Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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auf den israelitischen Staatenbund, dem Juda ursprünglich nicht angehörte, entstanden sei. Wie bei den südsemitischen Völkern überhaupt, sei das Reich ein Wahlkönigtum gewesen. Bei genauer Prüfung zeige sich auch, daß die meisten der uns überlieferten Berichte über Regierungsantritte tatsächlich an gewählte Könige denken. Leider sei aber bei den meisten Herrschern über den Regierungswechsel nichts wie die stereotypen Formeln des deuteronomistischen Bearbeiters der Königsbücher erhalten. Im Lande Juda sei schließlich eine Art von erblicher Monarchie eingetreten, indem irgend ein Sohn des verstorbenen Monarchen, aber durchaus nicht immer der älteste, zum König gewählt wurde. In Israel artete das Königstum in die Despotie von Soldatenkönigen aus. Zum Schluß ging der Vortragende auf das Königsgesetz des Deuteroniums und auf Samuels Warnung vor dem Königsturn ein, um zu zeigen, daß beide Produkte aus der Zeit des verfallenden Königtums sind, in denen schon sich der im Exil zur Tatsache gewordene Sieg der geistlichen Macht über die weltliche ankündigt. 8. Berlin, 3. Juli. Nach einem gerichlsärztlichen Gutachten ist Graf Pü ckler-K lein-Tschiene ein geisteskranker Mensch, der sich bereits im September 1906 in einem die freie Willensbestimmung ausschließenden Zustand krankhafter Störung der Geistestütigkeit befand. Er ist infolgedessen am 25. d. M. aus dem Strafgefängnis zu Tegel entlassen worden, und es ist den Behörden zur Pflicht gemacht, die durch seinen Geisteszustand gebotenen Maßnahmen zu treffen, sofern er versuchen sollte, öffentlich aufzutreten. Dem Vernehmen nach wird ihm aber das öffentliche Auftreten polizeilich nicht mehr gestatlet werden, da es geeignet ist, ernstliche Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit hervorzurufen. — Das Landgericht Berlin I hatte am 15. März den Grafen Pückter-Klein- Tschirne wegen Aufreizung zu Gewalttätigkeiten zu einen Monat Gefängnis verurteilt. Zur Anklage hatten zwei Reden gestanden, die der Graf hier am 12. Juni v. I. bei Buggenhagen und am 3. Juli v. I. in den Arminhallen gehalten hatte. Das Reichsgericht hat die Feststellungen des angegriffenen Urteils nicht für einwandsfrei angesehen, das Urteil wurde ausgehoben und die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Vorinstanz zurückverwiesen. Kp. Aus der Provinz Posen, im Juni. Dem Ziegeleibesitzer Hermann Marens in Sulmierzyce ist in Anerkennung seiner Tätigkeit um Hebung des seit zehn Jahren dort bestehenden deutschen Schießvereins sowie seiner Fürsorge für die Kaiser Wilhelm-Stiftung für deutsche Invaliden der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden. — Glasermeister Marcus in Ostrowo beging am 18. d. M. seinen 70. Geburtstag. Es sind ihm aus diesem Anlasse zahlreiche Ovationen dargebracht worden. Marcus ist langjähriges Mitglied im Aufsichtsrate des Vorschubvereins daselbst und hatte innerhalb der jüdischen Gemeinde mehrere Ehrenämter inne. — Zum ersten Vorsteher der Synagogengemeinde in Krotoschin ist Kaufmann Julius Neu mark neugewählt worden. — Dem Kaufmann Sall y Schendel in Bromberg ist anläßlich seiner 25jährigen Zugehörigkeit zur Schützengilde daselbst ein Ehrendiplom überreicht worden. i'. Posen, 25. Juni. Der Probst Theophil Gapczynski aus No gasen hatte sich gestern vor der II. Strafkammer des hiesigen Landgerichts aus sechs verschiedene Anklagepunkte zu verantworten. Die Anklage wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten bezieht sich auf den Bericht des Polizeiassessors Augustini über eine am 10. Februar d. I. in Nogasen abgehaltene „Straz"-Versammlung. Unter anderem sagte der Angeklagte: „Zu ihrer Verteidigung brauchen die Polen Geld! Wieviel polnisches Geld wird aber noch zu den Juden getragen! Ich habe in polnischen Häusern überall Kalender gesehen, welche nicht von Landsleuten stammen, jüdische Bilder; beinahe die ganze Parochie kauft leider bei den Juden! Sind denn die Juden die Freunde der Polen? Bei den Wahlen hätten Sie sehen können, wie diese sich verhalten haben. Selbst Gebetbücher werden bei den Juden gekauft! Wie danken die Juden den Polen dafür? Ein Beweis dafür bildet die Umtaufung des altpolnischen „Jnowrazlaw" in „Hohensalza"! Dafür, daß sich die Jnowrazlawer Juden an dem polnischen Adel und dem polnischen Arbeiter bereichert haben, haben sie „Jnvwrazlaw" in „Hohensalza" umgetauft. Jetzt leben sie vom polnischen Gelbe in Berlin! Pflicht des polnischen Volkes ist es, fortan um? bei Landsleuten zu kaufen, sonst begeht man eine Sünde an der Nation! „Swoj do swego!" „Ein jeder zu den Seinigen!" — muß das Losungswort eines jeden Polen sein. Diesen Spruch müßte ein jeder Pole über seiner Tür anbringen; seiner Frau müßte ein jeder Pole einen Zettel auf den Rücken kleben, wenn sie in die Stadt geht. Wenn die Frauen Waren von Andersgläubigen nach Hause bringen, sollten die Männer diese Waren hinauswerfen. Weshalb bereichern sich denn alle Juden? Weil sie es „verstehen"? Ich will nicht zum Boykott auffordern, nicht Rassenhaß gegen die Deutschen predigen, sondern dem Volke dartun, daß es sich verteidigen müsse. Gebt mir die Versicherung, daß Ihr alle fortan nur bei unseren Landsleuten kaufen werdet!" Die Versammelten riesen begeistert: „Wir versprechen das!" Das Gericht erkannte auf eine Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis gegen den Angeklagten. n. Dessau, 29. Juni. Heute beging im großen Saale des Kristallpalastes die hiesige israelitische Gemeinde das sünfundzwanzigjährige Jubiläum des Herrn Geheimen Kommerzienrats Sonnenthal als Mitglied und Vorsitzenden ihres Vorstandes. In seiner Festrede feierte der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, Herr Rechtsanwalt Tr. Cohn, in eindrucksvoller Weise die Verdienste des Jubilars um Finanzwesen, Kultus und Religionsunterricht, um die innere Ruhe und das äußere Ansehen öer Gemeinde. Prolog und Lieder, versaßt von Herrn Stiftungssekretär Rosenbaum, Ansprachen von diesem sowie von den Herren Landesrabbiner Tr. Walther und Rechtsanwalt Dr. Ascher, musikalische Vorträge von Fräulein Hanna Cohn, Fräulein Evelyn und Herrn Hofmusikus Brückner verschönten die wohlgelungene Feier. Die Stadtgemeinde ließ dem um die Erhaltung des konfessionellen Friedens in unserer Stadt wohlverdienten Jubilar ein prächtiges Blumenarrangement mit einem herzlichen Glückwunschschreiben überreichen. Möge dem Jubilar beschieden sein, in seinem verantwortungsvollen Amte auch das goldene Jubiläum feiern zu dürfen! x Leipzig, 2. Juli. Auf eine gegen das Ausländertum an der hiesigen Universität und anderen Hochschulen gerichtete Eingabe des hiesigen antisemitischen „Deutschsozialen Vereins", die kurz nach den letzten Reichstagswahlen an die KreishauptmannschaftLeipzig gerichtet wurde, ist jetzt eine Antwort eingegangen, die besagt, daß die genannte Regierungsbehörde in Erwägung gezogen habe, ob das Verhalten der ausländischen Studierenden eine Aenderung ihrer Behandlung gebiete. „Zu diesem Behufe sind in den Orten, die ausländischen Studierenden zum Aufenthalt dienen — Leipzig und Mittweida — und nicht minder überall da Erörterungen angestellt worden, wo dergleichen junge Leute nach Zeitungsnachrichten sich während der letzten Reichstagswahlkampagne unliebsam bemerklich gemacht haben sollten. Das Ergebnis der gedachten Erörterungen ist äußerst gering, so gering, daß zur Ergreifung irgend welcher Maßnahmen kein Anlaß vorliegt. Selbstverständlich wird die Frage indessen im Auge behalten werden." Die Uebertreibnngen, mit denen der Antisemitismus in Ausländerfragen mit Vorliebe seine Agitation betreibt, haben also im vorliegenden Falle auch einmal von anrtlicher Stelle Zurückweisung erfahren. U. Hamburg, 27. Juni. Das fünfzigjährige Jubiläum des Israelitischen Mädchen-Waisenhauses „Paulinenstist" wurde gestern hier gefeiert. Es hatten sich dazu in den festlich geschmückten Räumen des Instituts außer den Damen und Herren der Verwaltung viele Freunde und Gönner der Anstalt und ehemalige Zöglinge eingefnnden. Der Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde war durch den Gemeindepräses Herrn Levin Lion und Herrn M. Beith vertreten, auch Delegierte vieler Gemeindeinstitutionen waren erschienen. Nachdem auch die Kinder in ihren Feiertagskleidern sich versammelt hatten, wurde der Festakt mit einem stimmungsvollen Gesangsvortrag eingeleitet. Ein kleines Mädchen sprach hierauf einen Prolog. Sodann hielt der Vorsitzende des Instituts, Herr Otto May, eine Ansprache. Er gedachte zuerst der eigentlichen Gründer der Herren Gebr. Jaffe, die ein unvergängliches Denkmal echt jüdischer Wohltätigkeit einer teuren Verstorbenen gesetzt haben. Der Redner gab dann ein getreues Bild der Entwicklung der Anstalt, sprach namentlich den Behörden unserer Stadt, allen Freunden und Gönnern den Dank der Verwaltung aus. Er dankte