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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-05 · Heft 27 (5.7.1907) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 27 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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322 Line Mutter. Von Schalom Asch. Deutsch von F. Hurwitz. I. Marktplatz des Städtchens ist viereckig; er ist von kleinen, niedrigen, weißgetünchten Häuschen umgeben. In dein einstöckigen Hause, gegenüber dem Brunnen, wohnt der Bäcker; dichter Rauch qualmt aus dem Schornstein dieses Hauses und verbreitet sich über den ganzen Ringplatz. Weiße Tauben fliegen unter dem Rauche hin und her, ein großer Junge steht vor der Haustür und lockt sie. Gegenüber dein Brunnen stehen auch „Stellen"?) Ueber zwei Stühlen liegt eine alte Tür, und auf diese ist verschiedenes Obst ausgebreitet. Frauen mit sonnverbrannten müden Gesichtern und trotz der Hitze mit um den Kops gewickelten Tüchern stehen vor der „Stell" und streiten miteinander. „Na, als ob es sich löhnen würde, mit Dir zu zanken, Du Schnorrerin, Du Bettelweib." Jente, eine ungefähr 40jährige Frau, deren breiter Mund so laut schimpft, trägt eine breite, schmutzige Schürze, und der Ausdruck ihres dicken, sonnverbrannten Gesichtes, welches mit ungetrübter Ruhe aus dem Tüchel herausschaut, scheint jedes ihrer Worte zu bejahen. „Was meinst Du, hast schon Gott am Bart erwischt? Er ist mein, so gut wie Dein," antwortet ihr Taube, vor Aufregung das Kopftuch rasch über die Ohren ziehend und die Haare dahinter zurückstreichend. Eine Käuferin kommt an die „Stell" von Jente, und Taube, die müßig steht, flucht eifrig weiter. „Was taugt Dir Dein Geld, Prizete,") wirst sterben und nicht mal ein Hund wird nach Dir Kadisch sagen", schreit sie empört. Sie ist im Begriffe, absichtlich ihres geliebten Sohnes Jizchokel zu erwähnen, meint aber doch, daß es nicht schön sei, sich selbst dessen zu rühmen und setzt ihre Rede nicht mehr fort. Jente, für die Käuferin ein Pfund Birnen abwiegend, erwidert: „Wenn Dn was Rechtes wärest, wäre Dein Mann doch nicht gestorben, und Dein Kind würde sich Deiner nicht schämen; er schämt sich doch mit Dir!" Taube gerät in heißen Zorn und schreit laut: „Du niederträchtige Person, Du Unverschämte, mein Kind schämt sich meiner? Umkommen sollst Du für seinen kleinsten Nagel, Du bist nicht wert, seinen Namen auszusprechen." Sie ist nahe daran, aus Verzweiflung ob einer solchen Beschuldigung in Schluchzen auszubrecheu; nur um Jente nicht mit ihren Tränen zu erfreuen, drängt sie diese mit aller Gewalt zurück. Die Sonne hat sich inzwischen allmählich hinter das Städtchen gesenkt, und Juden eilen rasch über den Marktplatz ins Bethans zu Mincha.3) Am Brunnen, inmitten der Straße, beginnen sich die eben aus dem Cheder entlassenen Kinder zu sammeln. Taube nahm ihre Obst- und Gemüsekörbe (die Türe nebst Stühlen läßt sie am Markte zurück, niemand wird solche ’) Improvisierter Gemüsestand. -) Priezete, Gutsbesitzerin (hier ini ironischen Sinne). i!) Mincha, Vespergebet. stehlen), und der groben Jente noch einige Flüche widmend, geht sie langsam von dannen. Mit den Körben auf den Armen, allein nach Hause gehend, denkt sie an Jizchokel. Jentes giftige Worte wollen ihr nicht aus dem Sinn. Ob der Beschuldigung, daß sie den Tod ihres Mannes verursacht haben sollte, kränkt sie sich nicht. Alle wissen, wie treu und aufopfernd sie ihn gepflegt hat, aber die Bemerkung, daß Jizchokel sich ihrer schäme, geht ihr tief zu Herzen. Es scheint ihr wirklich, als ob er abends bei seiner Heimkehralles verschmähe, was sie ihm anbietet. Bei diesen Gedanken begann sie wieder Jenten zu sülchen: „Nicht erleben solle sie dies, Gott gerechter, Vater meiner!" Es schien ihr, daß, falls Jizchokel sich ihrer wirklich schänie, dies einzig und allein nur das Werk dieser Hexe sei. „Mein Kind, mein Jizchokel, was will man nur von ihn:?" Und mit schmerzerfüllter Stimme ruft sie wieder: „Gott gerechter, Du bist doch der Vater der Waisen, nimm Dich ineiner an, lasse sie hierfür büßen!" „Wem gilt das? Wem flucht Ihr so sehr, Taube?" fragte sie Reche, die „Negidkste"'), die vor der Türe ihres Manufakturgeschäftes stand. „Wem, Balbuste-), wenn nicht dieser Niederträchtigen, Verdammten?" ruft sie, mit dem Finger nach dem Marktplatz zeigend, und nicht einmal aufblickend, um zu sehen, wer sie ansprach, ging sie ihres Weges. Während sie nun so weiterschreitet, erinnert sie sich, daß sie heute morgens, als sie in Neches Küche trat, um eine Henne dort zil verkaufen, aus denr angrenzenden Zimmer die Stimme ihres Jizchokel hörte, der mit den Söhnen des Hauses über Talmud-Fragen disputierte. Sie wußte, daß heute am Mittwoch ihr Kind bei Reche speise und ging absichtlich heute mit der Henne hin, damit ihr Kind eine gute Suppe haben solle; er ist doch so schwach, so mager. Die Stimme ihres Kindes vernehmend, wollte sie sofort die Küche verlassen, allein sie konnte sich doch nicht losreißen. Ihr Jizchokel disputiert mit Neches Kinder im „Lernen"3)! „Als ob die was können? Sie verstehen »licht soviel wie er im kleinsten Finger!" „Er wird sich schämen, falls er mich hier mit der Henne in der Hand antrifft", denkt sie erschreckt. „Seine Mutter eine Marktfrau! Wie vornehm sich dies anhört!" meint sie ironisch und kalln sich trotzdem noch immer nicht entschließen, die Küche zu verlassen. „Mein liebes Kind! Nicht einen Groschen hat mich seine Erziehung gekostet, und wieviel geben die Reichen dafür aus? Wieviel kosten NecheS Kinder?" „O, wäre mein Mann noch am Leben — könnte er Jizchokel sehen, er wäre sicherlich von seiner Krankheit genesen!" Während diese Gedanken rasch ihr Hirn durchfliege»,, öffnet sich die Tür, es zeigen sich Neches Kinder und ihr Jizchokel; letzterer mit vor Eifer geröteten Wangen. „Guten Morgen!" sagt er leise und verschwindet bald zur Türe hinaus; sie weiß, daß sie ihn gekränkt, daß er sich ihrer vor den Kindern schäme. Ihr Herz überquillt von Leid. Es scheint ihr, daß auch daran Jente schuld habe, und init lauter Stimine flucht sie wieder: „Gott gerechter! Räche an ihr das mir zugefügte Unrecht!" h Negidiste, reiche Bürgersfrau. 2) Balbuste, Hauswirtin, als Ansprache wie „gnädige" Frau gebraucht. 3) .lernen", abgekürzter Ausdruck für das Studium der Heiligen Schrift und des Talmud.

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