Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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323 Die Vorübergehenden, eine Frau erblickend, die allein geht und flucht, lachen. Inzwischen ist die Nacht herangerückt, und finster wurde es im Städtchen. Taube geht mit den Körben nach Hause, schleppt sich mühsam die Treppen hinauf und öffnet die Türe ihrer Wohnung. „Die Mame! Die Mame!" tönen ihr Stimmen entgegen. Im Zimmer war es rauchig, die Kinder umringen sie, immerfort „Mame, Mame" rufend. Eine weinende Kindesstinnne fragte: „Wo warst Du den ganzen Tag?" Eine zweite Stimme klang fröhlicher: „Wie gut ist es, Mame, daß Du schon gekommen bist!" und alle Stimmen schwirrten durcheinander. „Ruhig, Kinderchen! Lasset mich wenigstens Atem holen!" antwortet die Frau, indem sie sich der Körbe entledigt. Sie tritt an den Ofen, sucht etwas, und bald ist das Stübchen von einem kleinen verrauchten Lämpchen beleuchtet. Der schwache Schein des Lämpchens erhellt den kleinen Rauin am Herde, wo Taube steht und zwei kleine Stückchen Holz anzündet. Er fällt auf eine neben dem Bette stehende alte verstaubte Nähmaschine (das Zeichen eines früheren Schneiders) und auf die Hälfte des Bettes, welches sich in der Nähe des Lämpchens befindet. Auf dem Bette ist Stroh ausgebreitet, auf welchem verschiedenes Obst liegt, dessen Gereich sich über das ganze Zimmerchen verbreitet. Der andere Teil des Stübchens samt den Betten verliert sich im Schatten. (Fortsetzung folgt.! Versöhnung. Von M. Herzberg. Vlll. rnestine lächelte bitter. Der Vater schien sich gar nicht bewußt des Opfers, das er schon verlangte! Mit ihm im Bunde sollte sie sein gegen ihr eigenes Lebensglück! Und er, der Geliebte? Da kam Ruhe wieder über sie und Sicherheit; war sie seiner nicht dennoch gewiß? „Fürchten Sie so sehr seine Liebe zu der armen Ernestine?" fragte sie leise. „Gut, auch das! Damit Sie sehen, daß ich stark bin. Prüfen Sie ihn allein, ich werde reisen. Ich habe eine Tante in Striegau. Sie hat mich oft gebeten — noch heute will ich fort — nur bitte ich — nein? Ich darf es nicht? — Nicht mal ein Lebewohl? — Das ist sehr hart — so bleibt all, all meine Rechtfertigung in Ihren Händen." „Mein Ehrenwort, liebe Ernestine," sagte er bewegt, sie 1 bei ihrem Namen nennend, „Ihnen soll Gerechtigkeit widerfahren. Die reine Wahrheit nur wird er hören. Und alle Ihre Kosten, die Arbeitsversäumnis, Kind, die ich verschulde—" er machte eine Bewegung, die Börse zu ziehen. „Vorläufig nicht, ich bitte Sie!" sagte sie dringend. „Ich habe Geld genug." Sie erhob sich und ging langsam, wie matt und müde nach der Tür; alle Jugendlichkeit schien aus ihren Bewegungen geschwunden. „Und werden ihm nicht schreiben?" rief er ihr besorgt nach. „Und werde ihm nicht schreiben." „Ernestine! Kind!" rief er in plötzlicher, warmer Herzlichkeit, sie zurückhaltend. „Gib mir doch die Hand!" Er ergriff sie beide und blickte liebevoll in das gesenkte Gesichtchen. „Gott weiß, ich bin Dir gut, innig gut! So jung und brav! Ach, wie gern, wie gern solltest Du mir Tochter sein, wenn Du —" er brach hastig ab. Sie sah ihn an mit dämmerndem Verständnis. Einen Augenblick flimmerte es licht in ihren Augen auf, dann lächelte sie wehmütig und ging mit einem unhörbaren „Adieu". Und Rüben fühlte, sie würde ihr Wort halten. „Armes Kind!" dachte er, ihr nachschauend. „Wie weich, wie opferwillig, wie gut, wie lieblich! Kein Wunder, daß er mit seinem warmen, empfänglichen Herzen ihr seine Liebe geschenkt." Er seufzte tief auf und versank in Sinnen. Nicht lange hatte er so gesessen, da hörte er draußen die Klingel, einen leichten, raschen Schritt, der sich der Tür näherte — da war er — einen Augenblick sprachloser Ueberraschung — dann — „Vater, lieber Vater! Welch eine Freude!" Da stand er vor ihin strahlenden Gesichts, in der ganzen prangenden Fülle seiner schönen, frischen Jugend. Rubens Herz überwallte. Alles, alles versank in dem Glück der Gegenwart, in dem mächtigen Gefühle des Vaters, der den Sohn, den heißgeliebten, nach langer Trennung tviedersieht. Erschloß ihn in seine Arme und küßte ihn mit ungewöhnlicher Innigkeit. „Mein Sohn, mein lieber Sohn! Ja, da bin ich, da bin ich! Und Du, mein Kind, na, wie geht es Dir? Du siehst ja prächtig aus!" Er hatte wohl recht. Schön war er ja immer gewesen, sein blonder Lieblingssvhn; aber er hatte doch nie ansgesehen wie jetzt. Es lag etwas in den Zügen, in den Augen, was früher nie darin gewesen, eine Weichheit, ein Reiz, eine Erleuchtung, wie die Lösung eines holden Rätsels, die ihm jetzt erst zum Bewußtsein gebracht das Glück zu leben, jung zu sein. „Und was bringt Dich, lieber Vater, so unverhofft nach Berlin?" fragte Julius, ahnungslos den Gedankengang Rubens unterbrechend. „Wie hast Du mich denn eigentlich hier aufgesunden?" „Das werde ich Dir schon alles erzählen, mein Sohn. Sag' mal, hast Du bereits gegessen?" „Nein, ich kam nur einen Augenblick heraufgesprungen, weil . . ." er unterbrach sich hastig und sah sich um, als suche er etwas. „So nehme ich Dich mit zu Frank heute," sagte Herz aufstehend und nach dem Hute greifend. „Es muß Zeit sein, und allzulange darf ich Dich mittags wohl nicht anfhalten. Wir plaudern dann unterwegs weiter." „Ja, lieber Vater. Warte nur einen Moment noch; ich will nur die Colberg etwas fragen —" „Ach, komm' doch, komm!" unterbrach ihn der Vater, ihm rasch an der Tür den Weg vertretend, um eine Begegnung zu verhindern. „Das kannst Du ja später tun." Er faßte Julius unter den Arm und zog ihn an der Küchentür vorbei mit sich die Treppen hinunter, nun unausgesetzt plaudernd, um des Sohnes Aufmerksamkeit abzulenken: „Du sollst ja dann noch mit mir gehen, Julius, nach dem Gasthof. Ich will Dich dort jemand vorstellen. Ich habe nämlich eine nette, sehr nette Reisegesellschaft gehabt, außer unserem Hauptmann Fritze! Denk' mal, der ist auch hier, wirst ihn dann auch sehen. — Na, ja, also einen jungen Theologen habe ich kennen gelernt, wirklich netter Mensch, fremd hier und weltungewandt. Wenn Du ihin ein wenig behilflich sein würdest mit allerlei nötiger Auskunft, ihm geeignetes Logis, Mittagstisch usw. Nachweisen könntest, überhaupt Dich seiner annühmst!