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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-05 · Heft 27 (5.7.1907) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 27 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 324 (sequence 12)
Language
German
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324 Er wird Dir gefallen, der junge Mann, selten vernünftig, frei denkend, von braver Gesinnung. Siehst Du, ich hätte sogar' nichts dagegen, wenn Ihr Euch einander anschlössct, mit einem Worte, befreundetet." „Ich schließe mich so leicht nicht an, Vater, wie Du weißt. Deine Empfehlung," sagte er lächelnd, „das ist freilich etwas anderes, da muß ich schon gehorchen." Sie waren mittlerweile die Rosenthalerstraße entlang gegangen und wendeten sich nun über die Spandaucrbrücke der Rosen straße zu, um nach dem Reuen Markte zu gelangen, in dessen Nähe das jüdische Speisehaus lag. „Sie sind alle wohl zu Haus, Julius, und sende» Grüße uud Aufträge in Menge. Ich habe ihre Zettelchen im Koffer- Und was mich hergebracht, lieber Sohn," fuhr Rüben, nun zum Ziele koinmend, sehr ernst fort, „das ist die Sorge um Dich!" „Um mich?" rief Julius erstaunt mit ungläubigem, fröhlichem Lachen. „Das wäre! Du siehst, wie ganz unbegründet sie ist; ich bin ganz wohl! Ich habe lange nicht geschrieben/ das ist wahr, aber der Grund lag —" „Tiefer, ich weiß," unterbrach ihn der Vater. „Er betraf Dein Seelenheil." Der junge Mann fuhr betroffen zusammen. „Was meinst Du damit, Vater? Ich verstehe Dich nicht." „Warum weiß ich nichts von Deiner Liebe, Julius, zu diesem Mädchen? Warum hieltest Du das vor Deinem Vater geheim?" fragte er bekümmert. Glühende Röte stieg in des jungen Mannes Stirn; er »var so bestürzt und verwirrt, daß ihm die Sprache fehlte. „Ein reines Gewissen, Kind, hat nichts zu verbergen, und ich muß erst durch andere erfahren, was mein Sohn mir zuerst hätte anvertrauen sollen!" „Es wäre Dir nicht verborgen geblieben, Vater," erwiderte Julius, endlich sich fassend. „Du solltest es auch erfahren — ich — ich wollte Dich nicht vorher unnötig beunruhigen." „Vorher nicht beunruhigen! Bis wann denn? Beunruhigen! Ja, das ist das Wort, Julius! Warum kann ich nicht ruhig sei»? Ist es auch wahr, was man mir sagte: mein Sohn, mein Sohn stehe im Begriffe, seinem Gotte, seinem Glauben, seinem Vater untreu zu werden um eines Mädchens, einer Christin willen?" Julius hatte den Hut abgenomnien und fuhr sich wie verzweifelt mit beiden Händen durch sein lockiges Haar. Rubens Auge traf das seine, als wollte es aus den Grund der Seele dringen. „Rein, Vater, nein! Ich stehe nicht im Begriffe, habe überhaupt noch gar nichts entschieden, an gar keine nähere, bestimmte Zukunft gedacht! Aber, Vater, um eine Möglichkeit zu verstehen, zu begreifen, alles, alles, was ich auf dem Herzen habe — warum, wieso alles das gekommen — wie soll ich es Dir erklären, auseinandersetzen! Das läßt sich hier in Hast und Jagd in ein Paar Worten nicht machen! Du müßtest sie eben selbst kennen lernen, Vater, meine Ernestine, in ihrem ganzen Werte, ihrem treuen Herzen, ihrer Bravheit, ihrer liebenswürdigen Bescheidenheit und ihrer Anmut! Kenntest Du sie nur, wie ich sie kenne, gewiß, sie würde Dir willkommen sein." „Du weißt nicht, was Du sprichst!" entgegnete Rüben entrüstet. „Die Liebe hat Dich bereits blind gemacht! Dir, sonst mein frömmstes Kind —" „Das bin ich noch, Vater, und werde es bleiben, im Herzen immer, immer, oder ich wäre nicht wert, ein Jude zu sein." „Und doch konntest Du denken an eine Möglichkeit!" „Ja, Vater, ja; darum eben der Zwiespalt meines Herzens. Ich will es Dir gestehen, ich habe schon gerungen, Vater, und gekämpft, hin und her erwogen und gegrübelt, ohne einen Ausweg zu finden, der mich versöhnte. Hier meine Religion — dort meine Liebe!" „Ach Kind, Kind!" rief Rüben schmerzlich ans, „daß Du schon zweifeln, kämpfen konntest! Ein Vorläufer der Schwäche, der Versuchung, der Du unterliegen wirst! Ein Mann, ein Jude darf die Ueberzeugung nicht opfern irdischer Liebe, ohne Schaden zu nehmen an seinem Heiligsten, der Wahrheit seiner Seele, der Reinheit des Gewissens!" „Ich habe ja noch nichts entschieden, lieber Vater, bin mir selbst nicht klar geworden, noch zu keiner Entscheidung, keinem Entschluß gelangt! Ich will Dir treu bleiben und meinen Vätern, ich weiß aber auch, daß ich von ihr nicht lassen kann, nicht lassen will —" „Sei so glücklich, als Du kannst ohne Deines Vaters Segen," erwiderte Rüben hart und bitter. „Ich verweigere meine Zustimmung. Nie, nie willige ich in Deinen Glaubenswechsel, das ist mein letztes Wort." „Vater, Vater! Laß uns so weit nicht gehen —" „In einem Jahre erst wirst Du viernndzwanzig Jahre, erreichst Du Mündigkeit — bis dahin halte ich Dich. Handelst Du dann gegen mein Verbot — Julius, Julius — ich risse Dich aus meinem Herzen, ob es an dieser Wunde auch verblutete!" Rüben schwieg, es wurde ihm seltsam ums Herz. Sein Gespräch mit den: jungen Theologen fiel ihm ein, und was er selbst gesagt von der Versöhnung beider Konfessionen. Aber ach, auch er erfuhr an sich, daß es leicht ist, die edle Theorie aufstellen, und furchtbar, unüberwindbar schwer das Handeln nach ihr, wenn es an unser Liebstes greift. lFortsctzung folgt.) Sprkchlsa!. Sehr geehrte Redaktion! Infolge Ihrer Anregung in Nr. 23 Ihrer geschützten Zeitung sind wir vom Großen Oberrat der Israeliten ermächtigt worden, die nunmehr erschienene „Denkschrift zur Begründung des Gebet buchentwurss" (9 Bogen 8°) an außerbadische Rabbiner und Lehrer gegen Einsendung von 60 Pfg. (Hälfte des Ladenpreises) portofrei zu versenden. Andere Interessenten werden sich wegen Bezugs der Denkschrift am besten an die Buchhandlungen wenden, welche sich ihrerseits mit uns ins Benehmen setzen wollen. Karlsruhe, 24. Juni 1907. Hochachtungsvoll Sekretariat des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten. D riesen. Ißrirfliaftnt der Nedaktion. Salz Wedel: An allen Tagen von Rösch Cliodesch Siwan bis Scliebuot wird kein Taclmun gesagt, am 5. bis 3. wegen der Lebloscbel jeme hagbalah, und um da nicht erst zu wechseln, hat man den zweiten gleich mitgenommen. In Schlesien nennt man ihn den jom ha-mejuchos wegen seiner Lage zwischen den großen Ereignissen. Kultusbeamte mit einem Jahreseinkommen bis 2000 Mark sind versicherungspflichtig. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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