkern unterscheiden zu können und daß es wert ist, diese Eigentümlichkeiten zu bewahren, zur Ehre unserer Vorfahren und zum Wohle unserer Nachkommen. Andere sind in dieser Beziehung — wie gesagt — entgegengesetzter Ansicht und stützen sich dabei auf die Urteile hervorragendster Gelehrter. In dein Einen treffen sich aber alle aufrichtigen Bekenner des Judentums, in der Ueberzeugung, daß dasselbe als religiöses Bekenntnis in seiner unterscheidenden Eigenart erhalten werden muß, bis es die von seinen Propheten geweissagte weltgeschichtliche Mission erfüllt und die ganze Menschheit in dem Bekenntnis zu Gott und zu sittlicher Freiheit geeint hat. Nicht die Vergangenheit ist die Zukunft eines Volkes. Mag die Vergangenheit mit ihrem Glanze die ganze Welt erleuchtet haben, »nag an ihren: Lichte sich entzündet haben, was das Dunkel bis in die finstersten Winkel erhellt hat — immer wieder muß neu dein lebenden Geschlechte errungen werden, was das vergangene geschaffen. Nirgends wie hier trifft das Wort Goethes zu: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Wenn das heilige Gut und Erbe nicht innner wieder zu einem lebendigen Besitz gemacht wird, ist es der Zukunft unserer Gemeinschaft verloren. Wer war nun bis hierher der Träger der Tradition? Die Familie! „Du sollst es deinem Sohne erzählen"; aus diesem Wort hat die lebendige Kraft unserer Ueberlieferung beruht, von Geschlecht zu Geschlecht, von Land zu Land, ob in Freiheit oder in Knechtschaft — der Pater hat dein Sohne, dem ganzen Hause, das, was er selbst überkonimen, „in: Geist der Zeiten trerllich bewahrt und vererbt". Und was sehen wir heute? Die Statistik für die Misch-! ehen in Deutschland zeigt uns ein rapides Aufgehen in das Deutschtum. 7- Den Liberalen aller Kulturländer ist eine Assimilation natürlich sehr erwünscht. Die leidige „Judenfrage", die ihnen selbst in ihrer „für Fortschritt und Freiheit" kämpfenden Partei zu schaffen macht, wäre danüt einfach ans der Welt geschafft. Hat doch selbst ein Theodor Mommsen, anläßlich einer Verteidigung der Juden gegen ihre Feinde, der festen Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß es, wenn die Emanzipation durchgeführt werden würde, bestimint und in nicht zu langer Zeit zu einem Aufgehen der Juden in: Deutschtnm und natürlich auch im Christentrun, wie es die moderne Welt auffaßt, komiueu würde! Was sagt nun die Statistik darüber, speziell die der Mischehen in Deutschland? Hier ist sie: Deutsches Reich 1905') Jüdische Ehen 3905 M ischehen *) 819 ■= - 21 Prozent Preußen . . . „ 2592 „ 012 23„ Berlin . . . . „ 029 „ "*171 ~ 27Vo „ Schleswig-Holstein „ 18 „ 21 Sachsen . . . . „ 49 „ 24 Bremen . ... „ 0 „ 6 Mecktenburg-Strelch,, — „ (> Hamburg . . . „ 104 „ 61 *) Juden und Christen. i) Die statistischen Zahlen sind zum Teil der Zeitschrist für Demographie und Statistik entnommen. Nur befindet sich dort ein schwerer Irrtum. Die Zahl der Mischehen in Berlin im Jahre 1905 ist aus 279 angegeben, während sie nach dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin sür 1905 tatsächlich nur 171 beträgt. Das ist doch ein großer Unterschied!

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